Schwäbisch Hall Lutz Seiler, Träger des Deutschen Buchpreises, liest in Hall vor 200 Gästen aus "Kruso"

Schwäbisch Hall / VERENA BUFLER 21.11.2014
Bei uns werden Ruhe und Erholung groß geschrieben", heißt es auf der Homepage der Pension "Zum Klausner" auf der Ostsee-Insel Hiddensee. "Entfliehen Sie dem hektischen Treiben der Großstadt und entspannen Sie in unserer Pension, die am nördlichen Ende der Insel mitten im Dornbuschwald zu finden ist."

Ende der 80er-Jahre hätte Lutz Seiler über diese Beschreibung vermutlich den Kopf geschüttelt. Damals kannte er die andere Seite der idyllischen Insel, die der Saisonkräfte. Die zu Stoßzeiten beinahe untergingen bei dem Versuch, den Ansturm der Touristen zu bewältigen. In den 80ern war Lutz Seiler noch kein gefeierter Autor. Damals war er Tellerwäscher. Im "Klausner" auf Hiddensee. Und heute wird dort sein preisgekröntes Buch "Kruso", das auf der Insel spielt, über den Tresen verkauft. Ein Traum wird wahr.

Mittwochabend in Schwäbisch Hall: Lutz Seiler liest auf Einladung des Kulturbüros aus seinem Roman "Kruso", für den er im Oktober den Deutschen Buchpreis erhalten hat. Die Lesung in der Kunsthalle Würth ist ausverkauft, 200 Menschen sind gekommen, um ihn zu sehen.

"Kruso" ist ein Abenteuerroman (nicht von ungefähr gibt es Anklänge an Robinson Crusoe). Aber es ist auch ein Roman über die Freundschaft. Und eine Erinnerung an DDR-Bürger, die beim Versuch, von der Insel aus zu fliehen, gestorben sind. 174 Menschen verloren seit 1961 ihr Leben.

Die Saisonkräfte, genannt "Esskaas", arbeiteten als Tellerwäscher, Kellner, Tresenleute. Im Herzen jedoch waren sie Philosophen, Künstler und Soziologen, aus der DDR ausgestoßen, auf die Insel geflohen, mit dem Ziel, sich ein neues Leben aufzubauen. Hiddensee galt als Nische für Andersdenkende und Aussteiger. Auch der Protagonist des Romanes, Ed, ist auf der Flucht. Abgehauen nach dem Unfalltod seiner Freundin, geflohen vor der Trauer, die ihn auf dem Festland beinahe auffraß. Zur niederen Arbeit der Tellerwäscher gehörten wenig appetitliche Tätigkeiten wie das "Herauspflücken" von Speiseresten aus den Abflüssen der Spülbecken. Detailliert beschreibt Lutz Seiler in seinem Roman den meterlangen Batzen Schleim, den sein Lieblingskollege Kruso aus dem Abflussgitter zieht:

"Das Zopftier musste schwer sein; es zitterte leicht an Krusos erhobenem Arm, Krusos Arm zitterte. Es ähnelte einem Lurch oder seiner riesigen amphibischen Larve, die sich demnächst in eine überdimensionale Kröte verwandelt hätte, um das Gitter zu sprengen mit ihrem schleimigen Buckel und ihnen bei der Arbeit in die Wade zu beißen."

Diese Stelle ist exemplarisch für Lutz Seilers detailgenaues Beobachten und Beschreiben, für seine bildhafte Sprache und auch für seinen trockenen Humor.

Seine Stimme befeuchtet er während der rund eineinhalbstündigen Lesung mit Bier. Im Gespräch mit der Literaturkritikerin und Journalistin Maike Albath erzählt er von seinem ersten Glas Schnaps. Er war noch ein Junge, sein Zuhause ein etwa 80 Hektar großer Bauernhof im thüringischen Gera. Am Wochenende schlachtete der Großvater "schwarz". Während die Mutter das Blut für die Wurst quirlte, hielten sein Vater und er das Hinterteil des Schweines fest. Der Fleischer erkor ausgerechnet ihn, den kleinen Lutz, dazu aus, die Därme auszuspülen. "Ein ekelhafter Gestank." Das Ende der Prozedur feierten die Erwachsenen mit einem Nordhäuser Doppelkorn. Auch der Bub bekam ein Glas in die Hand gedrückt. Ohne Vorwarnung kippte er es hinunter. Die Wucht des Alkohols traf ihn unvorbereitet und schleuderte ihn gegen die nächste Wand. Die Erwachsenen lachten kehlig. "Ho, ho, ho", macht Lutz Seiler. Es ist typisch für seine Erzählweise, dieses Aufsaugen der Eindrücke und das Beschreiben körperlicher Empfindungen.

Zur Literatur kam Lutz Seiler auf Umwegen. Nicht durch sein Elternhaus, wo wenig gelesen wurde. Nicht während der Schulzeit, in der er sich eher für Mopeds und Mädchen interessierte. Die Leidenschaft für Bücher begann in der Armee. Er leistete 18 Monate Grundwehrdienst und wohnte in einer Stube mit zehn Kameraden. Die Zeit vertrieben sie sich mit Laubsägearbeiten, stellten erzgebirgische Schwibbogen her. Filigrane Holzarbeiten - zu fein für Lutz Seilers Hände, der die Sägeblätter reihenweise zerbrach. Die Kameraden verbannten ihn vom Tisch. Also legte er sich aufs Bett und begann zu lesen.

Das Publikum lauscht interessiert. Diejenigen mit ostdeutschen Wurzeln erkennt man daran, dass sie schmunzeln bei Begriffen wie Jägerschnitzel (panierte Jagdwurst) und Soljanka (sauer-scharfe Suppe, die in der DDR auf den Tisch kam). Als das Mikrofon kurzzeitig versagt, erfahren die Gäste von Lutz Seilers Affinität für Technik. Auf der Lesereise spielten die Mikrofone ihm schon manchen Streich. Einmal trug er ein Headset: Immer, wenn er den Kopf drehte, wanderte das Mikro in seinen Mund. Gut möglich, dass dieses Erlebnis Eingang in seine Prosa findet - natürlich beschrieben in sämtlichen Details.

Zur Person

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera/Thüringen geboren. Heute lebt er in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter arbeitete er als Zimmermann und Maurer. 1990 schloss er ein Germanistik-Studium ab, seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Bremer Literaturpreis und dem Fontane-Preis. Für sein Roman-Debüt "Kruso" erhielt er den Deutschen Buchpreis 2014.

 

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