Jubiläum Mit Musik geht vieles leichter

Bühlertann / Michaela Christ 08.12.2018
Seit 30 Jahren leitet Richard Beißer den Musikverein Bühlertann. Im Januar gibt er den Taktstock ab und widmet sich anderen Herzenssachen. Nächsten Samstag ist das Abschiedskonzert.

Der Wecker klingelt um acht Uhr in der Früh. Sieben Tage die Woche, auch am Wochenende und an Feiertagen. Die Klarinette und das Saxofon stehen im Wohnzimmer bereit. Auf dem Notenständer liegt die Partitur von Rossinis „Diebische Elster“ für Blasorchester auf. Die Ouvertüre wird am kommenden Samstag beim Abschiedskonzert von Dirigent Richard Beißer zu den Höhepunkten zählen. Beißers Aufmerksamkeit am frühen Morgen gilt jedoch nicht seinen Lieblingen aus Holz und Messing, sondern einem ganz besonderen aus Fleisch und Blut: seiner 94-jährigen Mama.

Unter einem Dach

Elisabeth Beißer bewohnt seit fast 25 Jahren das Dachgeschoss des Beißer’schen Anwesens am Gemeinderand von Bühlertann. „Solange ich ein Junggeselle war mit einer kleinen Bude in der Gelbinger Gasse, lebten meine Eltern bei Renate, meiner sieben Jahre älteren Schwester, in Karlsruhe“, beschreibt Richard Beißer (67) seine ersten Jahre in Deutschland. 1981 war er mit Vater, Mutter und Opa aus dem rumänischen Banat übersiedelt. 1988 wurde er musikalischer Leiter in Bühlertann, er baute, heiratete und holte seine Eltern zu sich nach Hause.

Richard Beißer ist ein Familienmensch. „In Groß-Jetscha hab ich mit meinen Eltern und Großeltern beider Seiten zusammengewohnt“, erzählt der Musiker. Unter der Woche war er auf einem Internat-Gymnasium, doch jedes Wochenende zog es ihn zurück nach Hause. Daheim besserte sich der Musiker sein Taschengeld mit Tanzmusik auf, während ihm seine Mutter für eine Woche vorkochte. Gulasch und gefüllte Krautwickel gehören bis heute zu den Lieblingsgerichten von Mutter und Sohn.

Mit dem Unterschied, dass heute der Sohn für die Mutter kocht. Denn seit Beißer nicht mehr für die Haller Musikschule arbeitet und Ruheständler ist, gibt er zurück, was er zeitlebens von seiner Mutter bekam.

Der Sohn bekocht die Mutter

„Es macht mich glücklich, dass ich mich jetzt für Mamas Fürsorge und Liebe revanchieren kann“, sagt Beißer ehrlichen Herzens. Seine Augen verraten, dass er meint, was er sagt. Sein Alltag bestätigt es. Seit zwei Jahren ist es mit dem Kochen nicht mehr getan: Nach einem Oberschenkelhalsbruch und einer Blutkrebsdiagnose mit anschließender Chemotherapie ist Elisabeth Beißer ein Pflegefall. Ohne großes Trara hat der Sohn sein Rundum-sorglos-Paket für die Mutter um Waschen, Windeln und Urinbeutel-Wechseln, Anziehen und Füttern ergänzt. Aufgaben, die Beißer seitdem tagein, tagaus in Beschlag nehmen.

„Es ist das natürliche Schicksal, dass Eltern alt werden und Unterstützung brauchen“, sagt der Musiker. Genauso natürlich erscheint es ihm, sich selbst um die Pflege seiner Mutter zu kümmern. Er ist das einzige Kind – seine Schwester starb vor 28 Jahren an einem Hirntumor.

Pflege ist, wie Musik machen

„Mit der Elternpflege ist es, wie mit Musik machen – es ist eine Passion, eine Hingabe aus Liebe. Die jungen Leute würden es Herzenssache nennen“, formt Beißer lachend mit Daumen und Zeigefinger ein Herz über der Brust. „Das alles ist nur möglich, weil ich Rentner bin“, schiebt er ungefragt hinterher. Er umschreibt seine Situation sogar als persönlichen Glücksfall, denn nicht jedem sei es vergönnt, „mit der Mama alt zu werden und Zeit zu haben, sich um sie zu kümmern.“

Mittlerweile ist es 10 Uhr. Beißers Blick ruht auf dem Saxofon, doch Zeit dafür bleibt nicht. Zum Alltag des Musikers gehört neben der Pflege seiner Mutter auch die Hausarbeit: Er schiebt den Staubsauger durch die Wohnung, räumt auf, bügelt Oberhemden, wenn Not am Mann ist. Ehefrau Marion ist noch berufstätig, übernimmt aber am Wochenende, wenn Beißer Musik macht, Herd, Haushalt und die Pflege der Schwiegermutter.

Heute ist Dienstag, an Werktagen kocht Beißer in Mutters Küche unterm Dach, „damit sie an guten Tagen die Möglichkeit hat, in den Topf rein zu gucken“, lacht der Hobbykoch und leckt sich die Lippen. Heute gibt es Krautwickel. Wenn die Kirchenglocke 12 Uhr schlägt, steht das Essen auf dem Tisch.

Erst am frühen Nachmittag hat Beißer Zeit für seine Musik. Er studiert die Rossini-Partitur für das Abschiedskonzert und spielt „Czardas“ von Vittorio Monti auf dem Sopran-Saxofon an. Dieses Stück hat ihm sein Vorgänger beim Musikverein Bühlertann, Georg Schima, als Solostück für Saxofon arrangiert und anlässlich seines Abschiedskonzerts gewidmet. „Es wird in dieser Version kommenden Samstag uraufgeführt“, verrät Beißer voller Vorfreude. Ein Blick auf das übrige Programm verspricht einen Abend mit sämtlichen Highlights der letzten 30 Jahre: „Phantom der Oper“ – 1995 Beißers erstes Musical mit dem Musikverein, „Fluch der Karibik“, Gesangstitel wie „The Time of My Life“ mit Celine Häckh und Jürgen Hirsch und ganz zum Schluss „I Do It for You“ mit Beißer am Solosaxofon.

Nachfolger ist Friedrich Mück

Wird sein Nachfolger, der 30-jährige Friedrich Mück, auch anwesend sein? „Ja, er wird kommen. Wir haben uns kennengelernt und sind auf Anhieb Freunde geworden“, sagt Beißer. Er verrät, dass Mück nicht als Gast, sondern als Posaunist auftritt. „Was will man einen Musiker nur angucken? Man muss ihn spielen hören“, zieht Beißer das „ö“ hoch und lang und greift nun doch zum Saxofon. Schließlich sind die Zeitfenster für den Profimusiker zwischen Pflege und Haushalt knapp bemessen.

Abschiedskonzert von Richard Beißer

Das Konzert beginnt am Samstag, 15. Dezember, um 19.30 Uhr in der großen Bühlertalhalle in Bühlertann. Saalöffnung ab 18.30 Uhr, Eintritt 8 Euro, keine Platzreservierungen
Warm-up
Jugendkapelle Oberes Bühlertal unter der Leitung von Simone Kiesel
Hauptakt
in zwei Teilen (Klassik und Moderne): „The Best of“ aus 30 Jahren Richard Beißer mit dem Musikverein Bühlertann
Ausklang
Tanzmusik zum Genießen und Schwofen mit „Hirschi & Odi“

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