Familie Mehr Raum für die Fantasie

Kinder des Waldorfkindergartens Weckelweiler spielen mit einfachen Naturmaterialien. Vermieter Steffen Feuerstack und Erzieherin Gisela Uhrebein freuen sich über den Einzug in die neuen Räume.  
Kinder des Waldorfkindergartens Weckelweiler spielen mit einfachen Naturmaterialien. Vermieter Steffen Feuerstack und Erzieherin Gisela Uhrebein freuen sich über den Einzug in die neuen Räume.   © Foto: Sabine Franz
Kirchberg / Sabine Franz 27.07.2018
Die unter Dreijährigen des Waldorfkindergartens Weckelweiler sind umgezogen. Im früheren Bauernschulgebäude können sie auf 100 Quadratmetern spielen, singen und toben. Die Betreuungs-Plätze für die Jüngsten haben sich auf zehn verdoppelt.

Legosteine, „Mensch ärgere dich nicht“ und Spielzeugautos sind nirgends zu entdecken. Langweilig ist es trotzdem nicht: Elian baut einen Turm aus schlichten Holzquadern, Alma wickelt ein Stoffpüppchen und Lisa rollt einen gehäkelten Ball übers Parkett. Die Kinder sind ganz vertieft in ihr Spiel mit einfachsten Materialien. Als unter Dreijährige besuchen sie die betreute Spielgruppe des Waldorfkindergartens Weckelweiler. Im April sind sie mit ihren beiden Erzieherinnen Gisela Uhrebein und Melanie Baldinger innerhalb des Dorfes umgezogen.

Grund war die steigende Betreuungsplatz-Nachfrage. Im früheren Bauernschulgebäude kann sich die Gruppe nun in lichtdurchfluteten Räumen auf 100 Quadratmetern entfalten. „Vorher hatten wir nur ein kleines Zimmer“, erzählt Waldorf-Kleinkindpädagogin Gisela Uhrebein. Der Kindergarten für die Größeren bleibt am bisherigen Standort.

Vor mehr als drei Jahrzehnten gründeten Mitarbeiter der Sozialtherapeutischen Gemeinschaften die Einrichtung für ihren eigenen Nachwuchs. Einzugsgebiet sind die Gemeinden Kirchberg, Gerabronn und Rot am See. „Weil wir in Weckelweiler sind, halten uns viele für einen heilpädagogischen Kindergarten“, sagt Gisela Uhrebein. Das sei nicht der Fall. Unter den Kleinen gebe es momentan keines mit Behinderung. „Wir nehmen gerne auch Kinder mit Unterstützungsbedarf auf.“  Sie seien offen für alle.

Die Spielgruppe für die Jüngsten gibt es seit 2012. Gisela Uhrebein hat sie als Projektleiterin gemeinsam mit dem Vorstand des Trägervereins aufgebaut. Während die Kindergartengruppe im Bedarfsplan der Stadt Kirchberg enthalten ist, gilt das für die betreute Spielgruppe bisher noch nicht. Sie erhält aber Mittel aus dem Finanzausgleich des Landes. Es handelt sich um eine Art abgespeckte Krippen-Version mit begrenzten Öffnungszeiten: montags bis donnerstags von 8.15 Uhr bis 12 Uhr. „Eltern finden hier eine Alternative zu den klassischen Angeboten“, so Gisela Uhrebein.

Dank der neuen Räume hat sich die Zahl der Spielgruppen-Plätze auf zehn verdoppelt. Für die Kinder gibt es einen Bewegungsraum und ein Spielzimmer. Dazwischen liegt die Küche.

Ein Schwerpunkt des Waldorf-Konzepts ist das freie Spiel. Die Kleinen beschäftigen sich mit Naturmaterialien, die ihre Fantasie fördern. Kinder aus einem Haushalt mit großem Spielzeug­angebot seien anfangs etwas ratlos, erzählt Uhrebein. „Sie kommen aber schnell aus sich heraus, wenn sie die anderen beobachten.“ Oft ahmen die Kinder Alltagstätigkeiten der Erwachsenen nach, wie Kochen oder Gärtnern.

An einer Sprossenleiter im Bewegungsraum lehnt ein Brett, das als Rutsche dient. Auf dem Boden liegen Holzstücke in verschiedenen Formen und Farben, Schaffell und Kirschkernsäckchen. Kein einziger Plastikgegenstand ist zu sehen.

Statt eines mitgebrachten Vespers isst die Spielgruppe am späten Vormittag gemeinsam ein von den Erzieherinnen selbst zubereitetes Gericht. Jeden Montag gibt es Grießbrei, dienstags Pfannkuchen, mittwochs Nudelsalat und donnerstags Butterbrote. Hier kommt wieder das Waldorf-Konzept zum Tragen. Zu dessen Eckpfeilern gehören rhythmische Prozesse, wie ein wiederkehrender Tagesablauf.

Die neuen Räume der unter Dreijährigen befinden sich im ersten Obergeschoss. Nach dem Auszug der Bauernschule im Jahr 2015 hat Steffen Feuerstack das dreistöckige Gebäude gekauft. Seine Eltern sind die Gründer der Sozialtherapeutischen Gemeinschaften. „Die Kleinkindgruppe passt gut zu dem Anliegen, das ich hier verfolge“, sagt Steffen Feuerstack als Initiator des Projekts „Gemeinschaftswohnen alte Bauernschule“. Er möchte die Kluft zwischen Menschen mit und ohne Hilfebedarf reduzieren, im Idealfall aufheben. „Zusammenleben in Gegenseitigkeit ist sehr hilfreich und heilsam“, meint Feuerstack. Die Hälfte der Mieter benötigt im Alltag Unterstützung, auch Senioren. Die acht Wohnungen und zwei Zimmer sind in sich abgeschlossene Einheiten.

Täglicher Spaziergang

Beim Umbau der Räume für die betreute Spielgruppe bezog Vermieter Steffen Feuerstack die Erzieherinnen mit ein. Durch die Auflagen der Ämter und Aufsichtsbehörden ist in diesem Bereich das Altbau-Flair verschwunden. „Alles, was ursprünglich an Gebälk und Bausubstanz sichtbar war, ist nun verkleidet“, bedauert er. Das habe brandschutzrechtliche und hygienische Gründe.

Schnittpunkte zwischen den Kindern und den Bewohnern gebe es kaum. „Dafür ist alles noch zu neu“, sagt Gisela Uhrebein. Manchmal treffen sie sich im Hausflur oder beim täglichen Spaziergang. Ab 10.30 Uhr ist die Spielgruppe draußen, um gemeinsam durch das landwirtschaftlich geprägte Umfeld zu streifen – auch bei Regen.

Es berührt Gisela Uhrebein, wenn die Kinder etwas mit nach Hause nehmen, indem sie ihren Eltern ein neu erlerntes Fingerspiel vormachen. Dafür braucht es keine Legosteine, „Mensch ärgere dich nicht“ oder Spielzeugautos.

Spendenkonto des Kindergartens

Die engagierten Mitarbeiter sind dankbar für Spenden. Sie möchten für die Kinder weitere Spiel- und Bewegungssachen sowie kleine Schubkarren anschaffen. Die Bankverbindung lautet: Waldorfkindergarten Weckelweiler e.V., Verwendungszweck: Betreute Spielgruppe, IBAN: DE08 6225 0030 0003 8112 03 bei der Sparkasse Schwäbisch Hall-Crailsheim. sab

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