Konzert Leise Lamentos: Lob der Langsamkeit

Schwäbisch Hall / Hans Kumpf 12.01.2019
Der Ulmer Trompeter Joo Kraus tritt mit Jazz-Ensemble und Streichquartett in der Kunsthalle Würth in Hall auf.

Ausverkauft“ vermeldeten die Medien etliche Tage vor dem Event. Dabei musste man sich lediglich im Internet anmelden und konnte das Gratis-Ticket daheim selbst ausdrucken. Obendrein wurde das werte Publikum in der Pause zu Wein und Snacks eingeladen. Der Campus Künzelsau von der Hochschule Heilbronn hatte für Betriebswirtschaftsstudenten wieder eigens eine Künstlerdozentur eingerichtet. Kulturmanagement mal hautnah – und als international renommierter Gast fungierte jetzt der Trompeter Joo Kraus, für den es ein Konzert zu organisieren galt.

Der 52-jährige Ulmer brachte in die Kunsthalle nicht nur bewährte Begleitung mit: Veit Hübner, präzise intonierend am fünfsaitigen Kontrabass, Torsten Krill, mit den Besen subtil und extrem leise am Schlagzeug, sowie fein dosiert am Keyboard – anstelle von Ralf Schmid – der Mainzer Ulf Kleiner. Vielmehr umgab er sich an diesem Abend erneut mit vier „klassischen“ Streichern, die aktuell von den Würth Philharmonikern kamen.

Viele Pizzicati statt Bogenarbeit

Freilich: Komplizierte Klangexperimente mussten die klassisch geschulten Saitenkünstler an dem Abend nicht ausführen. Auffallend viele rhythmisch gezupfte Pizzicati anstatt betulicher Bo­gen­arbeit blieben hier zu konstatieren. Solistisch – aber nicht improvisatorisch – traten gelegentlich der erste Geiger Catalin Desaga doppelgriffig sowie herzhaft der Cellist Alexandre „Sascha“ Bagrintsev hervor. Zuverlässiger zweiter Violinist war Andrei Sitnikau, Ivo Krastev spielte elegant eine Bratsche mit außergewöhnlich großem Korpus. Gegebenenfalls etwas zu „swingen“, bereitete den vieren keine Schwierigkeiten.

Genregrenzen interessierten Joo Kraus nie. Tänzelte er früher geradezu hyperaktiv auf der Bühne herum und war dem Hip-Hop nicht abgetan, lässt er es mittlerweile etwas geruhsamer angehen. Freilich vereinnahmt er die Popmusik gerne. Mit Michael Jacksons gezähmtem „Beat It“ eröffnete er den gediegenen Konzertabend beinahe „unplugged“. Besinnliche Balladen waren zumeist angesagt. Nicht nur auf dem fülligen Flügelhorn, auch auf der ebenso äußerlich matten Trompete blies er sehr weich, leise und gefühlvoll. Musikalisch überaus „stachelig“ gestaltete Joo Kraus Stings populären „Englishman in New York“ – keck, akzentuiert mit rasanter Zungenfertigkeit.

Als drittes Stück hatte Kraus die tragische „Pavane pour une infante défunte“ („Pavane für eine verstorbene Prinzessin“) von Maurice Ravel (1875–1937) ausgesucht. Den eigentlichen Schreittanz nahm er in mittlerem Tempo. Zufall oder nicht: Die Zuhörer wurden anstelle eines Eintrittsgeldes um Spenden für den gemeinnützigen „Hospizdienst für junge Menschen“ gebeten.

Eine Reminiszenz an den Disco-Sound der 1970er hatte mit forschen Streicher-Einsprengseln schon Ohrwurmcharakter. Der wendige Trompeter pfiff sich eins und betätigte sich zudem als Sänger, wobei er an die introvertierte wie verletzliche Tenorstimme des legendären Cool-Jazz-Trompeters Chet Baker erinnerte.

Straffe Konzeption

Die straffe Konzeption der über ein Dutzend Stücke ließ ausführliche Improvisationen nicht zu. Insgesamt überzeugten die Werke aber durch ihre Stimmigkeit. Allenthalben ein Lob der Langsamkeit – auch bei Stings Song „Russians“, der seinerzeit gegen US-Präsident Ronald Reagan wetterte und global für mehr Mitmenschlichkeit plädierte. Aus der Feder des Bandleaders stammten das lamentierende „Shelter“ und „Quiet Miles“ mit homophonen Strei­cheraktionen und einem Im­pro­visationsduo von E-Piano und Bass.

Im heutigen Stilpluralismus impliziert das Zusammentreffen einer Jazzgruppe mit „classical strings“ keine Konfrontation mehr. Zumindest in der Musik sollte doch Toleranz und gegenseitiges Verständnis herrschen. Für das Publikum in der Kunsthalle war das kein Problem – man genoss ungetrübt den kurzweiligen Winterabend im Saal.

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