Yavuz Narin spricht langsam, senkt seinen Kopf mehrfach, als schäme er sich für das, was in seiner Wahlheimat passiert. Die Worte des gebürtigen Türken lassen die Gäste in der Stuttgarter Landesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen staunen. Narin ist Teil des Prozesses gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Er vertritt die Familie von Theodoros Boulgarides, der 2005 von den mutmaßlichen Terroristen in München erschossen wurde. Der Jurist spricht vom Versagen der Behörden, von Beamten, die lieber Wahrsagern glaubten als stichhaltigen Untersuchungen. Er spricht auch von Vernetzungen zu Neonazis in der Region von Kocher und Jagst.

Es geht in Stuttgart um Konsequenzen aus dem NSU-Skandal. Dabei schielen die Teilnehmer erschreckend häufig nach Hall. Grund: Hier gab es den Ku-Klux-Klan. Mitglieder hatten Kontakt zum NSU und zur getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter.

Narin: Neonazis aus der Region als Unterstützer für NSU

Yavuz Narin, der Akteneinsicht zu den mindestens zehn Morden hat, bei vielen Sitzungen des Untersuchungsausschusses in Berlin dabei war, ist überzeugt: Die Täter mussten Unterstützer gehabt haben. Dafür spricht die These der Heilbronner Polizei, dass bis zu sechs Täter auf der Theresienwiese waren.

Die Generalbundesanwaltschaft geht allerdings davon aus, dass nur Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos für die Tat in Heilbronn in Frage kommen - obwohl keines der Phantombilder zu ihnen passt.

Die Phantombilder, die von den Behörden unter Verschluss gehalten werden, ähneln aber Neonazis aus der Haller Region, hochrangige NPD-Funktionäre, die Kontakte zum NSU gehabt haben sollen. Die Bilder wurden kürzlich von "Kontext Wochenzeitung" veröffentlicht.

Narin bezeichnet die lokalen Funktionäre als "Scharniere" zwischen der organisierten Kriminalität und dem NSU. Er fordert einen eigenen Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg.

Diese Forderung wird durch einen mysteriösen Tod befeuert. Florian H. verbrannte am 16. September am Rande des Cannstatter Wasens. Für die Polizei war schnell klar: der 21-Jährige hat sich im Auto seines Vaters mit Benzin übergossen und sich "vermutlich selbst" angezündet.

Verbindungen in die Region um Stuttgart

Die Geschichte hat aber einen Beigeschmack: Der Eppinger war Neonazi, hatte Anfang 2012 das Landeskriminalamt (LKA) auf Kontakte des Terror-Trios in die Region hingewiesen. Im kürzlich erschienenen Abschlussbericht des Berliner Untersuchungsausschusses wird H. erwähnt, als Hinweisgeber zu einer Neoschutzstaffel in Öhringen, die "als zweite radikalste Gruppe neben dem NSU" gelte. Es habe ein Treffen zwischen den beiden Gruppen in Öhringen gegeben. Dass es Verbindungen vom NSU in die Region um Stuttgart gab, bestätigt Günter Loos, Sprecher des Innenministeriums.

Am Tag des angeblichen Suizids war Florian H. vom LKA geladen, wo er um 17 Uhr erneut zu NSU und Polizistenmord befragt werden sollte. Bereits am Morgen hielt er in Cannstatt, an einem Ort, wo Jahre zuvor auch Böhnhardt und Mundlos mit ihrem Camper waren. Laut Zeugenaussagen verließ Florian H. das Auto. Als er wieder einstieg, kam es erst zu einer Verpuffung, dann brannte das Auto aus. Die Polizei in Stuttgart erklärt, dass ein Fremdverschulden "nahezu ausgeschlossen" sei. "Die Hintergründe für den Suizid dürften im Bereich einer persönlichen Beziehung liegen."

Für Narin klingt das sehr merkwürdig. "Die Zusammenhänge sind nicht ausermittelt." Gerade Baden-Württemberg zeige aber wenig Interesse, die Serie aufzuklären. Die Region um Hall könnte eine wichtige Rolle spielen, um der Wahrheit näher zu kommen, so Narin.

Mögliche Verbindungen des Ku-Klux-Klans