Mehr als 7000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Schwäbisch Hall im Kochertal und Himo am Fuße des Kilimandscharo. Doch mit dem Hilfsprojekt „Diak goes Tansania“ rücken die Städte ein bisschen zusammen. Kürzlich ist ein Haller Ärzte-Trio nach Afrika geflogen, um dort loszulegen: Professor Dr. Thorsten Steinfeldt, Anästhesie-Chefarzt am Haller Diak, Assistenzärztin Dr. Katja Kurz sowie Anästhesie-Fachärztin Dr. Kristin Hornberger. Sie wollen beginnen, das medizinische Personal im Faraja-Health-Care-Center in Himo weiterzubilden.

Wie kommt es zu dem Projekt? „Die Ursprünge liegen noch in meiner Marburger Zeit“, erzählt Thorsten Steinfeldt lächelnd. Damals hatte ein Student, der seine Doktorarbeit zum Thema Höhenkrankheit am Kilimandscharo schrieb, Kontakt zu jener privat finanzierten Klinik geknüpft. Dabei sei bereits deutlich geworden, dass es dort vor allem an Ärzten und dem fachlichen Know-how fehlt. „Es gibt dort keine anästhesiologische Qualifikation“, sagt Steinfeldt. Ist eine Vollnarkose nötig, sei das immer ein großes Problem – „denn dann muss man beatmen, und das ist schwierig“. Auch die Behandlung von Verletzten, „es gibt dort eine hohe Unfallquote“, so Steinfeldt, oder die Begleitung komplizierter Geburten seien große Herausforderungen. Als nun am Haller Diak Assistenz­ärztin Katja Kurz mit dem Wunsch auf ihren Chef zukam, etwas Sinnvolles in Sachen Entwicklungshilfe unternehmen zu wollen, hat der 45-Jährige seine Kontakte zu der im Jahr 2000 gegründeten und privat finanzierten Klinik in Himo erneut aktiviert und die Verbindung geknüpft.

Effektive Notfallmedizin fehlt

Die aus Crailsheim stammende Katja Kurz war bereits in Himo, um sich die Situation vor Ort anzuschauen. Sie erzählte unter anderem von einer Mutter, die ihr verunglücktes Kind, nunmehr querschnittsgelähmt, erst nach drei Monaten in die Klinik brachte. Bereits das Wissen, wann ärztliche Hilfe gebraucht wird, kann ein entscheidender Unterschied sein. Sie berichtete unter anderem von mangelndem professionellen Personal und Lehrmaterial, von vielen Tropenkrankheiten, Verbrennungen und vom Fehlen einer effektiven Notfallrettung.

Schwäbisch Hall

Mit Kurz’ Erfahrungen machen sich Steinfeldt und sein Team daran, ein Konzept für das Hilfsprojekt zu entwickeln. „Unser Hauptthema ist eine gute Anästhesie und vor allem die Notfallmedizin“, macht er deutlich. Dazu gehöre auch die Spinalanästhesie, bei der gezielt Teile des Körpers betäubt werden und die wesentlich schonender ist, weil keine Beatmung benötigt wird. „Wir wollen dort keine Patienten behandeln, sondern die Leute vor Ort schulen – es geht um Know-how-Transfer“, betont der Diak-­Chefarzt.

Bereits im Frühjahr war einer der Ärzte aus Himo, Ombeni Mkombozi, als Hospitant am Haller Diak. „Er hat bei uns erste Eindrücke gesammelt, wir haben ihn jeden Tag richtig geschult, sodass er dort erste Dinge auf den Weg bringen konnte.“ Ein wichtiger Punkt sei zum Beispiel das Thema Reanimation gewesen. Katja Kurz hat ihren Kollegen aus Tansania übers Wochenende zum Jugendrotkreuz-Kurs mitgenommen – und der Gast fand es schier unfassbar, dass bereits Achtjährige in der Lage sein können, mit einfachen Handgriffen Leben zu retten. Das habe ihn ermutigt, Erwachsenen Erste Hilfe beizubringen. „Dafür haben wir jetzt auch Reanimationspuppen nach Tansania mitgebracht“, erklärt Steinfeldt.

