„Er war vollkommen unbestechlich, stets bemüht das Richtige zu tun. Ihm ging es immer um die Sache“, sagt Verena Rothaupt über ihren Vater Erhard Eppler. Sie und ihre ältere Schwester Susanne Stetter sowie eine jüngere Schwester ihres Vaters standen in den vergangenen Tagen an der Seite ihrer Mutter Irene Eppler. Erhard und Irene Eppler waren 68 Jahre verheiratet. Die jüngste Tochter Dorothea Eppler lebt in Kanada. Sohn Christoph starb im Januar dieses Jahres nach schwerer Krankheit.

Seine Überzeugungen waren Eppler wichtig, nicht die Karriere, sonst hätte er 1974 nicht seinen Hut als Entwicklungshilfeminister genommen. Das habe er nie bereut, machte er deutlich. Aber die Zeit als Minister war prägend, denn Reisen in die Sahelzone in Afrika veränderten ihn. Er sah Elend und Leid, Dürre, skelettierte Schafe und Ziegen am Wegesrand. Eppler kam als Ökologe zurück und prophezeite schon damals, dass sich die Menschen von dort massenhaft nach Europa aufmachen würden, wenn die Entwicklungshilfe nicht verbessert wird – nicht die einzige Vorhersage, mit der Eppler recht behielt. Der SPD-Politiker sah die Ökologie als ein Kernthema und platzierte grüne Themen, als es die Grünen als Partei noch nicht gab.

Schwäbisch Hall

„Er war sein Leben lang angetrieben von seinen Themen. Mich faszinierte sein starkes Beharren“, sagt Susanne Stetter und nennt ein Beispiel. Noch Ende Juli dieses Jahres trieb Eppler die Sorge um den Ukraine-Konflikt um. Der Sozialdemokrat gründete eine Friedensinitiative, wandte sich an die Öffentlichkeit unter der Überschrift „So nicht!“. Eppler war der festen Überzeugung, dass die vom Westen gegen Moskau verhängten Sanktionen falsch sind, dass es nur durch ein gutes Verhältnis zu Russland ein auf Dauer friedliches Europa gibt. Das hängt auch mit seiner Biografie zusammen. Eppler hatte den Zweiten Weltkrieg erlebt, wanderte am Ende als junger Soldat viele Kilometer heimwärts durch schöne Natur, aber durch Städte in Trümmern. Er sah die zerstörerische Kraft von Politik und wollte selbst Verantwortung für eine gute Politik übernehmen – eine Motivation, die ihn sein ganzes Leben trug.

Seine Themen und Prinzipien gaben ihm große Schaffenskraft für viele Schriften und Bücher. Erhard Epplers miteinander verbundene Themen waren neben der Ökologie eine nachhaltige Friedens- und Entwicklungspolitik und der Kampf gegen den Marktradikalismus. Dabei handelte der ehemalige Kirchentagspräsident aus einem christlich­-protestantischen Geist heraus. Er blieb seinen Überzeugungen stets treu. Dadurch behielt er Glaubwürdigkeit, das verschaffte ihm Respekt, aber für andere wurde aus dem Vordenker schnell ein Störenfried, weshalb er viel ­einstecken musste. „Er war un­glaublich fleißig und diszipliniert, konnte komplexe Zusammen­hänge verständlich erklären. Er wollte ein guter Lehrer sein und war ein Pädagoge mit Herz“, erzählt Verena Rothaupt, die selbst Lehrerin wurde. Dass diese Fähigkeit auch in den Genen von Eppler steckte, zeigt ein weiterer Blick in seine Biografie. Eppler wurde am 9. Dezember 1926 als viertes von sieben Kindern in Ulm geboren und kam nach Hall, weil sein Vater 1930 als Rektor von St. Michael in die Kocherstadt versetzt wurde. Eppler bezeichnete sich selbst als überzeugten Schwaben und erläuterte zwei verschiedene Welten, die auf ihn wirkten.

Epplers Mutter entstammte einem angesehenen Pfarrersgeschlecht in Württemberg – den Dieterichs. Sie war für die Freien Wähler erste Stadträtin in Hall. Der Landes- und Bundespolitiker Eppler hielt sich aber selbst aus der Kommunalpolitik eher raus – mit wenigen Ausnahmen. Wenn sich beispielsweise ein Landeswirtschaftsminister Walter Döring in die Kommunalpolitik einmischte, dann gab es von Eppler Contra.

Sein Vater war der Enkel eines armen Albbauern. Dessen Vater diente in der Armee und war Beamter. Die Württemberger halfen ihren Beamten, wenn deren Kinder studieren wollten. So studierte Epplers Vater Mathematik und Physik, unterrichtete an St. Michael, auch seinen Sohn Erhard. „Mein Vater erzählte mir, dass der Matheunterricht seines Vaters gut verständlich war“, erzählt Verena Rothaupt. Eppler entschied sich aber für die sprachliche Schiene – seine sprachliche Sensibilität sprach er einem anderen Lehrer zu: seinem Haller Gymnasiallehrer Gerhard Storz.

Erhard Eppler Bilder aus dem Leben des Haller Ehrenbürgers

Eppler studierte Anglistik, Germanistik und Geschichtswissenschaften und promovierte. Er war Lehrer am Gymnasium in Schwenningen am Neckar, wo er die Zügel scharf hielt. „Aber ich war halt ein Schwabe – net gschimpft isch gnug globt“, machte Eppler deutlich, nicht ohne den Hintergrund zu erläutern. Die Prognose des damaligen Rektors lautete: Die Hälfte der Schüler fällt durch. Epplers Ehrgeiz war angestachelt. Er arbeitete mit den Schülern so, dass alle das Abi schafften. „Er ließ jeden Tag eine Vokabelarbeit schreiben“, weiß Verena Rothaupt. Das bedeutete viel Arbeit für die Schüler, aber auch für den Lehrer, der das nicht scheute.

