Infans Mehr als 90 Prozent der Eltern finden das Infans-Kindergartenkonzept in Hall gut

Schwäbisch Hall / TOBIAS WÜRTH 27.11.2014
Vor fünf Jahren wurde das Infans-Konzept an allen 14 städtischen Kindertageseinrichtungen eingeführt - unter teils lauten Protesten. Eine Umfrage zeigt: Heute sind fast alle befragten Eltern zufrieden.

Sie können keinen Ball fangen, nichts sauber ausschneiden und halten sich an keine Regeln. "Bevor Infans eingeführt wurde, hat sich mein Kind im Auto anschnallen lassen, jetzt weigert es sich", berichtete eine aufgebrachte Mutter vor fünf Jahren dem Haller Tagblatt. Damals wurde das Konzept des Instituts für angewandte Sozialisationsforschung (Infans) an allen 14 städtischen Kindertageseinrichtungen in Hall eingeführt. Erste Bürgermeisterin Bettina Wilhelm, die ihre Karriere als Erzieherin startete, sagt heute: "Der Anfang war nicht einfach: Es gab viel Kritik - und vor allem laute Kritik." Einzelne Stadträte waren ebenfalls dagegen.

Von "Infans-Geschädigten Kinder" und "Infans-Flüchtlingen" war die Rede. Fachbereichsleiter Edgar Blinzinger widerspricht: "Höchstens eine Handvoll Eltern hat ihre Kinder nach der Einführung von Infans abgemeldet."

Kritische Stimmen gegen das Konzept sind nicht verhallt

Wie sieht es heute aus? Die freiberufliche Expertin Raphaela Rupp hat zusammen mit Erzieherinnen 220 Eltern einen Fragebogen überreicht. 164 beteiligten sich. Das Ergebnis wird im Verwaltungsausschuss am Montag und in einem Elternabend am Dienstag präsentiert: Die Befragten sind zu über 90 Prozent zufrieden bis sehr zufrieden. Zumeist sind es nur drei oder vier Eltern, die bei einigen der 16 Fragen nur ein "ausreichend", fast nie aber ein "zu wenig" ankreuzen. Maria Bub, Leiterin des Fachbereichs Tageseinrichtung verbindet das positive Ergebnis mit einem Lob an alle 163 Erzieherinnen der Stadt Hall. Die Eltern geben in der Umfrage an, mit der pädagogischen Arbeit, der Erziehung und dem Bildungsangebot hoch zufrieden zu sein.

"Das so eindeutig positive Ergebnis hat mich überrascht", sagt Gesamt-Elternbeiratsvorsitzende Silvia Wagner. "Ich dachte, es gibt mehr kritische Stimmen gegen Infans." Sie selbst hofft, dass noch mehr Tageseinrichtungen die Freiheiten nutzen, die das Konzept beinhaltet.

Was die Befragung aber auch zeigt: Bei einzelnen Themen und in einzelnen Einrichtungen steht noch Arbeit an. "Wir haben den Anspruch in einem kontiniuierlichen Verbesserungsprozess zu sein", sagt Wilhelm. Sie hat vier Themenbereiche festgemacht, an denen sie arbeiten will. So gelte es, die Gestaltung des Übergangs der Kinder in die Grundschule zu erleichtern. 15 Prozent der Eltern finden den nämlich nicht "gut", sondern nur "ausreichend". Dabei müssten allerdings auch die Grundschulen einen Schritt auf die Kindertagesstätten zugehen. Zweitens sollte die Projektarbeit der Kinder ausgebaut werden und drittens der unterschiedliche Bedarf der Eltern nach Informationen aus der Kindertagesstätte berücksichtigt werden. Der vierte Punkt wird wohl der schwierigste: "Die Fluktuation bei den Fachkräften steigt", sagt Wilhelm. Allein in Baden-Württemberg sind 6000 Stellen offen. Das wird genutzt: Viele Erzieherinnen lassen sich in Hall ausbilden, wechseln dann zurück in ihren Heimatort (Bericht folgt).

Noch immer Vorbehalte

Bei der Präsentation der Zahlen zeigen sich einige Stadträte erstaunt. Rüdiger Schorpp (SPD): "Es ist ein überraschend gutes Ergebnis. Ich höre immer wieder einige kritische Stimmen von Lehrern, Eltern und Erzieherinnen. Aber dennoch: Großes Lob für die Arbeit."

Nach fünf Jahren sind eben doch noch Vorbehalte da: Sind die Infans Kinder in der Schule unkonzentriert und können sie mit der Schere schneiden? FDP-Stadtrat Thomas Preisendanz, Leiter des Gymnasiums bei St. Michael, wischt diese Bedenken bei Seite: "Schon immer haben sich die Grundschullehrer darüber beklagt, was sie für Kinder aus den Tageseinrichtungen bekommen. Die weiterführenden Schulen klagen, was sie aus den Grundschulen bekommen und die Universitäten darüber, was so aus den Schulen zu ihnen kommt."

Kein Lust-und-Laune-Prinzip - was Infans ist und was nicht

Ansatz Welche Motivation hat ein Kind, um etwas zu lernen und zu erfahren? Wie kann man seine Neugier erhalten? Das Konzept des Instituts für angewandte Sozialisationsforschung (Infans) setzt am Kind an, das Freiheiten bei der Planung seines Tages erhält. Erzieher begleiten diesen Prozesse, versuchen ihn zu lenken, ohne den Kindern etwas überzustülpen.

Besonderheit Infans systematisiert Arbeitsweisen, die so oder so ähnlich auch bei anderen Konzepten vorkommen. Dazu gehören offene Gruppen, Projektarbeit, Erziehungspartnerschaften mit Eltern und ein hohes Maß an Dokumentation nach der Beobachtung der Kinder.

Regeln "Es ist kein Lust-und-Laune-Prinzip", stellt Gabriele Schwarz klar, die in der Stadtverwaltung für Infans verantwortlich ist. Für Kinder gelten weiterhin Regeln: Aufräumen, Zähne putzen, Hände waschen, an Projekten dranbleiben.

SWP

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