Wuchtig thront der Neubau über Halls Altstadt. Kaum ein Bauwerk der Stadt passt zum Titel des diesjährigen Tags des offenen Denkmals „Macht und Pracht“ so gut wie die ehemalige Zehntscheuer, mit der sich der Haller Rat vor knapp 500 Jahren ein Denkmal setzte. Sie ist nach der Kirche St. Michael das zweithöchste Gebäude Schwäbisch Halls und diente in früheren Zeiten als Kornspeicher und Waffenlager.

Nicht nur die imposante Optik aus Sandstein und Muschelkalk, sondern auch die „inneren Werte“ des Gebäudes, in dem seit den 1930er-Jahren Kulturveranstaltungen stattfinden, haben es in sich: „Das Besondere am Neubau ist sein rautenförmiger Grundriss“, erklärt Karl-Heinz Herrmann, Baukontrolleur im städtischen Baurechtsamt. Am 9. September wird er im Rahmen der großen Auftaktveranstaltung in Schwäbisch Hall zweimal durch den fünfstöckigen Dachstuhl des Neubaus führen.

Warum man sich beim Neubau ausgerechnet für eine Trapezform entschieden hatte, ist unklar. Eines ist aber sicher: Die ausgefallene Bauweise war erheblich teurer, man musste sie sich leisten können. Der Neubau entstand Anfang des 16. Jahrhunderts in der Phase eines regelrechten Baubooms in der wohlhabenden Reichsstadt. Als Zimmermänner kommen der Sägewerksbesitzer Peter Laccorn sowie Meister Hans, der auch für den Chor von St. Michael den Auftrag erhielt, in Betracht. Zeitgleich wurden auch die Große Treppe vor der Michaelskirche, der Marktplatzbrunnen und der Steinerne Steg gebaut.

„Für die Zimmermänner bedeuteten der spezielle Grundriss und die anspruchsvolle Statik doppelten Aufwand“, weiß Zimmermeister Herrmann. Zugleich konnten sie ihre Handwerkskunst unter Beweis stellen. Und diese ist, wie der städtische Mitarbeiter findet, „einfach meisterlich“. Der Dachstuhl besteht aus 15 Querbindern auf vier Ebenen sowie 45 Dachsparrenpaaren. Um den Grundriss auszugleichen, mussten die Zimmerleute mit schrägen Schnitten arbeiten. Schätzungsweise 2000 Festmeter Holz wurden dazu vermutlich vom rund 30 Kilometer entfernten Honhardt aus dem Hospitalwald nach Schwäbisch Hall transportiert und nebenan auf einer Wiese von den Handwerkern direkt abgebunden.

Holz im Originalzustand

Die qualitative Arbeit hat sich ausgezahlt: Auch 500 Jahre später ist der Dachstuhl in einem sehr guten Zustand. Sowohl das Holz des Dachstuhls als auch einige Dachziegel sind noch im Originalzustand erhalten. Eine alte Lastenwinde im Dachraum ist noch voll funktionsfähig. Die ausgetretenen Holzdielen unterhalb verraten, dass hier schwere Kräfte gewirkt haben müssen. Zwei Männer mussten die Winde den gesamten Tag über bewegen, um Güter auf den Dachboden zu transportieren. So etwas findet sich im Dachstuhl von St. Michael auch. „Da setzte man allerdings einen Esel ein“, fügt Herrmann augenzwinkernd hinzu.

Im ersten Dachgeschoss, das vollgestopft mit der Bühnentechnik für den Neubausaal ist, verbirgt sich in einer unscheinbaren Kammer auch ein echter „Siedersschatz“. Auf der blanken Mauer haben Mitglieder der vorherigen Siedergenerationen zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren mit Bleistift ihre Namen für die Nachwelt hinterlassen.

Info Autorin Franziska Hof ist Sprecherin der Haller Stadtverwaltung.

110 Programmpunkte zum Denkmaltag


Der landesweite Auftakt zum Tag des offenen Denkmals wird am Samstag, 9. September, in Schwäbisch Hall gefeiert. Um 14 Uhr beginnt in St. Michael die landesweite Eröffnungsfeier mit Orgelmusik und Vorträgen zum Motto „Macht und Pracht“ sowie zum 500-jährigen Reformationsjubiläum. Anschließend beginnt die „Nacht des offenen Denkmals“. Von 17 bis 23 Uhr locken in Schwäbisch Hall mehr als 110 Programmpunkte, offene Häuser, Führungen, Ausstellungen, Vorträge, Familienprogramm, Schauspiel, Musik und Bewirtung. Weitere Informationen zum Programm gibt es im Internet unter www.schwaebischhall.de/erlebnisstadt/feste/nacht-des-offenen-denkmals und www.denkmalpflege-bw.de/denkmale/tag-des-offenen-denkmals/eroeffnungsveranstaltung.