Schwäbisch Hall Nach 13 Jahren ist Schluss: Freilichtspiele-Intendant Biermeier im Interview

SWP 10.10.2015
Nach der Saison 2016 nimmt Christoph Biermeier seinen Hut. Über seine Entscheidung spricht er mit HT-Chefredakteur Marcus Haas sowie den Redakteurinnen Bettina Lober und Monika Everling.

Herr Biermeier, wie war's im Urlaub?

Schön. Wir waren ganz unten im Stiefel von Italien, im Salento, eine super Gegend. In Lecce gibt es ein Amphitheater mit 20 000 Plätzen, unglaublich.

Haben Sie dort etwas angeschaut?

Mit zwei kleinen Kindern ist das schwierig. Lecce ist momentan italienische Kulturhauptstadt. Es gab viele Tanzveranstaltungen. Ansonsten habe ich ausgeruht: Familie und Meer - das war schön.

War Ihre Entscheidung, dass Sie aufhören als Intendant, auch Thema?

Nicht im Urlaub. Das haben wir im Vorfeld besprochen. So eine Entscheidung trifft man nicht allein. Da hängt eine Familie dran. Es geht auch darum, was wir dann machen. Bleiben wir hier? Es gibt ein gutes Netzwerk, mit Oma und Opa.

Sie machen das nicht mehr rückgängig?

Nein (lacht). Der räumliche und zeitliche Abstand tat gut. Es fühlt sich richtig an. Natürlich ist auch Wehmut dabei: Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, künstlerisch und menschlich.

Gab es nach der Bekanntgabe Ihrer Entscheidung Reaktionen? Überredungsversuche, Sie umzustimmen?

Es gab viele Reaktionen: SMS, E-Mails und Anrufe. Ich habe sagen müssen: Ich lebe ja noch. Im Vorfeld habe ich mit einigen Vertrauten darüber diskutiert. Einige meinten: Bleib doch da, das war eine super Saison 2015.

Und Sie wurden nicht schwach?

Nein. Neulich war Kuratoriumssitzung, da ging es erneut um die Pläne zum Thema Nachfolgebau oder Ertüchtigung des Globe-Theaters. Da entsteht jetzt eine gute Diskussion. Da gab es schon einen wehmütigen Moment.

Wieso kommt der Entschluss gerade jetzt? Immerhin haben Sie einen unbefristeten Vertrag.

Es ist ja nicht so ungewöhnlich, dass man im künstlerischen Bereich und in der Funktion als Intendant auch mal wechselt. 13 Jahre sind eine lange Zeit. Und bevor sich Routine einschleicht, hört man lieber auf. Wir haben nächste Spielzeit das erste Mal wieder ein Stück, das wir schon 2004 auf dem Spielplan hatten.

Man könnte aber doch sagen: "Das möchte ich jetzt ganz anders machen"?

Aber ich stehe für etwas mit meinem Team, eine kontinuierliche Entwicklung: Theater für die Stadt zu machen, im öffentlichen Raum, uns zu vernetzen mit Institutionen in der Stadt - Schulen, Sonnenhof, Volkshochschule, Kulturbüro - mittlerweile ein Ganzjahrestheater. Im Haal haben wir das tolle Gebäude mit Werkstätten, Räumen und Büros. Mit der Haalhalle haben wir einen Proberaum und einen Aufführungsraum, von der Landesregierung wird die Theaterpädagogik noch bis nächstes Jahr bezahlt. Wir haben eine professionelle Infrastruktur aufgebaut. Nun ist eine Grenze erreicht mit den 2,4 Millionen Euro, die uns jedes Jahr zur Verfügung stehen. Mehr geht nicht. Jetzt ist es an einem Punkt, an dem ich sage: fertig.

An anderen Theatern bestimmt meist der Intendant den Spielplan. In Hall müssen Sie Rücksprache mit dem Kuratorium halten - ein Hemmschuh?