Er selbst war kürzlich für vier Tage in Tansania, um das Projekt dort offiziell zu starten. Die Kolleginnen Kurz und Hornberger sind noch bis Sonntag vor Ort, um Kurse zu leiten und das Trainingscenter zu unterstützen. Sie zeigen zum Beispiel, wie Notfallpatienten gelagert werden müssen oder wie man Erste Hilfe bei Babys anwendet.

Obwohl Steinfeldt als Mediziner weltweit unterwegs ist, Vorträge von Tokio bis New York hält, war dies seine erste Reise nach Afrika: „Die Menschen in Tansania sind unglaublich freundlich und man kann sich völlig sicher fühlen.“ Was ihn besonders freut: Dass sich seine ganze Abteilung an diesem Projekt beteiligt, Ärzte wie Pflegekräfte. „Die werden total kreativ und drehen zum Beispiel gemeinsam Lehr­videos, die wir in den Workshops nutzen – das ist großartig.“ In der eigens gegründeten Whatsapp-Gruppe herrsche jedenfalls reger Austausch. „Diak goes Tansania“ schweißt also zusammen.

Benefizabend der „AchtLosen“

Natürlich benötige so ein Projekt auch Geld – schließlich müssen unter anderem Flüge, Unterbringung und Material bezahlt werden. Auch künftig sollen für Mitglieder des Personals der Klinik in Himo Hospitationen am Haller Diak möglich sein. Steinfeldt ist froh, erste Unterstützer gefunden zu haben. Und er freut sich, dass auch die Haller Revuetheatergruppe „Diak goes Tansania“ mit einem Benefizabend am 25. Oktober hilft – zu dem auch Klinik-Chef Dr. Samuel Minja aus Himo in Hall erwartet wird.

Kooperation zwischen Hall und Marburg hilft in Himo in Tansania

Thorsten Steinfeldt wurde am 28. Februar 1973 im schleswig-holsteinischen Eutin geboren. Von 1996 bis 2002 studierte er Medizin an der Philipps-Universität in Marburg, wo er 2002 promovierte. „Schon als Kind fand ich den Beruf des Mediziners spannend.“ Er machte die Facharztausbildung für Anästhesie und Intensivtherapie (Abschluss 2008) und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter. Von 2003 an baute er eine Forschungsgruppe für experimentelle und klinische Regionalanästhesie auf und habilitierte 2011 auf diesem Gebiet. Regionalanästhesieverfahren verfolgen eine Schmerzausschaltung bestimmter Körperregionen, ohne das Bewusstsein zu beeinträchtigen. Steinfeldt erhielt Auszeichnungen und wurde 2014 zum außerplanmäßigen Professor an der Philipps-Universität Marburg ernannt. Als Mitarbeiter in internationalen Arbeitsgruppen und Autor wissenschaftlicher Beiträge ist der 45-Jährige weltweit gefragt. Seit April 2016 leitet er als Chefarzt die Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Haller Diakonie-Klinikum. Steinfeldt ist verheiratet und Vater dreier Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren. Das Hilfsprojekt „Diak goes Tansania“ ist auch eine Kooperation mit dem Verein AGET (African German Expert-Knowledge Transfer), der eng mit der Philipps-Universität Marburg verbunden ist.

Benefiz Um das Hilfsprojekt „Diak goes Tansania“ zu unterstützen, gibt es am Donnerstag, 25. Oktober, einen großen Benefizabend mit der Haller Revuethea­ter­gruppe „Die AchtLosen“. Geboten wird ab 19 Uhr im Haller Neubau-Saal musikalisches Kabarett. Der Eintritt ist frei, Spenden sind freilich erwünscht.

Spendenkonto Sparkasse Schwäbisch Hall-Crailsheim: Kontoinhaber Diakonie-Klinikum Schwäbisch Hall, IBAN: DE04 6225 0030 0000 0080 02,
BIC: SOLADES1SHA; Stichwort: Diak hilft Tansania.