Freilichtspiele Schwäbisch Hall Unterhaltsame Zwanziger-Jahre-Musik auf der Treppe

Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 06.08.2018
Kreischen und kichern, leiden und lieben, singen und tanzen: Mit der facettenreichen Uraufführung ihrer Musikrevue bringen die Freilichtspiele die schrillen Zwanziger zurück — und machen den Komponisten jener Zeit alle Ehre.

Man muss mit schmerzhaften Cuts leben und darf keinen Wert auf folgerichtige Handlung legen, wenn man mit dem Ensemble der Freilichtspiele „In der Bar zum Krokodil – ab in die wilden 20er“ reisen möchte. Auch mit der Besetzungsliste ist das so eine Sache. Die Rollen, die dort beschrieben werden, gibt es irgendwie zwar schon, nur verlaufen sie keineswegs durchgängig. Das ist ein bisschen verwirrend, aber es dauert nicht lange, bis es einen nicht mehr stört und man sich entspannt dem musikalisch-choreografischen Vergnügen hingibt, das da meistens munter und manchmal melancholisch die Treppe rauf und runter schwappt.

Grob könnte man den Plot so unterteilen: Es gibt die Bahnhofssequenz, die Barepisode, die Emanzipationsrunde, die Inflationszeit, den Naziblock und den Reiseteil. Darin werden Chansons, Couplets und Gassenhauer aneinandergereiht, denen allesamt der Charme des überraschenden Dachbodenfunds anhaftet. Viele dieser Kostbarkeiten aus den Jahren „zwischen den Kriegen“, in denen die Noten das Laufen lernten, haben es selbstständig ins Heute geschafft. Andere werden bei der Uraufführung erfolgreich wiederbelebt.

Großes Comeback für Hollaender

Sein ganz großes Comeback feiert der deutsch-jüdische Komponist Friedrich Hollaender, der für Liebeslust ebenso gut war wie für Zeitkritik. Außer ihm kommen zu Wort: Kurt Tucholsky, der als Bestseller-Autor bis heute prominenter ist als Hollaender, selbstverständlich die Comedian Harmonists, und einige – heute würde man sagen „Songwriter“ – deren Namen keiner mehr kennt, wohl aber ihre One-Hit-Wonder. Oder wusste jemand, dass die Hymne der Inflationszeit „Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen“ von einem gewissen Robert Steidl geschrieben wurde? Und dass der Evergreen „Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt auch das Glück zu dir“ aus der Feder von Willi Kollo stammt, dessen Sohn René, seines Zeichens Opernsänger, 1975 in der ARD-Fernsehlotterie konsequenterweise „Das ganz große Glück“ versprach?

Und da ist noch der Österreicher Karl Kraus, der den Begriff „Journaille“ prägte, weil er die Presse nicht leiden konnte. „Mit Zeitung‘n füttert man uns satt / Bevor man een Blatt ausgelesen / Kommt’s zweete schon, da is man platt / Und eh man dett gelesen hat / Da widerruft schon’s vierte Blatt / Watt in dem dritten dringewesen“ beschwert sich Gertrud (Petra Welteroth), die in der „Bar zum Krokodil“ die Barbesitzerin mimt, was man nur weiß, wenn man das Programmheft gelesen hat. Erika (Anja Gutgesell), die laut Cast eine Journalistin darstellt, reicht zum nämlichen Thema einen Text von Otto Reutter nach: „Wir bringen, dringen, schlingen / uns in das Leben ein. / Wo wir den Wert bezwingen / erschaffen wir den Schein.“ Nett, dass auf der Treppe dabei wenigstens die vom Haller Tagblatt weit entfernt erscheinende Berliner Morgenpost als Anschauungsmaterial verwendet wird.

Hollaenders äußert vielseitiges Werk bildet den roten Faden, der sich durch weite Teile der Revue zieht. „Schau doch nicht immer zu dem Tangogeiger hin“, fordert Heinrich (Nico Wendt als „junger Idealist voller Sympathie für den Kommunismus und schöne Frauen“) von seiner Angebeteten Greta (Jasmin Eberl), einer „von den Freiheiten der Nachkriegszeit faszinierten, junge Berlinerin“. Dem kleinen Krach folgt das Schluchzstück „Wie hab ich nur leben können ohne dich“, mit dem Lilian Harvey zu UFA-Zeiten die Herzen des Kinopublikum weichkochte. Schließlich prügeln sich Heinrich und Max (Udo Eickelmann), letzterer ein Kriegsheimkehrer und zumindest in der Bahnhofsequenz der wahre Geliebte von Greta, 113 fiktive Boxrunden lang um die treulose Schöne. Der passende Soundtrack dazu: „Pump mir dein Gesicht, ich will die Großmama erschrecken“ aus der Feder des österreichischen Komponisten Fritz Rotter.