Nein. Das ist eigentlich eine gute Lösung, weil das Kuratorium damit auch in der Verantwortung ist. Natürlich war das zunächst gewöhnungsbedürftig. Es gibt kein Vorschlagsrecht des Kuratoriums, aber ein Vetorecht. Die Mitglieder können ein Stück ablehnen. Die Diskussionen waren konstruktiv.

Wurde mal ein Stück abgelehnt?

Ja, "Le Bal". Darin geht es um die Geschichte eines Ballsaals. Erzählt wird stumm, nur mit Kostümen und Tänzen. Das hätte ich mir wunderbar vorstellen können auf der Treppe - total ohne Worte. Das war wohl zu sehr Experiment. Im Jahr davor hatten wir "Figaro kurz vor der Hochzeit" gemacht, da war so ein Aufruhr in der Stadt, dass das Kuratorium sagte, jetzt lieber vorsichtiger. Das Kuratorium war hier etwas konstruktiv. Auf der anderen Seite bildet es aber auch die städtische Gesellschaft ab - vielleicht nicht ganz, es fehlen ein paar junge Leute.

Es gibt auch den wirtschaftlichen Druck: der Blick auf die Zuschauerzahlen. Sie haben jetzt einen Zuschauerrekord erzielt. Steht der im Widerspruch zur künstlerischen Freiheit?

Der Druck auf Freilichtspiele ist immer groß. Ein normales Stadttheater muss zwischen 15 und 18 Prozent seines Budgets über Eintrittskarten einnehmen, wir 66 Prozent - und das ohne Dach. Wenn wir eine ausverkaufte Vorstellung auf der Treppe ausfallen lassen und zurückzahlen müssen, dann fehlen 40000 bis 50000 Euro. Der Druck ist auch größer geworden. Früher hieß die Freilichttheater-Faustregel: Zwei Stücke müssen's tragen, eines darf man wagen. Nun ist es so, dass auch der Klassiker oder das Experiment einen Deckungsbeitrag leisten sollte. Und die Erhöhung der Zuschüsse steigt nicht so an wie die Preissteigerungsrate und die Tariferhöhungen. Den Mindestlohn spüren wir total. Das betrifft großteils die Ordner.

Bewirkt das bei Ihnen eine Schere im Kopf? Wie wägen Sie zwischen Kunst und Wirtschaftlichkeit ab?

So richtig weiß man nie, ob etwas funktioniert. Im Globe-Theater haben wir noch etwas mehr Experimentiermöglichkeiten. Aber bei der Treppe: Bestimmte Dinge denkt man nicht mehr. Damals beim "Kirschgarten": totales Risiko. Wir ahnten, da kommen nicht viele Leute. Das haben wir dann mit "Summer of Love" kombiniert und versucht, auf die sichere Bank zu setzen. Dass man da auch auf die Nase fallen kann, sah man beim "Weißen Rössl": super Kritiken, begeisterte Zuschauer, aber halt nur 13000 statt 25000 Zuschauer. Das ist schiefgegangen, dann kamen wir in die finanzielle Schieflage.

Schwingt so etwas auch in Ihrer Entscheidung für den Abschied mit? Oder muss man damit zurechtkommen?

Klar muss man damit zurechtkommen. Auch auf der Spielzeit 2015 lag ein großer Druck. Wir haben noch Schulden. Und dann hat man so ein Stück wie "Tochter des Salzsieders", als Bürgertheater mit vielen Laien, eine Romanbearbeitung, neu für uns geschrieben. Wir wussten nicht: Will das außerhalb von Hall jemand sehen? Das war ein Risiko. Gleichzeitig noch "Stairways to Heaven", auch noch unerprobt. Ich habe gelernt, Risiken besser einzuschätzen. Und dass vermeintlich sichere Bänke wie "Kiss me, Kate" und "Weißes Rössl" gar nicht so sicher sind. Manchmal ist es gut, ein Risiko einzugehen für Produktionen, die man nur in Hall und nur auf der Treppe sehen kann. Damit sind wir am besten gefahren: "Comedian Harmonists", "Glenn Miller", "Summer of Love", "Tochter des Salzsieders" und jetzt "Stairways". Das sind die Eigengewächse, die Gott sei Dank auch den Zuschauererfolg gebracht haben.

