Schwäbisch Hall Freilichtspiel-Theaterspaziergang mit viel Humor

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 23.07.2018
Im Theaterspaziergang der Freilichtspiele „Williams weite Welt“ jagt das spielfreudige Ensemble humorvoll durch Shakespeares Theaterkosmos.

Der rote Vorhang der kleinen Bühne auf der Südseite der Globe-Baustelle wird zur Seite gezogen und gibt den Blick frei auf den eingerüsteten Theaterneubau. „Wir sind von solchem Stoff wie Träume sind, und unser kleines Leben umgibt ein Schlaf“, zitiert Gunter Heun den Prospero aus Shakespeares „Der Sturm“. Eine Verheißung fürs Neue Globe? Ein Ort für Träume?

Gerüst, Baukran, Container und Paletten machen zweifelsfrei deutlich: Bis zur geplanten Eröffnung im Frühjahr ist schon noch ein Stück Weg zu bewältigen. Aber Intendant Christian Doll blickt mit seinem siebenköpfigen Theaterspaziergang-Ensemble schon mal unterhaltsam voraus: mit „Williams weite Welt“ – ganz im Zeichen Shakespeares. „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Fraun und Männer bloße Spieler“, heißt es in „Wie es euch gefällt“. Dass aus einer aktiven Baustelle, aus normalen Stadtgassen und profanen Parkgeländern Bühnen werden können, beweisen die Freilichtspiele mit dem Theaterspaziergang. Ein Format, welches das Publikum im Lauf der Jahre liebgewonnen hat. Nach dem Intendantenwechsel von Biermeier zu Doll und einem Jahr Pause, ist die charmante Form der fliegenden Bühne wiederbelebt worden – mit Erfolg. Die Premiere am Freitagabend ist ausverkauft, am Ende hagelt es reichlich Beifall.

Es ist schon erstaunlich, was sich die Haller Theatermacher für ihren munteren Shakespeare-Streifzug alles einfallen lassen. Beim Einlass an der Globe-Baustelle bekommen die Besucher Engelsflügelchen verpasst – und verwandeln sich im Nu in ein Heer von „Sommernachtstraum“-Elfen. Auf dem Globe-Vorplatz bietet sich dem Publikum als Ouvertüre eine pantomimische Bauarbeiter-Choreografie mit reizendem Slapstick. Schließlich entpuppen sich die Arbeiter als jener Handwerker-Trupp aus dem „Sommernachtstraum“, der anlässlich einer Herzogenhochzeit ein Theaterstück aufführen will. Bereits die Rollenverteilung lässt erahnen, wie vergnüglich sich die Szenen gestaltet werden.

Für die erste Probe geht’s hinüber zum Grasbödele, wo die Spieler ihre Texte üben. Übertreibungen und Unbeholfenheit entfalten ihren Charme – und alle finden sich plötzlich wieder in einer lustigen, atemlosen Schleife von missverstandenen Stichworten und verfrühten Einsätzen.

Mit viel Detailliebe ausgestattet

Einmal umgewandt und schon befinden sich die Zuschauer mitten in Shakespeares sämtliche Königsdramen – „auf ihre historische und künstlerische Essenz reduziert“, wie Dominik Dittrich moderierend erklärt. Ein Vergnügen, wie dort von Richard II. über Falstaff und Heinrich IV bis zu Richard III. rund um einen Thron in den so genannten Rosenkriegen munter gemeuchelt wird. Von Anne Brüssel (Bühne und Kostüme) in Renaissance-Pluderhosen gekleidet und mit Perücken versehen, gehen alle mit Holzstöcken aufeinander los. Überhaupt ist der Theaterspaziergang mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Der flotte Kronenwechsel ist mit Anspielungen auf Monty Pythons Satire „Der Ritter der Kokosnuss“ gespickt. Besonders amüsant: Benjamin Leibbrands französische Schimpftirade von der Mauer beim Sulferturm.

Geschickt leiten die Schauspieler das Publikum über den Steinernen Steg zum Treff der Shakespearschen „Superschurken“: Gunter Heun als hasserfüllter hinkender Richard III., Alice Hanimyan als verschlagener Intrigant Jago, Moritz Fleiter als machthungriger Schönling Edmund aus „King Lear“ sowie Julia Friede als zischende und züngelnde Giftschlange Lady Macbeth. Das Gruselkabinett der Fieslinge mutiert zur Werwolf-Meute, um kurz darauf Thomas Tallis’ mehrstimmige Motette „If ye love me“ eindrucksvoll schön zu singen.

