Die Mähne ist verschwunden und einem flotten Kurzhaarschnitt gewichen – vielleicht das äußere Signal für einen neuen Lebensabschnitt? Denn so einer beginnt für Florian Götz demnächst. Drei Jahre lang war er Dramaturg der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, hat sich mit Haut und Haar gemeinsam mit Intendant Christian Doll, dem Ensemble und dem ganzen Team in die Haller Theaterarbeit gestürzt. Sein Auftrag in der Kocherstadt: die Rahmenbedingungen bestmöglich zu gestalten, damit der Theaterbetrieb mit all seinen Facetten möglichst reibungslos funktionieren kann.

Nun führt der Weg des studierten Theater- und Medienwissenschaftlers weg aus der Siederstadt weit kocherabwärts – wenn man so will –, nämlich an den Rhein nach Duisburg. Dort wird der 34-Jährige ab 1. Oktober am Theater als Dramaturg arbeiten. „Ein schöner großer Bau mitten in der Stadt, den sich das Theater mit der Deutschen Oper am Rhein teilt“, erzählt Götz. Außergewöhnlich dort sei, dass der Intendant quasi in Ermangelung eines eigenen Ensembles einen Jugendclub einführte, der sechs Premieren im Jahr stemmt. Florian Götz wird der Jugendarbeit, die er schon in Bad Gandersheim und auch in Hall so engagiert betreute, also treu bleiben. Überhaupt liegt ihm die Arbeit mit Jugendlichen am Herzen. Nicht etwa, um die Theaterbesuchergeneration von morgen heranzuzüchten. „Mir sind die Jugendlichen in ihrer aktuellen Situation wichtig“, betont er. Es geht ihm um deren Fragen, Sorgen, Nöte.

Florian Götz kam per Zufall zum neuen Job

Sein künftiger Job in Duisburg ist Götz zufällig in die Hände gefallen. Als er in den sozialen Netzwerken nach einem Dramaturgen für den diesjährigen „Jedermann“ in Hall Ausschau hielt, habe sich ein alter Weggefährte aus Erlangen gemeldet, der ihm vom Theater Duisburg erzählte, und dass dort ein Dramaturg gesucht wurde. Götz fuhr hin, verstand sich auf Anhieb mit dem Intendanten, und nach einem Nachmittag war die Sache klar.

Sein Wechsel kommt nicht überraschend. „Ursprünglich war der Plan, dass ich mit Christian Doll für zwei Jahre nach Hall komme – bis zur Globe-Eröffnung.“ Die hat sich verzögert, sodass Götz noch ein Jahr dranhing.

Er hätte sich auch vorstellen können, in Hall zu bleiben. Er interessiert sich für Kommunalpolitik und mischte in der Satiregruppe „Die Partei“ bei der Kommunalwahl mit. Bei der Tischtennis-Mannschaft der Post-SG sei er herzlich aufgenommen worden. Überhaupt habe er in Hall ein gutes Gefühl, „da sind junge Leute, die was tun wollen, man lernt sich schnell kennen“, beschreibt er seinen Eindruck. „Ich habe Hall sehr ins Herz geschlossen.“ Er werde in Duisburg gehörig „damit zu tun haben, nicht permanent von Hall zu schwärmen“, sagt er augenzwinkernd. Es sei gut, dass sein Weg nun weiterführt: „Ich reagiere auf Möglichkeiten, die sich ergeben“, erklärt Götz mit einem Schmunzeln. Das sei schon immer so gewesen.

Auf die Frage nach besonders eindrücklichen Erlebnissen in Hall muss Florian Götz überlegen – „das ist total schwierig“. Weil es so viele schöne Momente gab. Aber die Eröffnung des Neuen Globes Ende März sei doch sehr besonders und beglückend gewesen. Und ja, erschöpft war er auch: „Wir haben zweieinhalb Jahre darauf hingearbeitet.“

Große Freude hat ihm auch die Inszenierung der diesjährigen Jugendensemble-Produktion „Liebe!“ gemacht – eine Stückentwicklung ohne feste Vorlage. Überhaupt hat Götz ein großes Faible für Experimentelles. Das wird deutlich, wenn er von diversen Projekten erzählt – etwa auf einem Musikfestival Geschichten zu schreiben und dort auch gleich mit befreundeten Künstlern aufzuführen. Götz braucht dieses Kreative und war auch froh um die „Liebe!“-Regie, „sonst wäre ich künstlerisch vertrocknet“.

Der 34-Jährige scheint viel Positives aus Hall mitzunehmen. Aber entdeckte er in der Kocherstadt auch Negatives? „Die Zug­anbindung“, antwortet er. Es sei nicht ganz leicht, aus der Stadt rauszukommen. Und ihn treibt noch etwas um, vielleicht eher ein diffuses Gefühl, eine Art Skepsis, die er zuweilen gegenüber den Freilichtspielen Hall spürte. Deshalb würde er sich wünschen, dass die Nähe zwischen Freilichtspielen und Bürgern noch enger werde: „Das ist ein Schatz, den man pflegen muss.“

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Organisatorischer, künstlerischer und leidenschaftlicher Theater-Allrounder


Florian Götz ist 34 Jahre alt und wuchs als Einzelkind in Amberg in der Oberpfalz auf. Als Achtjähriger durfte er bei einer Theaterproduktion seines Onkels im Studententheater Regensburg die Lichtregler bedienen – und war früh fasziniert vom Theater. Seinen Zivildienst leistete er in Irland. In Erlangen studierte er Theater- und Medienwissenschaften sowie Neuere deutsche Literatur. Bevor er gemeinsam mit Freilichtspiele-Intendant Christian Doll im Herbst 2016 nach Hall kam, arbeitete er drei Jahre lang als Dramaturg und Pressesprecher für die Gandersheimer Domfestspiele und leitete das Jugendtheaterfestival „Theatervirus“.

Bereits während seines Studiums in Erlangen und Montreal war er in der künstlerischen Leitung und als Organisationsreferent des internationalen Performance-Festivals „ARENA ... der jungen Künste“ tätig. Am Theater Erlangen rief er die Performancereihe „Glockenspiel“ ins Leben und war Mitbegründer des interdisziplinären Forschungskollegs „Karl Nimeni: Natur und Kultur in der Nacht“. Mit seinem Performance-Kollektiv „Just Us Producing“ wurde er beim Montreal Fringe Festival ausgezeichnet.

Bei den Freilichtspielen Hall betreute er mehrere Produktionen als Dramaturg, war für die Koordination der Jugendarbeit, Pressetexte und die Entwicklung der neuen Freilichtspiele-Webseite zuständig. Überdies inszenierte er die jüngste Jugendensemble-Produktion „Liebe!“. Ab 1. Oktober ist Florian Götz als Dramaturg am Theater Duisburg tätig. Derzeit ist der Hobby-Tischtennis­-Spieler dort auf der Suche nach einem neuen Domizil in einer WG. blo