Vor einigen Monaten wurden in einem Tresor des Neuen Palais in Potsdam etwa 1000 bisher unbekannte, an die deutsche Kaiserin Auguste Victoria (1858-1921) gerichtete Briefe entdeckt. Die Gattin Kaiser Wilhelms II. stammte mütterlicherseits aus dem Fürstenhaus Hohenlohe-Langenburg.

Auch wenn es im Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein keine 1000, sondern „nur“ 80 Dokumente sind: Die Briefe, Postkarten und Telegramme Auguste Victorias zeugen von einer herzlichen Beziehung zur Verwandtschaft im Südwesten und bieten einen Einblick in die Lebenswirklichkeit des deutschen Hochadels im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie können im Hohenlohe-Zentralarchiv in Schloss Neuenstein eingesehen werden.

„Liebe Tante. Wäre es Dir möglich vielleicht um 10 Uhr anstatt 9 ½ zu kommen. Ich bin furchtbar spät aufgestanden und werde um ½ noch kaum bereit sein. Deine Dich liebende Victoria.“

Formlos liest sich das kurze Billett, das die verschlafene Kaiserin Auguste Victoria am Morgen des 17. Juni 1889 auf ihr Briefpapier warf, um ein Treffen mit ihrer Tante, Fürstin Leopoldine zu Hohenlohe-Langenburg, zu verschieben. Nicht minder familiär lesen sich ihre Briefe an Leopoldines Gatten Hermann und ihren Cousin „Ernie“, also Fürst Ernst II. zu Hohenlohe-Langenburg. Die Nichte beziehungsweise Cousine aus Potsdam schickte Urlaubsgrüße, gratulierte zum Geburtstag oder zur silbernen Hochzeit und berichtete vom Alltagsleben im kaiserlichen Palast. Nicht selten richtete sie dabei „Grüße von Wilhelm“, also Kaiser Wilhelm II., aus.

Bitte um die Taufpatenschaft

Besonders eng scheint das Verhältnis Auguste Victorias zu Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg gewesen zu sein, der sich als Abgeordneter des Reichstags häufig in Berlin aufhielt. 50 der rund 80 Briefe richten sich an den „lieben Onkel Hermann“. Teils handelt es sich dabei um ganz profane Dinge wie die Einladung zum Abendessen im Neuen Palais oder die Vereinbarung von Treffen.

Bedeutsamer ist das Schreiben vom 31. Mai 1882, in dem Auguste Victoria, damals noch Kronprinzessin, den Fürsten Hermann bittet, die Taufpatenschaft für ihren ersten Sohn zu übernehmen. In das Schreiben ließ sie einige private Gedanken über die Zukunft des Kindes einfließen: „Es wird eine schöne, aber auch schwere und ernste Aufgabe sein, diesen Kleinen in rechter Weise für seine künftige Stellung zu erziehen. Gott gebe, daß er edel, hochherzig u. gerecht heranwachse.“

Dass der neugeborene Kronprinz Wilhelm niemals Kaiser werden sollte und seine Eltern 36 Jahre später ins holländische Exil gehen würden, war 1882 freilich noch nicht abzusehen.

Info Der Autor Jan Wiechert ist Mitarbeiter im Hohenlohe-Zentralarchiv in Neuenstein. Die Öffnungszeiten können auf www.landesarchiv-bw.de eingesehen werden. Weitere Informationen unter Telefon 0 79 42/94 78 00 oder E-Mail: hzaneuenstein@la-bw.de.

Wenn der Info-Kasten inhaltlich nichts bringt, kann er entfallen


In einem Brief bedankt sich Auguste Victoria für die Glückwünsche zur Verlobung mit dem Kronprinz Wilhelm von Preußen (später: Kaiser Wilhelm II.) und verleiht zugleich der Trauer über den Tod ihres kürzlich verstorbenen Vaters Ausdruck.  

 

„Gotha, d. 18. Febr. 1880.

 

Lieber Onkel Herrmann.

Für Deine so sehr freundlichen Zeilen zu unserer Verlobung, sage ich Dir meinen innigsten Dank. Ich bin durch den 14tn so glücklich geworden u. doch so traurig, ich wagte kaum mich zu freuen, denn immer wieder mußte ich daran denken, ach hätte doch der gute liebe Papa doch diese unsere Freude theilen können, aber wie Wilhelm auch sagte: „Dein Vater sieht uns“. Ich glaube es auch gewiß, es wäre sonst zu traurig. Wilhelm war wirklich so sehr lieb u. gut, u. ich kann nur wiederholen, ich bin sehr glücklich. Der Herr gebe mir die Kraft, die vielen Pflichten zu erfüllen, welche das neue Leben von mir fordern wird. In der Hoffnung, Dir in den nächsten Tagen alles Nähere selbst sagen zu können, verbleibe ich mit innigstem Dank für alle Deine Freundlichkeit.

Deine Dich liebende Nichte Victoria.“