Schwäbisch Hall Mit grauen Bussen in den Tod

Seit 1900 wurden in der Haller Diakonissenanstalt Menschen mit schweren geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen betreut.
Seit 1900 wurden in der Haller Diakonissenanstalt Menschen mit schweren geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen betreut. © Foto: Diak-Archiv
SYBILLE MUNZ 03.08.2015
182 Behinderte aus dem Gottlob-Weißer-Haus sind in den Jahren 1940/41 von Nationalsozialisten ermordet worden. Der damalige Leiter der Diakonissenanstalt hatte versucht, möglichst viele davor zu bewahren.

Der Nationalsozialismus griff die Pläne der Rassenhygiene auf und radikalisierte sie. Nach 1933 wurde die Euthanasie propagandistisch vorbereitet. Unmittelbar nach Kriegsbeginn begann die Ermordung von Menschen, die in Heil- und Pflegeanstalten lebten.

Im Oktober 1938 traf bei Pfarrer Wilhelm Breuning, Leiter der Haller Diakonissenanstalt, ein Schreiben ein - von Dr. Leonardo Conti, Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit und Reichsärzteführer der NSDAP. Zu melden seien sämtliche Patienten, die an Krankheiten leiden, sich seit mindestens fünf Jahren dauernd in Anstalten befinden, nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nicht deutschen oder artverwandten Blutes sind. Pfarrer Breuning reagierte zunächst nicht auf das Schreiben. Am 13. Juli 1940 erreichte eine Mahnung des Reichsinnenministeriums die Haller Anstalt. Am 21. August 1940 wurden schließlich 170 Meldebogen verschickt.

In den kommenden Wochen setzte sich Pfarrer Breuning mit den Angehörigen der Patienten in Verbindung, um sie dazu zu bewegen, ihre behinderten Familienmitglieder zu sich zu nehmen. Fieberhaft wurde versucht, Unterkünfte für rund 550 geistig Behinderte zu finden. Die Staatsirrenanstalt Weinsberg erklärte sich schließlich zur Aufnahme bereit.

Am 19. November 1940 gingen die Transporte ab: 107 Pfleglinge kamen nach Weinsberg. Am 5. Dezember überstellte man die Krankenakten nach Weinsberg. Zu diesem Zeitpunkt lebte ein Teil der Haller Patienten schon nicht mehr. Am 3. Dezember schrieb die Weinsberger Pflegerin Ruth Commercon an Oberin Luise Gehring in Hall: "Der heutige Tag ist mit solch schwerem Leid ausgefüllt . . . Wir haben seit heute nur noch 16 Kinder."

Abgeholt wurden die Patienten von einer Tarnfirma: Grau gestrichene und mit Milchglas versehene, ehemalige Postbusse holten die Pfleglinge in den Anstalten ab und brachten sie nach Grafeneck bei Münsingen. Bereits im Januar 1940 hatte dort die Ermordung von Menschen begonnen. Insgesamt wurden in den Jahren 1940/41 182 Behinderte aus dem Diak in Grafeneck und in Hadamar getötet.