John Dowland und Benjamin Britten: Beide sind Engländer, aber sonst haben sie nicht viel gemeinsam. Trotzdem gestalten der Tenor Clemens Löschmann und der Gitarrist Maximilian Mangold ein Konzertprogramm, in dem sie sich auf Werke dieser beiden konzentrieren. Anlass dafür ist die Haller Veranstaltungsreihe „Very British“.

Alte und Neue Musik

Dowland lebte zur Zeit Shakes­peares, schrieb also das, was wir heute „Alte Musik“ nennen. Britten war ein Komponist des 20. Jahrhunderts, wir nennen diese Epoche „Neue Musik“, auch wenn Britten in seinen Klangexperimenten nicht so weit gegangen ist wie viele seiner Zeitgenossen. Löschmann und Mangold müssen sich also zwischen den Programmblöcken immer wieder umstellen.

Die beiden scheinen dafür – wie eine Kirchenorgel – verschiedene Register zu haben: Löschmann singt die Dowland-Werke „sotto voce“, also sehr zurückhaltend, ohne Vibrato, aber mit den für die Alte Musik typischen Verzierungen. Die Zurückhaltung behält er auch beim bekannten „Come again“ bei, dessen Steigerung in der Tonhöhe von anderen Sängern oft durch dramatische Gestaltung unterstrichen wird.

Die Britten-Kompositionen dagegen intoniert er mit vollem Stimmklang, zeigt große Variabilität in Lautstärken und Klangfarben, lässt Schlusstöne traumhaft zart verklingen und bewältigt große Intervallsprünge scheinbar mühelos. Den „Sailor-boy“ singt er griffig mit kräftiger, aber fein geführter Stimme. An wenigen Stellen scheint der Opernsänger durch: In „Master Kilby“ ist ein Hauch von Schauspiel zu erleben.

Einfach meisterhaft

Auch Maximilian Mangold beherrscht beide Musikstile vollendet. Die Begleitung der Dowland-Lieder dürfte für ihn, einen der bekanntesten Gitarristen unserer Zeit, technisch keine große Herausforderung sein. Doch zeigt er auch da musikalisches Einfühlungsvermögen und sein Können darin, auf den Sänger einzugehen.

Bei den Britten-Werken hat die Gitarrenstimme sehr viel höhere Eigenständigkeit als bei Dowland, und sie bietet technisch weitaus komplexere Aufgaben. Das gilt noch mehr für Brittens einziges Solowerk für Gitarre, das „Nocturnal after John Dowland’s ,Come heavy sleep‘“, in dem zum Beispiel ganze Melodien aus Flageoletttönen entstehen. Es ist im Livekonzert sehr interessant zu beobachten, auf wie viel verschiedene Weisen Mangold die Flageoletttöne erzeugt. Sie werden zum Teil mit der linken Hand gezupft, die ja sonst fürs Greifen zuständig ist, oder mit der rechten gleichzeitig gegriffen und gezupft. Und im Passacaglia-Teil dieses Werkes erklingt sehr oft die immer gleiche Basslinie, aber in erstaunlich vielen verschiedenen Klangfarben. All das ist einfach meisterhaft. Die etwa 200 Zuhörer in der „Arche“ des Haller Sonnenhofs lassen sich faszinieren von diesem Abend der vorwiegend leisen Töne. Diese liegen schon in der Natur der Gitarre begründet – und leider vertragen sie sich nicht gut mit der Jahreszeit der Erkältungen. So bleibt als kleiner Wermutstropfen, dass einige Konzertbesucher sich von Hustensalven gestört fühlen.

Traumhaft schöne Zugabe

Sie werden entschädigt durch die Zugabe: „Das Ständchen“ von Franz Schubert. Dort zeigen Mangold und Löschmann, dass ihre „Orgel“ noch mindestens ein drittes Register hat, das für die Romantik nämlich. Sie gehen dieses Stück wieder in ganz neuem Tonfall an – traumhaft schön. Mehrere Konzertbesucher fragen hinterher am CD-Tisch nach Schubert-Aufnahmen. Aber die gibt es leider nicht. So bleibt nur die Hoffnung, dass die Sonnenhof-­Konzerte das Duo nochmals einladen, dann vielleicht zu einem Schubert-Abend.