Eppler hat seine letzten Tage daheim im Elternhaus seiner Mutter verbracht – in der vertrauten Umgebung, in die er mit seiner Frau Irene vor rund 30 Jahren gezogen war, um seinen Lebensabend in Hall zu verbringen. Dort waren Persönlichkeiten zu Gast wie Gerhard Schröder, um ihn um Rat zu fragen. Eppler sei während seiner Kanzlerzeit sein unverzichtbarer Ratgeber gewesen, auf sein Wort habe er gehört. Schröder charakterisierte in seiner Laudatio Eppler als unangepasste Persönlichkeit mit Hartnäckigkeit, Gewitztheit und großer Freiheitsliebe, als Eppler 2015 Ehrenbürger der Stadt Hall wurde. Bis ins hohe Alter wurde der Mann mit dem weißen Kinnbart wie ein lebendes Denkmal aufgesucht.

„Er empfand es als ein unheimliches Privileg, dort oben in der schönen Umgebung am Waldrand mit seinem Garten zu wohnen“, erzählt Verena Rothaupt. Zeit, die ihm für seine eigenen Kinder fehlte, nahm er sich dort für seine sechs Enkel und vor allem für elf Urenkel. Zeit nahm er sich auch für seinen Garten auf dem Friedensberg – neben der Politik Epplers weitere große Leidenschaft. Der Name Friedensberg geht auf den Wunsch des damals 80-jährigen Epplers zurück, den „Galgen“ abzulegen und wieder den ursprünglichen Namen zurückzugeben. Das passt zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der Friedensbewegung der 1980er-Jahre, wie Eppler eine war.

Mit Baskenmütze auf dem Kopf und Schürze um den Bauch hat er allerlei Gemüse angebaut und erntete noch im vergangenen Jahr Kartoffeln gemeinsam mit Urenkeln. Der Garten war bis in den späten Herbst hinein sein Ausgleich zur Arbeit am Schreibtisch. Er redete nicht nur über eines seiner ihm wichtigsten Themen Ökologie, sondern lebte es daheim in seinem Garten.

„Das war so eine Art Abschied“, sagt Susanne Stetter dazu, dass ihr Vater noch mal intensiv seinen Garten anschaute, als er aus dem Krankenhaus zurückkam. Dann ging er ins Haus, wo er die letzten Tage blieb. In der zweiten Septemberhälfte machte ein Bronchialinfekt Erhard Eppler schwer zu schaffen. Der Husten wurde nicht besser, sondern schlechter, das Risiko einer Lungenentzündung entstand. Deshalb kam er rund drei Wochen ins Diak. Auf eigenen Wunsch durfte der 92-Jährige wieder nach Hause. „Seine Kraft verließ ihn dann einfach immer mehr“, erzählt seine Tochter Verena. Er aß und trank kaum noch, aber seinen Humor hat er bis zum Schluss nicht verloren. „Trink auch gut was“, lautete der Rat seiner Tochter Verena, die schon auf dem Sprung war. „Fahr du gut was“, antwortete ihr Vater Erhard drei Tage vor seinem Tod mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Selbstironischer Humor und Bescheidenheit, damit nahm Eppler auch viele Preise und Auszeichnungen an, wie Würdigungen als Ehrenprofessor oder Ehrenbürger. „Was das tägliche Leben angeht, hat sich eines verändert. Meine Frau sagt häufiger zu mir: So kannsch net rumlaufa“, antwortete er auf die Frage, was sich für ihn als Haller Ehrenbürger verändert hat.

Der 92-Jährige konnte bis zum Ende aufstehen, war nicht ans Bett gefesselt und bei klarem Verstand. Seine Tochter Susanne brachte ihm eine Zeitung mit und holte ihn mit politischen Themen aus seiner Schläfrigkeit. SPD und CDU sollen die Große Koalition mit Anstand zu Ende bringen, ihn bewegte die Einheit der Sozialdemokraten und er erinnerte an die große Leidensfähigkeit von Willy Brandt in vielen schwierigen Situationen. Daran sollte sich die heutige SPD ein Beispiel nehmen und geschlossener agieren, persönliche Eitelkeiten stärker rauslassen. Erhard Eppler war ein politischer Mensch bis ans Ende. Sein großer Wissensdrang wird auch beim Blick auf die letzte Lebensstunde deutlich. „Ich bin neugierig, ohne etwas Sicheres zu wissen“, antwortete der Protestant auf die Frage, ob er an ein Leben nach dem Tod glaubt. Angst sei ihm auf diesem Gebiet ziemlich fremd. Sein Glaube war dem Protestanten wichtig. Solange er konnte, ist er zum Gottesdienst zu Fuß runter in die Stadt gegangen, um dann wieder mit dem Oberstudiendirektor in Rente Walter Hampele hochzufahren.

In der Nacht zum Samstag schlief Erhard Eppler „friedlich ein und wir sind dankbar für ein langes und erfülltes Leben“, sagt Verena Rothaupt. Die Trauerfeier für Erhard Eppler ist am Reformationstag, 31. Oktober, um 14 Uhr in St. Michael geplant. Beigesetzt wird er im engsten Familienkreis auf dem Nikolaifriedhof.

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