Schwäbisch Hall Vor 25 Jahren zogen die Amerikaner aus Hall ab

Die amerikanischen Soldaten kontrollieren den Luftraum. Raymond Kenneth Dauphinais fotografiert seine Kameraden. Während seiner Zeit in Hessental findet er seine Berufung, Fotograf zu werden.
Die amerikanischen Soldaten kontrollieren den Luftraum. Raymond Kenneth Dauphinais fotografiert seine Kameraden. Während seiner Zeit in Hessental findet er seine Berufung, Fotograf zu werden. © Foto: Raymond Kenneth Dauphinais
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 17.05.2018
Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurden 1993 die Dolan Barracks in Hessental aufgelöst. Die Soldaten prägten über Jahrzehnte die Stadt mit.

Sie fahren auch mal im feschen Cadillac durch die Stadt, 566-mal heiraten deutsch-amerikanische Paare und sie rufen den Dreikönigslauf ins Leben. 48 Jahre lang prägen die amerikanischen Soldaten aus den Hessentaler Dolan-Barracks Teile des öffentlichen Lebens in Schwäbisch Hall. Im Sommer 1993, vor 25 Jahren, ziehen sie wieder ab.

„Für mich bedeutete es ,Mission accomplished – Mission erfüllt’“, erinnert sich George Finley (80). „Ich war zwar bereits im Ruhestand, habe aber an der Zeremonie teilgenommen“, berichtet der stellvertretende Kommandant in Hessental der Jahre 1980 bis 1983. Er hat die Abschiedsgefühle als Auftragsarbeit für das Stuttgarter Hauptquartier in einem Bild verewigt. Eine Kopie davon hängt im Chor der Michaelskirche.

Aggression beendet

Während sich Finley heute mit seinen Kunstwerken für den Frieden engagiert, hielt er die Verteidigung in Zeiten des Kalten Krieges für nötig. Er und mehrere Tausend in Hall stationierte Soldaten hätten „das freie Europa“ gegen die Sowjetunion geschützt. Zudem waren die Kasernen ein Zuhause für viele Menschen. Finley: „Ich fühlte mich tatsächlich ein wenig zwiespältig: Was passiert mit den Dolan Barracks?“

Heute  wissen wir es: Auf dem Kasernengelände wurde das riesige Industriegebiet Solpark eingerichtet. Zudem entstand aus dem im Jahr 1934 angelegten Fliegerhorst der Wehrmacht der Adolf-Würth-Airport.

Was haben die Amerikaner den Hallern gebracht? Obwohl es damals nicht von allen als Erfolg empfunden wurde, befreiten sie die Deutschen von der Naziherrschaft und führten die Demokratie ein.

Der Haller Johann Georg Hüfner (80) hat sich darüber Gedanken gemacht: „Die Amerikaner haben sich nach 1945 um uns Kinder und Jugendliche gekümmert.“ Anlaufstelle war  das „Amerikahaus“ im heutigen Adelshof.

„Wichtig war, dass Kinder und Jugendliche nach Hass, Verbrechen und Zerstörung, Sicherheit praktische Zuwendung, Mitmenschlichkeit, vielleicht auch Liebe erfahren müssen, wenn Frieden wächst.“ Anders als heutzutage in so mancher Krisenregion sei das in Hall einst gelungen. Doch neben Mitmenschlichkeit bringen die Amerikaner auch Kriegsgerät in die Dolan Barracks, die nur in der Anfangszeit Camp Dolan heißen. Panzer, Geschütze, Raketen, Hubschrauber.

„Unsere Einheit hat nukleare Waffen“, schreibt Win Jolley, Veteran der US-Armee, über seinen Aufenthalt in Hessental. Die Beschreibungen auch anderer Soldaten, die von kleineren nuklearen Gefechtsköpfen berichten, lassen diese Aussage als plausibel erscheinen – auch wenn sie letztlich nicht bewiesen ist.

Viele Soldaten empfanden ihren oft rund zwei Jahre andauernden Aufenthalt in der alten Welt als eine der schönsten Zeiten ihres Lebens. „Das Land, die Menschen und das Wetter waren so wundervoll, farbig und kontrastreich. Das Interesse an Fotografie drängte sich mir auf“, schreibt Raymond Kenneth Dauphinais (63), der in den 70er-Jahren als Fluglotse in Hall war. Er wurde zurück in Florida Profi-Fotograf. Nicht von Anfang an, sondern erst ab 1966 nutzten die Amerikaner den Flugplatz, um mit Maschinen dort zu starten und zu landen.

Seitdem waren die bananenförmigen Hubschrauber „Chinook“ und die Helikopter „Black Hawk“ am Haller Himmel prägend und nach Aussagen von Zeitzeugen weit lauter als die Sportflug- und Geschäftsflugzeuge heute.

Basis für Golfkriege

Doch die Soldaten mussten auch kämpfen. Georg Finley wurde nach Vietnam einberufen. Viele Soldaten aus Hall zogen in die Kriege am Golf.

Neben den militärischen Aspekten machte der Aufenthalt der Amerikaner in Hessental auch einen großen Wirtschaftsfaktor aus. Firmen aus Hall lieferten Waren in die Kasernen, reparierten Gebäude und Maschinen. Einige zivile Angestellte standen bei den Amis in Lohn und Brot.

Georg Zahaczewsky ist dann derjenige, der das Licht ausmacht. Der letzte Standortälteste verlässt Hessental am 15. Juni 1993. Die Deutsche Einheit ist vollzogen, der Kalte Krieg beendet. Mission beendet. Trump und Putin: Die West-Ost-Spannungen nehmen derzeit wieder zu. Brauchen wir die Dolan Barracks wieder?
George Finley meint: „Lasst es uns nicht hoffen.“

Fotos und Zeitzeugen gesucht

In einer Artikelserie  dokumentiert die Zeitung die Erinnerung der Schwäbisch Haller an die Stationierung der Amerikaner. Zudem kommen ehemalige Soldaten zu Wort. Geplant ist, die Beiträge in einem Buch darzustellen, das es im Advent zu kaufen gibt. Haben Sie Fotos, Erinnerungen, Erlebnisse, die sie mit den Amerikanern in Hall erlebt haben? Schreiben Sie diese bitte einfach in eine E-Mail und senden sie samt Fotos an: t.wuerth@swp.de. Wir können diese Erinnerungen möglicherweise in die Serie oder das Buch einfließen lassen.

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