Schwäbisch Hall / SONJA ALEXA SCHMITZ Er ist Professor für Hirnforschung, Psychologe, Vater von sechs Kindern. Und Manfred Spitzer ist empört. "Jeder Trottel kann mit Kindern machen, was er will": Diese nämlich zu früh der Digitalisierung aussetzen.

Eigentlich kann den Zuhörern nichts passieren. Sie sind ausgewachsen. Wenn sie sich dem Smartphone, Tablet und Computer aussetzen, dann wachsen ihre Augäpfel nicht mehr in die Länge.

Diese Zuhörer werden nicht mehr kurzsichtig, ihr Hirn ist bereits entwickelt, sie sprechen eine zweite Fremdsprache, was ihnen ein fünf Jahre späteres Einsetzen von Demenz bringen soll. Sie sind auch groß genug, um zu entscheiden, ob sie ein "Smombie" werden wollen.

Das ist das Jugendwort des Jahres 2015. Die Kombination aus Smartphone und Zombie - ein willen- und seelenloses Wesen, immer getrieben von der Herrschaft des digitalen Geräts.

Manfred Spitzer spricht vor gut 170 Schülern der oberen Klassen in der Waldorfschule. Ein Lehrer stellte den Kontakt her, und zusammen mit der Krankenkasse Vereinigte BKK holten sie den Hirnforscher, den "granteligen Professor", wie er sich selbst nennt, nach Hall.

Böse Mails und Morddrohungen

Die Schüler könnten skeptisch sein, er könnte ihnen ihr liebstes Spielgerät madig machen. Täglich bekommt er böse E-Mails, sogar Morddrohungen. Es gibt Menschen, die wollen sich den Spaß nicht verderben lassen.

Die Schüler hören aber aufmerksam zu, sie stellen interessiert Fragen. Manche scheinen gar ängstlich zu sein, ob es noch ein Zurück gibt oder ob sie bereits durch ihren erhöhten digitalen Gebrauch Folgen erleiden müssen.

Manfred Spitzer stellt keine Behauptungen auf, sondern bündelt die Ergebnisse von Studien aus London, Kanada, den USA und Deutschland. Aus mehr als 1000 Quellen zieht er seine Schlüsse. Googeln mache nicht schlau, das erklickte Wissen bleibe nicht hängen. Das Schlimmste: "Morbus Google" - eine Krankheit von Menschen, die sich über Krankheiten im Internet informieren. "Geben Sie mal Kopfschmerzen ein, da sind Sie gleich beim Hirntumor." Er erklärt, wie das Auge funktioniert und dass Kinder, die viel auf den Bildschirm schauen, kurzsichtig werden. Siebeneinhalb Stunden würden deutsche Jugendliche durchschnittlich vor Bildschirmen verbringen. In China, wo der digitale Konsum noch höher liegt, seien 80 Prozent der jungen Leute kurzsichtig.

Spitzer beschreibt die Wirkung des Bildschirmlichts, das mit seinem hohen Blauanteil dem Menschen vormache, es sei Tag. Dementsprechend werde man abends nicht müde. Wer eine Stunde vor dem Schlafengehen auf den Bildschirm schaut - was laut Studien 90 Prozent der Jugendlichen täten -, bei dem komme es zu Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit. Gelerntes würde schlechter verarbeitet.

Spitzers größter Aufreger: die Amerikaner. In 46 Staaten habe man in Grundschulen die Handschrift abgeschafft. Schüler lernen bis zur vierten Klasse das Zehnfingersystem. "Das ist die größte Lernbehinderungsmaßnahme", empört er sich. Erst durch das Schreiben lerne und merke sich das Gehirn den Stoff.

Aus deutschen Zeitungsartikeln liest Spitzer vor, wie erfreut Schulen verkünden, ihre Klassenzimmer mit Laptops ausgerüstet zu haben. Auf den letzten Seiten des Berichts über diese Neuerung haben die Schulen selbst beschrieben, dass dies nicht zu mehr Lernerfolg führte.

Die Zeitschrift Geo titelt mit "Das Ende der Kreidezeit". Spitzer regt sich auf. "Jeder Trottel kann mit Kindern machen, was er will." Man füge ihnen Schaden zu, und keiner erhebt Einspruch. Doch er tut es. Und das wollen am Abend bei seinem zweiten Vortrag in Hall noch einmal knapp 500 Erwachsene hören.

Info Im Buch "Cyberkrank" zeigt Manfred Spitzer anhand wissenschaftlicher Studien, in welchem Maß die Digitalisierung unsere Gesundheit bedroht.