Der Schnitzplatz von Ricardo Villacis liegt tief im Mainhardter Wald hinterm Dennhof. Auf der Lichtung neben einer alten Forsthütte, wo sich eigentlich Fuchs und Has‘ gute Nacht sagen würden, arbeitet er angestrengt und vor allem laut. Villacis trägt Schutzkleidung und steht auf seiner mobilen Arbeitsplattform. Die schwere Kettensäge gräbt sich tief in den geschälten Roteichenstamm hinein. Die Späne fliegen weit durch die Luft, ab und an kracht ein Holzblock ab. Rund zwanzig Minuten sägt er, bis die grobe Struktur des Kopfes von Jocke Wallgren, dem Schlagzeuger der Band „Amon Amarth“, herausgearbeitet ist. Dann ist der Tank leer. Bart, Haare und Nasenbein sind zu erkennen.

Diese erste Arbeitsphase nenne man „Ausblocken“, erläutert Villacis. Dabei käme zunächst alles weg, was zu viel ist und der Körper wird als Umriss sichtbar. Grobe schwarze Striche sind von seiner Vorzeichnung auf dem Stamm zu sehen. Mit dem Zollstock hat Villacis die Proportionen aufgezeichnet und dabei die Länge von oben nach unten geachtelt. „Die Beine müssen lang genug sein“, erläutert der Künstler. Die Knie sollten etwa zwischen Strich zwei und drei liegen, dann würden sie perfekt, erzählt er beim Anzeichnen. Unten bleibt der breite Sockel übrig, der die später noch rund 800 Kilogramm schwere Figur aufrecht hält. Jeder der Roteichenstämme wog mit Rinde etwa 1,7 Tonnen. „Hier noch etwas Hals, dann eine runde Schließe“, überlegt er laut beim Skizzieren. „Für einen solchen Mann brauche ich etwa vier bis fünf Tage“, zeigt Villacis auf die schon fertigen vier monumentalen Wikinger.

Jedes Werk ist ein Unikat

Die Roteiche sei deutlich härter als andere Eichenarten und ließe sich schwer bearbeiten. Das sieht man den Skulpturen selbst am Ende nicht an: Sie sind bis zu den Accessoires wie Trinkhorn, Beutel oder Fibel fein herausgearbeitet, abgeflammt und geschliffen. Jede ist ein Unikat und ähnelt ihrem Bandvorbild verblüffend. Der Sänger Johan Hegg ist wie im richtigen Leben der größte unter ihnen. Er legt seine Hände um einen Schwertknauf und scheint laut zu singen.

Der Auftrag kommt von Achim Ostertag, Gründer und Veranstalter des Metal-Festivals „Summer Breeze“ in Dinkelsbühl. Für ihn schnitzt Villacis die fünf Mitglieder der schwedischen Melodic-Death-Metal-Band, die oft einer der Hauptacts gewesen sind. „Er und sein Mitarbeiter Fabian Kerscher haben einige der fertigen Figuren gesehen und fanden sie echt gelungen“, so Villacis. Bereits 2007 führte „Amon Amarth“ ein spezielles Bühnenprogramm zum Zehn-Jahres-Bestehen des Festivals auf. Damals feierte die Band ihren 15. Geburtstag. Zehn Jahre später gibt es 2017 ein besonderes Geburtstagsüberraschungsgeschenk aus Holz zum 20. und 25. Geburtstag. Nur wenige Tage vor Veranstaltungsbeginn wurden die Skulpturen und noch unbearbeitete Stämme aus dem entlegenen Waldstück abgeholt und nach Dinkelsbühl gebracht. Der Abtransport sei etwas schwierig gewesen, da der LKW auf dem Schotterweg gerutscht sei, berichtet Villacis.

Recherche auf Youtube

Er habe die international bekannten Musiker vorab nie persönlich getroffen. Porträts halfen ihm beim Schnitzen der Physiognomie. „Ich habe mir auch viele Videos auf Youtube angesehen“, berichtet er von seinen Vorbereitungen zur künstlerischen Umsetzung. „Die machen laute Rockmusik, den Gesang versteht man kaum. Der Sänger hat eine tiefe, grölende Stimme“, fasst er seinen Eindruck zusammen. „Alle haben lange Haare und bis auf einen auch alle Bärte“, schmunzelt er über die Schweden, die in ihrer Bühnenshow meist Wikingermythen und nordische Symbole verwenden. So traten sie auf einem überdimensionalen Wikingerhelm als Bühne auf.

Die überlebensgroßen Körper gestaltet der Holzkünstler nach eigener Fantasie als Wikinger. In dieses Themengebiet habe er sich bereits vor zwei Jahren für die Kettensägen-Weltmeisterschaft eingearbeitet. Das Thema damals: „Wikinger überfallen ein Dorf“. „Für uns war deshalb schnell klar: Ricardo macht das“, berichtet Kerscher vom Veranstaltungsteam „Summer Breeze“.

Der in Ecuador geborene Künstler hat am Finger ein Pflaster, unter der Hose verbergen sich blaue Flecken, Überbleibsel vom vergangenen Wochenende. Denn Villacis ist gerade erst von einem internationalen Schnitzwettbewerb aus Eisenach zurückgekehrt. „Ich habe den zweiten Platz mit einer Figur zum Lutherjubiläum gemacht“, erzählt er stolz. Villacis ist ein vielseitiger Künstler, wie die Skulpturen auf dem Schnitzplatz bezeugen: Eine Schwangere, ein überdimensionierter Totenschädel und ein Mädchen auf einem Bücherturm stehen zwischen den riesigen Wikingern.

Im Anhänger hat er dabei, was er für den Arbeitstag im Wald braucht: Proviant, Benzinkanister, Kettensäge, Fräse, Flex, eine selbst erfundene Schleifmaschine, Gasflasche, Stromaggregat sowie mehrere kleinere Werkzeuge. Husqvarna, ein schwedischer Hersteller von Motorgeräten, sponsert den Schnitzkünstler und stellt ihm jährlich zehn neue Kettensägen sowie Schutzkleidung zur Verfügung.

Schnitzvorführungen beim Festival

„Es ist eine dreckige, laute Arbeit“, beschreibt Villacis seinen Beruf. Man brauche Kraft und Kondition. „Aber da steckt noch mehr dahinter“, ergänzt er und erzählt von der Recherche, den ersten Skizzen auf Papier, den Diskussionen mit den Auftraggebern oder dem Stress bei Wettbewerben. Mit 65 Jahren denke er noch lange nicht ans Aufhören. „Ich liebe meinen Beruf, bin noch fit und brauche den Verdienst“, sagt Villacis. Er würde jedoch gern öfter als Dozent arbeiten. Schon jetzt biete er Schnitzkurse an. Kürzlich sei ein norwegischer Künstler bei ihm im Wald gewesen, um spezielle Porträttechniken zu lernen. Auch eigenen Ideen wolle er mehr Raum geben.

Doch erst geht es noch nach Dinkelsbühl – nicht nur die fünf hölzernen Wikinger, nein, auch Villacis. „Schön ist, dass ich auf dem Festival auch vier Tage lang Schnitz-Vorführungen machen darf“, freut sich der Künstler über den zweiten Teil des Auftrags. Auf die Begegnung mit der Band und die Reaktionen sei er sehr gespannt. Die Porträtskulpturen werden Teil einer Fotostation für Festivalbesucher. „Das ist mal was anderes“, meint Villacis. „Ich bin ganz glücklich mit dem Auftrag.“

Ein Pflichttermin für Metal-Fans


Das Summer-Breeze-Festival findet vom 16. bis 19. August bei Dinkelsbühl statt. Mit etwa 45 000 Besuchern zählt es zu den größten Metal-Festivals in Deutschland. Es wurde 1997 gegründet. Weitere Infos siehe www.summer-breeze.de. may