Überhaupt die Musik: Dominik Dittrich hat in der englischer Musikgeschichte geschürft und dabei eine vielseitige und wohl dosiert eingesetzte Palette hervorgebracht. Diese reicht von „Pastime with Good Company“, ein von König Heinrich VIII. geschriebener Folksong, über den „Drunken Sailor“ und „Scarborough Fair“ bis zu Queens „Bohemian Rhapsody“ und „Double double toil and trouble“ der Hexen aus „Macbeth“ von Tante Polly.

Kein Shakespeare-Trip ohne einige seiner berühmten Liebespaare. Im Keckenhof versichert Benedikt (Moritz Fleiter) Beatrice (Julia Friede) seiner innigen Zuneigung. Doch die Angebetete verlangt einen Mord als Liebesbeweis. Und obwohl Benedikt ihr durchs ganze Quartier zwischen Schiedgraben, Untere Herrngasse und Keckenhof nachrennt, will sie sich nicht umstimmen lassen. Dazwischen liefern sich Petruchio (Gunter Heun) und die widerspenstige Katharina (Alice Hanimyan) spitzzüngige Wortgefechte um ihr jeweiliges Rollenverständnis zwischen Mann und Frau.

In den Ackeranlagen beim Epinalsteg finden tatsächlich Romeo (Moritz Fleiter) und Julia (Alice Hanimyann) zueinander: Fleiter rauscht mit einem Körpereinsatz durch die Büsche, dass es dem Buchsbaumzünsler dort ganz schwindelig werden muss. Beim Umeinanderwerben vollführen Romeo und Julia an Mauern und Geländern artistische Leistungen, dass manchem Zuschauer der Atem stockt, weil er den Absturz fürchtet.

Hamlet hadert überm Kocher

Auf dem Weg zur letzten Bühnenstation am Neuen Globe passieren die Besucher den hadernden Hamlet (Gunter Heun), der todessehnsüchtig in den Kocher blickt. Und auf dem Unterwöhrd zelebriert das Tante-Polly-Trio als Hexen aus „Macbeth“ ein perfides Giftmischer-Teekränzchen. Schließlich spielen die Handwerker aus der Anfangsszene auf dem aus Brettern des alten Globes gezimmerten Bühnenboden ihr Stück – mit allen witzigen Pannen. Herrlich.

Der unterhaltsame Ritt durch insgesamt 18 Shakespeare-Stücke ist meist sehr kurzweilig. Gewiss, er lässt auch an das vor rund 30 Jahren geschaffene Erfolgsstück „Shakespeares sämtliche Werke leicht gekürzt“ denken. Doch Intendant Christian Doll und Gunter Heun, die das Text-Massiv des englischen Dichters durchforstet haben, schaffen mit ihrem Haller Theaterspaziergang eine eigene Version des Shakespeare-Medleys. Kunstvolle Verse haben genauso ihren Platz wie derbe Flüche. Eine Sprache halt, so prall wie das Leben selbst. Das spiegeln auch die Figuren wider: Handwerker, Könige, Schurken, Liebespaare, Hexen. Da kann sich das Ensemble so richtig austoben – mit Leidenschaft, Poesie, Humor und ganz nah beim Publikum. Das kommt an. Denn: Die ganze Welt ist Bühne.

Info Ein Großteil der insgesamt 20 Vorstellungen ist bereits ausverkauft. Restkarten gibt es laut Freilichtspiele noch für die Aufführungen am
6., 7., 8., 18., 19., 21. und 22. August.
www.freilichtspiele-hall.de.

Mitwirkende

Ensemble Alice Hanimyan, Gunter Heun, Moritz Fleiter, Julia Frede sowie die Mitglieder der Band Tante Polly: Dominik Dittrich, Benjamin Leibbrand und Sebastian Strehler
Regie: Christian Doll, Musikalische Leitung: Dominik Dittrich, Bühne und Kostüme: Anne Brüssel, Dramaturgie: Florian Götz, Regieassistenz: Charlotte Engelberg, Anastasia Reutter

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