Geologie Wanderten Rentiere durchs Bühlertal?

Bühlerzell / Elisabeth Schweikert 08.08.2018
Siegfried Nikel aus Bühlerzell erforscht seit 50 Jahren die Geologie und die Frühgeschichte. Seine These: Die Wanderroute der Rentiere in der Steinzeit führte übers Bühlertal.

Heute rauscht der Verkehr von der Ostalb über die Bühlertalstraße durch Bühlertann nach Schwäbisch Hall. Die ehemalige Bundesstraße kann auf eine lange Geschichte zurückblicken: Die Salzstraße, über die von Hall aus Salz Richtung Augsburg transportiert wurde, verlief hier. In den Jahrtausenden zuvor waren die Kelten zwischen Hall und dem keltischen Fürstensitz Ipf unterwegs. Und nochmals Tausende Jahre zuvor verlief dort mit einiger Wahrscheinlichkeit die Wanderroute von Rentierherden. Diese These stellt Siegfried Nikel aus Bühlerzell auf. Er erforscht seit 50 Jahren die Geologie im Bühlertal und hat gute Belege für seine Überlegungen.

Siegfried Nikel sitzt in einem seiner Büros, die er unter dem Dach seines Hauses eingerichtet hat und schaut durch ein Mikroskop. Um ihn herum ist – wie in weiteren Räumen des Hauses – jeder verfügbare Platz mit Regalen belegt, die mit meist transparenten Kunststoffkästchen bestückt sind. „Das halbe Dorf sammelt die für mich“, berichtet Nikel und lacht. In den Kunststoff-Boxen, die zuvor Pralinen enthalten hatten, befinden sich nun Versteinerungen und Mineralien, aber auch steinzeitliches Werkzeug.  Unter dem Mikroskop hat Nikel ein Stück versteinertes Holz eingelegt. Er stellt scharf und fordert auf, einen Blick durch die Linsen zu werfen. Feine, farbige Strukturen sind zu sehen, bizarr und schön zugleich. „Sternquarz“, erklärt der Fachmann.

Versteinertes Holz auf dem Feld

Das Sammeln und Erforschen von Gestein ist nur ein Teil des Hobbys, das Nikel mit Fachwissen und Leidenschaft seit mehr als 50 Jahren betreibt. Seitdem ihm seine Mutter auf einem Feld bei Bühlerzell erstmals versteinertes Holz gezeigt hatte, befasst er sich damit. Während des Studiums an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd wählte er die Wahlfächer Geologie und Biologie. Später, als Lehrer, sammelte er Anschauungsmaterial für den Unterricht. Inzwischen hat Nikel Tausende Artefakte zusammengetragen und sich in Fachkreisen einen Namen gemacht, Harald Floss, Professor für Ur- und Frühgeschichte aus Tübingen war schon mit Doktoranden bei ihm.

Viele Funde stammen vom Leippersberg nahe Kottspiel, einem Hügel, der circa 70 Meter über den Talauen der Bühler und der Fischach liegt. Von der Bergkuppe aus hat man einen Rundblick nach Norden, bühlerabwärts bis zum Schlegelsberg bei Vellberg, nach Osten weit ins Avenbachtal hinein – ein strategisch günstiger Wohn- und Lagerplatz. Zwischen den 1970er-Jahren bis heute hat Nikel dort Steinzeitgeräte gefunden, Pfeilspitzen, Harpunen-Spitzen, Steinsägen, Schaber und Keile. Sogar eine Muschelkette samt Knochenverschluss ist dabei.

Die Fundstücke stammen aus unterschiedlichen Kulturen. Diese belegen die Besiedlung der Region bereits in sehr früher Zeit.  Aus der Epoche Magdalenen (18 000 bis 11 600 vor heute) hat er Stichel gefunden, hergestellt aus Plattensilex. Dieses Gestein stammt aus der Region um Regensburg, berichtet Nikel. Auch andere Rohmaterialien (Radiolarit vom Rheingletscher oder Randecker Maar-Silex) belegen, dass steinzeitliche Jäger im Bühlertal unterwegs und mit anderen Gruppen im Austausch waren. Zu dieser Zeit lag das Bühlertal in einem eisfreien Korridor zwischen alpinen Gletschern südlich der Donau und dem skandinavischen Eisschild in Norddeutschland, berichtet Nikel. Die Landschaft ähnelte einer Tundra, einer Kältesteppe. „Man kann davon ausgehen, dass nur Wanderwege von Wildtieren und Handelspfade von Menschen durch diese Gegend führten“, so Nikel. Später, während der Warmzeit, wuchsen Birken und Kiefern, später Eichen, Eschen und Hasel in Wäldern.

Steinzeitliche Pfeilspitzen

Aus der Mittelsteinzeit (11 000 bis 7500 vor heute) fand Nikel auf dem Leippersberg Überbleibsel von Jagdwaffen, Steinabschläge in Dreieck- und Trapezform. Diese wurden mit Birkenteer in einen Pfeilschaft eingeklebt. „Ein solcher Pfeil war eine wirksame Fernwaffe.“ Zwischen 7500 und 4500, in der Jungsteinzeit, dürfte der Leippersberg bereits über längeren Zeitraum bewohnt worden sein. Darauf deuten Funde von Keramik hin.

Route übers Härtsfeld

Dass in der Region Steinzeitmenschen lebten, ist schon länger bekannt. Relativ neu ist folgende These, die Siegfried Nikel aufstellt: Seiner Ansicht nach zogen nach der letzten Eiszeit (also in der Epoche vor mehr als 11 000 Jahren) Menschen als Rentierjäger mit den Herden durch das Bühlertal. Belegt ist ein Durchzugsweg für die Kraichgaupforte (über die West- und Mittlere Alb über den Neckargäu in die Oberrheinische Tiefebene). Nikel geht davon aus, dass auch von der Ostalb ein Zugweg bestand. Die Route wäre vom Härtsfeld über Aalen, Ellwangen, Rosenberg bis zum Abstieg bei Bühlertann. Nikel vermutet, dass die Herden nicht über die steil eingeschnittenen Täler von Kocher und Jagst weiterzogen, sondern über Hall nach Heilbronn und dann zu den Winterweiden in die Oberrheinische Tiefebene. „Leippersberg wäre als Jagdlager denkbar. Er liegt oberhalb des Zugweges an einer sumpfigen, aber günstigen Überquerungsstelle über die Bühler.“ Die Artefakte, die Nikel aus dieser Zeit am Leippersberg gefunden hat, könnten von den Jägern stammen. Nikel will einen Aufsatz im kommenden Jahr in der Fachpresse publizieren.

Info Im nächsten Teil geht es um das mittelalterliche Bad in Bühlertann.

Heute nur noch wenige Funde

Tiefes Pflügen brachte in den 1970er- und 1980er-Jahren viele steinzeitliche Artefakte auf dem Leippersberg von tieferen Schichten nach oben. Weil mittlerweile die Bodenbearbeitung nur noch oberflächlich stattfindet, sei inzwischen kaum mehr Material zu finden, berichtet Nikel. Beste Zeit zum Suchen sei an feuchten Tagen im Winter. sel

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