Schmelzendes Timbre

Das Ende des Kampfes markiert den Beginn der Emanzipationsrunde. „Raus mit den Männern aus dem Reichstag / und raus mit den Männern aus dem Landtag, / und raus mit den Männern aus dem Herrenhaus / wir machen draus ein Frauenhaus“ intonieren die Krokodil-Damen die nächste Komposition von Hollaender, der sich garantiert nicht hat träumen lassen, was „Frauenhaus“ in unseren Tagen bedeuten würde. Klara (Maja Sikora) schwärmt als „aufstrebende Disseuse“ in einem eigenwilligen Tucholsky-Lied von Tarmelan, dem Ende des 14. Jahrhunderts tätigen, asiatischen Militärführer und Eroberer islamischen Glaubens. Journalistin Erika fragt „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“, ein Chanson, das durch Zarah Leander berühmt wurde, jedoch aus der Operette von Oscar Straus (kein Mitglied der Walzer-Familie!) „Eine Frau, die weiß, was sie will“ stammt. Rob Pitcher alias Hans spielt, was er wirklich ist, nämlich einen charismatischen Sänger im Look des noch jungen Johannes Heesters. Der Frauenheld schwingt seine Stimme mit schmelzendem Timbre in die höchsten Höhen und absolviert obendrein würdevoll einen Auftritt in schwarzen Strapsen. Letzteres hätte Jopi nicht gebracht.

Die Inflation kommt mit „Wir zahlen keine Miete mehr, wir sind im Grünen zuhaus“ von Werner Richard Heymann und „Hast du Geld, lass es nicht bei dir im Sack / geh zu den Menschen und da sä’ es aus./ Das ist ein Acker, der sich düngt mit Blut … / Das produziert die Krone des Gewinns / Zins und Zinzeszinzs.“ Dieses Lied von Kurt Weill und Georg Kaiser ist nur einer der perfiden Finanzhaifisch-Songs, die der „amüsierwillige Fabrikant“ Wilhelm (Mario Gremlich) mit Inbrunst zum Besten gibt.

Von diesen Zuständen gestärkt erscheint „der Nazi“ in einer Lichtaureole. Nach „An allem sind die Juden schuld“, wieder von Hollaender, mahnt Erika ahnungsvoll „Küsst die Faschisten“, wieder von Tucholsky. Auf der Treppe endet (oder beginnt?) das Dritte Reich mit dem Les Préludes-Finale. Es schallt aus dem Rathaus in den Rücken des Publikums, in jener kratzigen Qualität, wie es im 2. Weltkrieg zu Beginn der Wehrmachtsberichte aus Russland im Radio zu hören war. Ohne dass Franz Liszt sich dagegen wehren konnte.

Nach einem besonders harten Bruch befinden wir uns im Reiseteil. Durchweg als zauberhafte Ohrenschmeichler arrangierte Chorgesänge führen uns nach Tahiti und mit der zickigen Klara in die Sahara, machen einen Abstecher auf den Fidschi-Inseln, streifen Peru und den Himalaya. Der Weltenbummel endet dort, wo es ein kleines bisschen Glück gibt. Vorgetragen in feinstem A Capella tropft ein Schwall Sehnsucht die Treppe hinunter, und die Comedian Harmonists hätten ihre Hüte gezogen, wären sie dabei gewesen. Alle anderen an diesem Abend geehrten Komponisten übrigens ebenso.

Virtuoser Begleiter über die kurzweiligen eineinhalb Stunden hinweg ist das Salonorchester der Freilichtspiele, das man leider erst beim tosenden Schlussapplaus zu sehen bekommt. In der Premierenbesetzung brilliert der musikalische Leiter Heiko Lippmann persönlich am Klavier.

Der farbenfrohe Reigen macht Spaß, weil er nichts anderes sein will als leicht bekömmliche Sommerkost und die Zuschauer bestens gelaunt wieder ins Leben entlässt. Das Lied von der Bar zum Krokodil, nach dem die ganze Aufführung benannt ist, spielt übrigens eine eigene Rolle. Doch die zu verraten, wäre ein ganz fieser Spoiler.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel