Schwäbisch Hall Mit 82 noch mal in die Fahrschule

In den Spiegel schauen und Blinker setzen: Heinz Boßler dreht eine Runde in seiner Mercedes-A-Klasse um den Hagenbacher Ring. Vor etwa einem halben Jahr hat er freiwillig einen Fahrtauglichkeitstest gemacht - und mit Bravour bestanden.
In den Spiegel schauen und Blinker setzen: Heinz Boßler dreht eine Runde in seiner Mercedes-A-Klasse um den Hagenbacher Ring. Vor etwa einem halben Jahr hat er freiwillig einen Fahrtauglichkeitstest gemacht - und mit Bravour bestanden. © Foto: ars
Schwäbisch Hall / OLGA POSSEWNIN 21.11.2014
Die meisten Fahranfänger sind froh, wenn sie ihre Prüfung nicht wiederholen müssen. Heinz Boßler dagegen hat sich nach 57 Jahren freiwillig noch einmal testen lassen. Das Ergebnis ist aller Ehren wert.

Es ist Oktober 2013. Eine junge Mutter geht mit ihrem zweijährigen Kind und ihrem vier Wochen alten Säugling über den Parkplatz eines Discounters in Bretten in der Nähe von Karlsruhe. Zeitgleich setzt ein 88-jähriger Renault-Fahrer beim Ausparken rückwärts und überfährt die Frau. Sie erliegt später im Krankenhaus ihren Verletzungen, das zweijährige Kind schwebt in Lebensgefahr, lediglich der Säugling ist nur leicht verletzt.

Nach diesem Unfall entfacht in den Medien wieder eine Diskussion darüber, ob sich Senioren ab einem bestimmten Alter einer Fahrtauglichkeitsprüfung unterziehen sollten. Die Statistik zeigt: 11,8 Prozent aller Beteiligten an Unfällen mit Personenschaden waren im Jahr 2013 mindestens 65 Jahre alt. In knapp 67 Prozent der Fälle trugen sie die Hauptschuld.

"Bin ich noch fahrtüchtig?"

Zahlen spielten bei der Entscheidung von Heinz Boßler, mit 82 Jahren noch einmal eine Fahrprüfung zu absolvieren, keine Rolle. Es ging ihm darum, sich die Frage zu beantworten:

Heinz Boßler ist ein rüstiger Rentner. Er lebt mit seiner Frau Luise in einer gemütlichen Wohnung im Hagenbacher Ring. Er ist immer gerne und viel Auto gefahren. Mindestens 500.000 Kilometer mit sieben unterschiedlichen Fahrzeugen und fünferlei Dienstwagen, erinnert sich Boßler. Seinen Führerschein besitzt er seit dem 1. Juli 1957. Das weiß er auf den Tag genau, ohne in "den Lappen" zu schauen. Auch mit dem Motorrad war er früher unterwegs.

Im Februar fasste der 82-Jährige den Entschluss, sich prüfen zu lassen. "Dass dies mit so vielen Hindernissen verbunden sein würde, damit habe ich wirklich nicht gerechnet", sagt er am Küchentisch sitzend. Vor ihm liegt ein Telefonbuch, in dem er immer wieder blättert. Boßler trug sein Anliegen zunächst beim Tüv vor, dann beim Dekra. Beides Mal Fehlanzeige. Dann erfuhr er von einem Bekannten, dass es in Hall eine Fahrschule gibt, die Stunden für Senioren anbietet. Kurz nach Ostern meldete sich der Inhaber der Fahrschule Fahrkunst, Arthur Kunst, bei ihm und teilte ihm mit, dass er Zeit für eine Fahrstunde mit ihm hätte.

"Er drehte den Spieß um", stellt Boßler fest. Denn eigentlich sollte der Rentner erst Theoriestunden nehmen. Doch der Fahrlehrer war überzeugt, dass es andersherum besser sei. Anderthalb Stunden fuhren der 82-Jährige und Arthur Kunst durch die Gegend. Erst durch die Kreuzäckersiedlung mit Tempo 30 und dann in Richtung Wolpertshausen, damit Boßler auch mal bis zu 100 Kilometer pro Stunde fahren konnte. Die Aufregung legte sich, und er gewöhnte sich schnell an das Auto, das ihm zur Verfügung gestellt wurde - eines mit Automatikgetriebe. Denn auch seine Mercedes-A-Klasse hat ein solches.

Gespannt darauf, wie er wohl abgeschnitten hatte, wartete der Rentner nach der Prüfung geduldig im Auto, bis der Fahrlehrer soweit war. "Ich war zwar zufrieden, aber mit einem so guten Ausgang hatte ich nicht gerechnet", bemerkt Boßler. Mit 97 von 100 Punkten bestand er den Fahrtauglichkeitstest. "Solange Sie immer so vorsichtig, umsichtig und aufmerksam fahren, ist für Sie die Fahrwelt in Ordnung", hatte der Lehrer noch ergänzt.

Nun kann Heinz Boßler wieder viel unbeschwerter und lockerer, "ja vielleicht sogar noch einen Tick vorsichtiger" am Straßenverkehr teilnehmen. "Ich bin froh, dass ich so hartnäckig drangeblieben bin", meint er und schlägt das Telefonbuch zu. Das Lob des Fahrschullehrers sei für ihn auch eine Verpflichtung.

Etwa jeden zweiten Tag fährt der Rentner mit dem Auto, meistens Kurzstrecken zum Einkaufen oder zu Arztterminen. Das will er nicht missen. Doch mit 90 - davon ist er fest überzeugt - ist Schluss.

Zur Person

Heinz Boßler ist im Jahre 1932 geboren. Er stammt aus Biberach und hat einst als Tierzuchtberater gearbeitet. 1961 heiratet er seine Luise, mit der er heute zwei Söhne (53 und 47) hat. Außerdem hat das Ehepaar zwei Enkel im Alter von 14 und 12 Jahren. Heinz Boßler war viele Jahre Vorsitzender des VdK-Ortsverbandes Schwäbisch Hall und engagiert sich in mehreren Vereinen.

SWP

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