Fühlen Sie sich in Ihrem Wirken als Intendant genug wertgeschätzt? Direkt gesagt: Sind Sie auch persönlich beleidigt und gehen vielleicht auch deshalb? Hat das auch etwas mit der Diskussion um die zweite Spielstätte zu tun?

Es ist doch klar: In so einer exponierten Position ist man gut beraten, wenn man bestimmte Dinge nicht so nah an sich rankommen lässt. Das gelingt mal mehr, mal weniger.

Bei der Saisonbilanz sagten Sie, Sie seien cooler geworden, aber zugleich dünnhäutiger.

Bestimmte Dinge lasse ich nicht mehr so nah an mich ran. Andere Sachen ärgern mich wahnsinnig. Zum Beispiel: beleidigende Leserbriefe. Wenn es um meine Künstler geht, da nehme ich es dann persönlich. Was das Globe-Theater betrifft, das war leichter für mich handhabbar. Wenn es ins Künstlerische geht, kann man nicht so genau definieren, was Qualität ist. Meistens ist es Geschmack. Es gibt diese schöne Anekdote von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal, die spazierengehen: Hofmannsthal schwadroniert über Sinn und Unsinn von Theaterkritik. Und Strauss sagt: "Hör doch auf, g'lobt wollen wir werden!" Wertschätzung haben wir schon bekommen hier.

Nochmals zum Spielplan: Andere Freilichttheater orientieren sich oft an Filmtiteln. Beobachten Sie das auch und distanzieren Sie sich bewusst davon?

Auch das Freilichttheater ist Moden unterworfen. Im Moment sind Romantitel in: "Der Hundertjährige" oder "Tschick". Vor einigen Jahren waren es Filmadaptionen. Als wir anfingen, gab es in der Freilichtszene so etwas wie die Götterdämmerung der Patriarchen. An vielen Orten wurden junge Intendanten gewählt. Man versuchte, Freilichttheater näher an Ästhetiken des Stadttheaters heranzuführen, mit mehr Experimenten. Bei unserem "Sommernachtstraum" haben wir den Wald nur mit Tänzern dargestellt. Das ändert sich jetzt wieder, die Geschichten sollen wieder linearer erzählt, geradliniger, eindeutiger, genauer lesbar sein. Aber mich interessieren auch die gebrochenen Charaktere stark.

Werden ihre künftigen Wege wieder ans Freilichttheater gehen oder werden Sie lieber an Häusern arbeiten?

Nächstes Jahr arbeite ich hauptsächlich indoor. Es gibt aber eine Freilichtaufführung, auf die freue ich mich total: die Wiederaufnahme der Melchinger "Winterreise" von 1997. Die soll im Winter 2017 auf die Schwäbische Alb kommen. Damals hat Peter Härtling seine Flüchtlingsgeschichte aufgeschrieben und das mit Schuberts "Winterreise" kombiniert. Das haben wir mit dem Theater Lindenhof am kältesten Punkt der Schwäbischen Alb gemacht.

Das heißt, Sie haben schon feste Verträge für die Zeit nach Hall?

Ja, wobei mir wichtig ist, dass ich jetzt erst mal ein Jahr frei bin. Als ich hier anfing, lag die Verwaltungsarbeit als Intendant bei 60 Prozent, und 40 Prozent war künstlerische Betätigung. Mittlerweile ist es 85 zu 15 Prozent, also 85 Prozent Verwaltung. Jetzt will ich erst mal inszenieren.

Nach dem freien Regiejahr werden Sie wieder Intendant?

Zwei Saisons lang bin ich auf der freien Wildbahn. Dann tut sich wieder was.

Das steht auch schon fest?

Ja. Wenn ich jetzt hier aufhöre, heißt das nicht, dass die Intendantentätigkeit nicht mehr interessant für mich wäre, im Gegenteil. An einem Freilichttheater mit einem kleinen Team lernt man unglaublich viel: über die Gestaltung von Flyern, die Auflösung von Fotos bis zum Vertragsrecht, zur Versammlungsstättenverordnung und zum Marketing - eine tolle Ausbildungszeit.

Was haben Sie aus der Debatte um das Globe-Theater gelernt?

Zum Beispiel, dass manchmal nicht die beste Idee auch als die beste wahrgenommen wird. Ich habe gelernt, wie Kommunikation funktioniert. Wie muss man so ein Projekt angehen, dass man die Menschen mitnimmt? Das war lange Zeit das Grundproblem.

Was hätte man besser machen können?

Wir dachten, eine Planungsskizze zu machen, damit darüber diskutiert werden kann, das sei gut. Auch in diesen Etappen: Kuratorium, Gemeinderat, Öffentlichkeit. Total überrascht hat, wie vehement die Reaktion darauf war und die Befürchtung, man würde ausgeschlossen. Das war nicht beabsichtigt. Ich habe diese Montagsgespräche gemacht. Das war gut, es gibt ein großes Bedürfnis, sich auszutauschen. Allerdings wird das, was jetzt der Fakt ist, immer noch nicht akzeptiert. Immer noch wird in Leserbriefen behauptet, dass der komplette Unterwöhrd abgeholzt werde. Aber die jetzigen Entwürfe lassen den Baumbestand zu 99 Prozent in Ruhe. Mit den Entwürfen und der Diskussion geht man den richtigen Weg, das hätte man früher machen müssen.

Sie haben sich immer für den Neubau einer zweiten Spielstätte stark gemacht - ist dem noch immer so?

Ja. Diese neue Gutachten sind verheerend für den jetzigen Bestand. Wände, Dach, Bestuhlung, das müsste alles neu gemacht werden. Dann wäre es ein neues Theater und nie mehr das Globe, das die Leute so lieben und das ich auch liebe. Was spricht dagegen, das Gute aus dem Globe mitzunehmen und in ein noch besseres Theater zu überführen? Es geht doch darum, die Freilichtspiele zukunftsfähig zu machen. Mit einer zweiten Spielstätte unterscheiden sie sich von anderen Freilichtspielorten.

Sie sagten, der beste Entwurf werde nicht als bester wahrgenommen. Welcher ist der beste?

Es gibt ja den Entwurf der Verwaltung, der ist sicher der ausgeklügeltste, der hatte auch am längsten Zeit. Die anderen finde ich spannend, aber die muss man überprüfen auf die Tauglichkeit.

Sie waren stark im Prozess involviert. Aber jetzt wird ein neuer Intendant gesucht, der gar nicht einbezogen ist. Sehen Sie das als problematisch an?

Ich will doch kein Biermeier-Theater. Es geht darum, dass das Theater eine gute Ausgewogenheit hat zwischen Bühnen- und Zuschauerraum. Dass es vielfältig und gut bespielbar ist, mit guter Technik, richtigen Nebenräumen und einer vernünftigen Größe. Das Theater soll 40 oder 50 Jahre da sein. Die durchschnittliche Verweildauer eines Intendanten liegt bei 3,5 Jahren. Deshalb warne ich davor, dem Intendanten das Architekturmandat zu erteilen und zu sagen: Bau dir dein Theater.

Aber: Wenn jetzt die Intendanten-Stelle vakant ist, erwartet man Bewerbungen von möglichen Intendanten, die ihre zweite Spielstätte gar nicht kennen?

Als bei den Münchner Kammerspielen der Wechsel von Dieter Dorn zu Frank Baumbauer war, wurde das Theater umgebaut. Baumbauer wusste auch nicht, wie es aussehen wird, und war danach total happy. Also, wenn's hier ein neues Theater gibt, ist das doch absolut genial für eine neue Intendanz. Ich garantiere, da kommen 20 Bewerbungen mehr.

Aber das hätte doch für Sie der Grund sein müssen, zu bleiben. Das ist doch die Chance schlechthin.

Naja, als ich bei der Kuratoriumssitzung die Pläne gesehen habe, hat das schon ein wenig geschmerzt. Aber nochmal: Das Theater ist dann frühestens 2018 fertig. Das hieße für mich drei Jahre länger - das sehe ich einfach nicht. Für mich geht nächstes Jahr ein Lebensabschnitt zu Ende.

Gehen Sie wirklich allein? Nehmen Sie von Ihrem Team die meisten mit?

Wenn ich nahtlos am 1. September 2016 beim Stadttheater X anfangen würde, dann ja. Jetzt verstreut es sich aber erstmal, und die sammelt man später vielleicht wieder zusammen.

Sie hatten sich damals im Team beworben, zu dem auch Georg Kistner gehört. Wird er dableiben?

Weiß ich nicht. Es gibt ein paar Festangestellte, die entfristete Verträge haben, die sind hauptsächlich in der Verwaltung. Alles andere obliegt der neuen Intendanz. Als ich angefangen habe mit meinem Team, haben wir aus der Plato-Ära zwei Menschen übernommen. Das ist ein normaler Vorgang.

Wie lange arbeiten Kistner und Sie schon zusammen?

Schon seit Studentenzeiten. Wir haben miteinander studiert. Also seit 30 Jahren. Als freier Regisseur kann man oft einen Kostüm- und einen Bühnenbildner benennen. Die meisten Theater haben fest angestellte Dramaturgen. Die sind sozusagen die Landungsbrücken für die Gastkünstler. Daher ist es leider nicht üblich, einen Dramaturgen mitzunehmen. Also, normalerweise gibt es einen Schnitt. Das ist auch richtig: Wenn ein Neuer kommt, soll er etwas Neues machen.

Was muss der Neue mitbringen? Hätten Sie einen Rat für ihn? Sie sagten, jeder muss seine eigenen Fehler machen . . .

Und sich auch trauen, sie zu machen. Für einen neuen Intendanten wird es in mancher Beziehung leichter, in mancher schwerer. Leichter wird die Infrastruktur, die er oder sie vorfindet. Wir haben auch inhaltlich viel erkämpft: Puppentheater, Tanztheater, die Geschichten mit dem Metropoltheater, die aus dem Nichts Poesie machen. Wir haben eine ästhetische Bandbreite hierher gebracht und eine Akzeptanz dafür geschaffen. Was schwieriger wird: Wir haben bereits viel besetzt: Jugendclub, Jugendtheaterfestival, Klassenzimmerstücke, Theaterpädagogik. Wir hatten ein Feld, das man beackern konnte. Jetzt ist es die große Kunst, dies zu erhalten.

Was wir nicht gemacht haben, ist das Star-Theater. Wir haben Ensemble-Theater gemacht. Wenn sich die Promis gut einfügten, haben wir die auch geholt: Ralf Wolter, Thomas Sarbacher, Susanne Bormann, Max Tidof. Aber das war nie das Prinzip. Den Glamour-Effekt haben wir nicht erfüllt. Das war auch nicht mein Ziel. Man kann es nie allen recht machen.

Im Rückblick: Was war Ihr größter Erfolg und was Ihr größter Misserfolg?

Stolz bin ich darauf, dass die Eigenproduktionen so eingeschlagen haben, weil das auch das größte Wagnis war. Persönlich mag ich meine Klassiker-Inszenierungen: "Faust", "Ödipus", "Kirschgarten" und den "Jedermann". Und dass es uns gelungen ist, dafür sind wir in der Freilichtszene auch bekannt, eine familiäre Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der sich 200 Menschen gut aufgehoben fühlen.

Hat das damit zu tun, dass es wenig Stars sind?

Wir haben versucht, große und kleine Rollen gleich zu bewerten. Alle sind wichtig, auch die technischen Gewerke. Die auf der Bühne sind nur so gut, wie es auch dahinter stimmt, Schneiderei, Maske, Requisite - das hat alles mit einer großen Genauigkeit zu tun.

Was würden Sie anders machen?

Manchmal hätte ich innerhalb der Stadt mit bestimmten Leuten mehr kommunizieren und mehr präsent sein können. Aber wenn man Familie hat und Kinder, will man die auch mal sehen. Man ist ja der, der man ist. (lacht) Immerhin haben wir auch Arbeitsteilung: Wenn es um Sponsoring geht und die politische Ausrichtung, dafür haben wir Jutta Parpart. Dann kann ich mich mehr um die Kunst kümmern. Und man hat eine Sorgfaltspflicht: 100 Künstler herzubekommen, ist viel Arbeit. Ich telefoniere schon wieder die ganze Zeit. Bald fahre ich nach Dortmund und Berlin, um Vertragsgespräche zu führen und mir Leute anzuschauen. Das kostet viel Zeit.

Schauen Sie viele Inszenierungen an?

Ja, aber nicht gern. Ich gehe wahnsinnig ungern ins Theater.

Warum denn das?

Ich gehe gern ins Tanztheater und in die Oper. Aber Schauspiel: Das ist wie bei einem Koch, wenn er essen geht. Der analysiert: hier mit Safran, dort mit Rosmarin. Man sieht mehr die Machart. Ich bin kein naiver Zuschauer, der das ästhetische Vergnügen hat. Das ist auch bei eigenen Inszenierungen so. Ich sehe eher die Fehler als das Gelungene. Aber beim Tanz nicht: Das kann ich nicht, das verzaubert mich dann, die Oper auch. Beim Schauspiel sehe ich immer die Mechanik.

Und Sie schauen auch nicht Ihre eigenen Premieren an?

Premieren von selbst inszenierten Stücken schaue ich nie. Zum einen denke ich: Jetzt gehört es den Schauspielern. Und: Premieren sind nie die besten Durchläufe, weil der ganze Druck da ist. Ab der dritten Vorstellung geht's bergauf. Das fand ich auch bei "Stairways" so: Die Premiere hat soundmäßig nicht gestimmt. Da war vieles noch nicht in den Schauspielern und ihren Körpern angekommen. Das hat sich erst freispielen müssen.

Wenn Sie in andere Sprechtheater gehen, dann um Schauspieler zu rekrutieren? Oder geht es um die Regieansätze?

Ich habe im Theater ja keine körperlichen Schmerzen (lächelt). Ich finde Fußball oft spannender. Aber ja, mich interessieren neue Stücke.

Lassen Sie sich davon inspirieren?

Klar, Theater ist immer auch ein Zeitphänomen. Es gab eine Phase, in der überall Videos eingesetzt wurden, Mikrofon, ein Sofa, Cowboyhüte und Sonnenbrillen. Das ist jetzt durch. Dann gab es eine Zeit - auch bei uns - mit Chören und chorischem Sprechen.

Fängt einer an und die anderen springen auf?

Ja, wie im Fußball: dass der Torwart jetzt der verkappte Libero ist, oder man auf Raumdeckung setzt und nicht mehr auf Manndeckung. Es gibt Entwicklungen. In den letzten zehn Jahren war die große Diskussion ums Regietheater, dass man Stücke zertrümmert. Und jetzt gibt es diese Rückbewegung eher zur Texttreue.

Ist es ein Ziel für Sie, Trends zu setzen?

