„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume. Ich leb in euch und geh durch eure Träume – Mit diesen Worten von Ringelnatz möchte ich mich von euch allen verabschieden.“ Eine Todesanzeige, die von der Verstorbenen selbst formuliert wurde – das ist typisch für Evelyn Brucker. Der Tod war für sie Bestandteil des Lebens – und er wurde es erschütternd früh: Ihr Vater war im Krieg gefallen, und die Mutter starb, als das Mädchen elf Jahre alt war. „Ich habe meine Mutter bis zum Tod begleitet“, berichtete Evelyn Brucker einmal. Und nicht nur das: Sie hat sich auch schon als Elfjährige um ihre Geschwister gekümmert. Aufgewachsen sind die vier dann in einem kleinen, familienartigen Kinderheim.
Jahrzehnte später hat Evelyn Brucker in Hall einen Gesprächskreis „Kriegskinder und ihre Erfahrungen“ angeboten, und vor allem war sie Initiatorin und Mitbegünderin des Haller Hospizdienstes.
Brucker war es immer ein Anliegen, sterbende Menschen und deren Angehörige nicht alleine zu lassen. Die am 7. Februar 1934 in Berlin Geborene und dort Aufgewachsene hat sich während der Krankheit und der Sterbephase ihrer Mutter vorgenommen, Krankenschwester zu werden. Dieses Vorhaben hat sie gleich nach der Mittleren Reife umgesetzt.
Ihr Haushaltsjahr absolvierte sie in England. Als Krankenschwester arbeitete sie zuletzt auf einer onkologischen Station, wo sie auch Krebskranke in der letzten Lebensphase begleitete. Mit 24 Jahren heiratete sie und zog 1957 mit ihrem Mann Walter Brucker nach Hall. Das Paar bekam acht Kinder.
1982 ist Evelyn Brucker der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross begegnet, die sie tief beeindruckt hat. Für mehrere Wochen ging sie nach Amerika, um Seminare bei Kübler-Ross zu besuchen. Und 1992 gründete sie gemeinsam mit den Haller Krankenschwestern Gerlinde Boger und Inge Comtesse sowie der Ärztin Annegreth Barth den Hospizdienst.
Für ihren eigenen Tod hat sich Evelyn Brucker gewünscht, sicher sein zu können, dass sich jemand um sie kümmert. Das war dann auch so: Die Familie und der Hospizdienst haben Evelyn Brucker in der kurzen Zeit der schweren Krankheit zu Hause betreut, berichtet Anna-Gela Henkel-Kochendörfer. Die Angestellte des Haller Hospizdienstes war mit Brucker befreundet. Sie spricht voller Hochachtung von der Verstorbenen: „Sie war ein sehr sozialer Mensch, der einem immer in liebenswerter Art Rat geben konnte. Sie war die Grande Dame der Haller Hospizbewegung.“
Michael Brucker beschreibt seine Mutter als sehr strukturiert. Sie habe den „großen Familienbetrieb“ mit acht Kindern mit Geradlinigkeit geführt. Ab den 70er-Jahren habe sie sich mehr Freiraum genommen für eigene Interessen, zu denen auch der Alpenverein gehörte.
Evelyn Brucker hinterlässt acht Kinder, 14 Enkel und sechs Urenkel. Die Beisetzung findet im engeren Kreis auf dem Haller Waldfriedhof statt.