NSU Mord ohne Motiv? Mitglied von "NSU-Watch" spekuliert über lokale Verbindungen zum Polizistenmord

Die Gedenktafel für die ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter an der Heilbronner Theresienwiese.
Die Gedenktafel für die ermordete Polizistin Michèle Kiesewetter an der Heilbronner Theresienwiese. © Foto: Thumilan Selvakumaran
Schwäbisch Hall / ANDREAS DEHNE 05.08.2015
Experte Lucius Teidelbaum spricht in Hall über die vielen offenen Fragen zur rechten Szene im Landkreis und in Baden-Württemberg. Der Polizistenmord von Heilbronn gibt weiter Anlass für wilde Spekulationen.

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter wird der Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zugeordnet. Die Hintergründe der Tat sind jedoch noch immer nicht vollständig aufgeklärt. Lucius Teidelbaum, Mitglied der Gruppe "NSU-Watch", zeigt bei seinem Vortrag auf, welche möglichen Verbindungen des NSU es nach Baden-Württemberg, Heilbronn und Schwäbisch Hall gegeben haben könnte. Die Frage des Motivs kann auch er nicht klären. Aber eine Fülle an Informationen, Namen, Verbindungen, Details und Spuren aufzeigen, die erahnen lässt, welches Ausmaß die ganze Wahrheit haben könnte.

In Heilbronn wird die Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 auf der Theresienwiese getötet und ihr Kollege lebensgefährlich verletzt. Erst vier Jahre später wird das Verbrechen wegen Waffenfunden der rechtsterroristischen Gruppe NSU zugeordnet, die für eine Reihe rassistischer Morde verantwortlich gemacht wird, welche lange Zeit fälschlicherweise als "Döner-Morde" bezeichnet worden sind.

Seit November 2014 gibt es im Stuttgarter Landtag einen Untersuchungsausschuss, der die Aufarbeitung der Kontakte und Aktivitäten des NSU in Baden-Württemberg und die Umstände der Ermordung der Polizeibeamtin aufklären soll. Referent Lucius Teidelbaum ist Mitglied von "NSU-Watch Baden-Württemberg", einer Projektgruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Untersuchungsausschuss zu beobachten, zu dokumentieren und eigenständig weiter zu recherchieren. Aus diesem Grund werden auch keine Fotos von der Veranstaltung im Löwenkeller gewünscht.

"Zum Recherchieren bin ich oft in der rechten Szene unterwegs, erklärt Teidelbaum knapp. Da ist es besser, wenn man mein Gesicht nicht kennt." Den etwa 30 Zuhörern gibt er gleich zu Beginn seines etwa 90-minütigen Vortrages mit auf den Weg: "Sie werden mit mehr Fragen gehen als sie gekommen sind." In seiner Präsentation fallen viele Namen. Viele Fotos sind zu sehen und viele Zufälle werden aufgezeigt.

Enges Netzwerk von Thüringern und "Spätzles"

Zahlreiche Zusammenhänge werden dargestellt, und es tauchen immer wieder die gleichen Namen auf. Häufig in doppelter Besetzung. Als Mitglied einer rechten Vereinigung und als V-Mann des Verfassungsschutzes. Als Anwalt einer schwäbischen Kanzlei und zugleich als Sänger einer rechten Band. Auch die Ortsbezeichnungen werden immer lokaler. So tauchen auf den bei der NSU gefundenen Listen immer wieder Adressen aus Stuttgart, Tübingen und Ludwigsburg auf. Als die "Thüringer und die Spätzles" sollen sie sich im internen Gebrauch bezeichnet haben.

Eine Liste mit etwa 200 Namen von Unterstützern soll kursieren. "Manche halten eine Liste von 1000 Namen mit Unterstützern für möglich." Der Ursprung der Verbindung des NSU nach Baden-Württemberg könne seiner Meinung nach auch darin liegen, dass viele, die zusammen im Osten ihre Jugend verbracht haben, nach der Wende wegen der Arbeitsplätze nach Baden-Württemberg gekommen sind.

Dann wird es noch lokaler. Ein Geschäft in Wolpertshausen taucht auf, Polizisten, die dem Ku Klux Klan in Hall angehörten. "Der NSU war quasi umzingelt von V-Leuten, die offensichtlich nicht alles weiter gegeben haben. Oder noch schlimmer, der Geheimdienst wusste es und hat nichts getan."

Während bei den rassistisch motivierten Morden des NSU das Motiv auf der Hand zu liegen scheint, ist dies beim "geheimnisvollsten Mord, weil er aus der Reihe fällt", nicht annähernd zu erkennen. Ist Michèle Kiesewetter, die erst kurz zuvor ihren Dienst getauscht hatte, ein Zufallsopfer? "Ich halte dies für die unwahrscheinlichste Annahme", so Teidelbaum. "Hat sie etwas gewusst und hatte man Angst, dass sie etwas verrät?" Der Referent kann die Frage nicht beantworten. Aber durch seinen Vortrag haben die grausamen Taten Namen und Gesichter bekommen. Und eine lokale Nähe, die betroffen macht. Das heile Bild der bunten und weltoffenen Region hat hässliche Risse bekommen.

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