Nein. Es geht im Theater darum, dass man auf eine intelligente Art möglichst viele Menschen erreicht. Das hat mit gutem und inspiriertem Handwerk zu tun. Meine Erfahrung ist, und die habe ich sehr stark hier in Hall gemacht, weil auf der Treppe nur wenig Bühnenbild möglich ist: Das Theater lebt komplett von den Menschen auf der Bühne. Der Schauspieler steht im Zentrum. Wenn der weiß, was er tut und sich wohlfühlt, dann geht eine irrsinnige Energie auch von so einer riesigen Treppe aus. Das habe ich hier gelernt, da war ich früher anders.

Sie hatten eine innere Motivation, als Sie in Hall angefangen haben. Jetzt fangen Sie wieder neu an? Fühlt sich das ähnlich an?

Ja. Als wir hier anfingen, wollten wir Impulsgeber für die Freilichttheaterszene sein. Ein Stück weit ist uns das gelungen. Und jetzt heißt es für mich wieder: mit großer Verve das Neue probieren.

Welche Impulse gingen von Hall aus?

Die Eigenproduktionen, das Spartenübergreifende mit Tanz, ganz viel Theaterpädagogik, auch diese Jugendclubs - das haben jetzt sehr viele.

Was nehmen Sie aus Hall mit?

Einen dann 13-jährigen Erfahrungsschatz an Intendanz und Instinkt. Ich habe mich am Anfang manchmal blenden lassen von Biografien. Darauf falle ich nicht mehr so schnell rein.

Und welche persönlichen Veränderungen haben Sie an sich wahrgenommen?

Ich habe ein bisschen zugenommen (lacht). Ansonsten: Das müssten eher andere sagen. Vielleicht war ich anfangs noch aufgeregter . . . keine Ahnung.

Wie bleiben Sie Hall verbunden? Immerhin haben Sie in Hall eine Familie gegründet, eine Hallerin geheiratet, dazu ist sie noch eine Siederin. Und Sie haben zwei Kinder. Wie steht die Familie zum möglichen Umzug?

Entscheidungen werden nur mit der Familie getroffen. Alleingänge mache ich nicht. Das gebietet die Fairness, weil mein Beruf auch viel Abwesenheit bedeutet - gerade abends und an Wochenenden. In der ganzen Inszenierungsphase bin ich praktisch weg. Da muss man viel aushalten.

Nächstes Jahr ist Ihre letzte Saison in Schwäbisch Hall. Was nehmen Sie sich dafür vor?

Ich inszeniere "Jesus Christ Superstar" und im Globe-Theater will ich auch noch etwas inszenieren.

Das wird dann richtig spektakulär?

Das will ich meinen. Wir jedenfalls werden alles dafür tun, dass es noch einmal eine besonders schöne Spielzeit wird. Wie es sich gehört für einen Abschied: emotional, bunt, vielfältig - und mit einem Schuss Wehmut! Ich freu mich drauf.

Herr Biermeier, vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person 

Christoph Biermeier wurde am 17. Dezember 1963 in Passau geboren. Von 1983 bis 1990 studierte er in München Theaterwissenschaften, Philosophie und Neuere deutsche Literatur. Während seiner Studienzeit war er Mitbegründer der freien Theatergruppe "Theater in der Tenne", die es sich zum Ziel gesetzt hatte, vergessene Theaterformen neu zu beleben. Nach seinem Studium war er Assistent an der Schauburg München und an den Städtischen Bühnen Freiburg. Von 1994 an arbeitete er als freier Regisseur, unter anderem am Bayerischen Staatsschauspiel München, dem Theater Lindenhof in Melchingen, dem Nationaltheater Mannheim, dem Staatstheater Braunschweig, dem Theater Osnabrück und den Städtischen Bühnen Freiburg. Lehraufträge hatte er im Masterstudiengang Bühnenbild an der Technischen Universität Berlin und 2009 an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Seit Herbst 2003 ist er Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Er hat die Nachfolge von Achim Plato angetreten. Christoph Biermeier hat in Hall geheiratet und eine Familie mit zwei Kindern gegründet.

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