Schwäbisch Hall/Taipeh Lehrerehepaar aus Schwäbisch Hall unterrichtet in Taipeh

Das Bild zeigt die Familie Engel in einer Einkaufsstraße in Taipeh, der Hauptstadt des Inselstaats Taiwan. Vor anderthalb Jahren ist die Familie von Schwäbisch Hall nach Fernost gezogen.
Das Bild zeigt die Familie Engel in einer Einkaufsstraße in Taipeh, der Hauptstadt des Inselstaats Taiwan. Vor anderthalb Jahren ist die Familie von Schwäbisch Hall nach Fernost gezogen. © Foto: Lukas Föhr
Schwäbisch Hall/Taipeh / LUKAS FÖHR 05.01.2015
Ein Leben lang an der gleichen Schule unterrichten - das kam für das Lehrerehepaar Engel nicht in Frage. Sie packten die Koffer und zogen von Schwäbisch Hall in die asiatische Millionenmetropole Taipeh.

"Zwo, drei, vier", zählt Henrik Engel an. "Stille Nacht, heilige Nacht" singen die Kinder um ihn herum auf den Sitzplätzen im Reisebus. "Alles schläft, einsam wacht". Am Fenster ziehen Palmen vorbei, der Pazifik schlägt ein paar Meter weiter Wellen. Henrik Engel ist Lehrer. Nicht in Deutschland, sondern im fernen Taipeh. Heute macht er mit seinen Schülern der 5. und 6. Klasse einen Ausflug zum Ju-Ming-Kunstmuseum. Die Fahrt dorthin muss zum Proben genutzt werden. Schließlich findet die Schul-Weihnachtsfeier schon in wenigen Tagen statt.

Unterricht nach deutschem Lehrplan

Seit bald anderthalb Jahren wohnen Henrik Engel und seine Frau Christine nun in Taipeh, der Hauptstadt des Inselstaats Taiwan, gelegen zwischen Pazifik und südchinesischem Meer. Das Lehrerehepaar zog gemeinsam mit Sohn Justus und Tochter Eva-Marie von Schwäbisch Hall über 10.000 Kilometer ostwärts, um an der Europäischen Schule die Kinder deutscher Fachkräfte und auch einheimische Schüler nach deutschem Lehrplan zu unterrichten.

Fast zehn Jahre arbeiteten die Engels als Lehrer in Hall. Der 50-Jährige unterrichtet am Gymnasium bei St. Michael, Christine Engel brachte die Schüler der Realschule Schenkensee im Fach Deutsch zur Abschlussprüfung. Doch die Engels wollten raus aus dem Alltagstrott. "Wir sehnten uns nach einer Horizonterweiterung", sagt Henrik Engel. Seiner Frau ging es nicht anders: "Die Aussicht, noch über 20 Jahre an der gleichen Schule zu bleiben, gefiel mir nicht."

Irgendwann machten sie ernst, schickten Bewerbungen an die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, die für die Vergabe von Lehrerposten im Ausland zuständig ist. Kurz darauf kam das Angebot der Europäischen Schule in Taipeh und die Engels nahmen an. "Ihr seid mutig, dass ihr so einen Schritt als Familie mit Kindern wagt", sagte eine Kollegin zu Christine Engel. "Für uns war das der perfekte Zeitpunkt", findet diese rückblickend. Sohn Justus stand kurz vor der Einschulung und Eva-Marie würde bald den Kindergarten besuchen. Zeit also für etwas Neues.

"Das erste halbe Jahr war schwierig"

5. August 2013, 6:15 Uhr: gerade ist China Airlines Flug CI 62 nach 13 Stundenreisezeit gelandet. Müde kommen die Engels in Taipeh an. Bisher kennen sie die Stadt nur aus dem Reiseführer. Der Weg zur neuen Wohnung führt entlang grauer Wohnblocks am Stadtrand, beleuchtet durch große, blinkende Neonröhrenwerbung. "Oh Gott, wo bin ich denn hier gelandet?", erinnert sich Henrik Engel an seinen ersten Eindruck. "Das erste halbe Jahr war schwierig", gibt der Familienvater zu. Selbst Kleinigkeiten bereiten Probleme in dem Land, dessen Sprache die Engels nicht sprechen, dessen Kultur sie anfangs nicht verstehen. "Damals wusste ich nicht einmal, wo ich was einkaufen kann", erinnert sich Christine Engel. Ganz wichtig war deshalb die Ankunft des Umzugscontainers mit dem Hab und Gut der Familie. "Damit ist ein Stück Heimat auch hier in die Ferne gekommen", sagt Henrik Engel. Inzwischen fühlen sich die Engels wohl in Taipeh. Der Familie gefällt das leckere Essen sowie die Warmherzigkeit der Taiwaner. "Die sind viel kinderfreundlicher als wir es aus Deutschland kennen", schwärmt Mutter Christine.

Mindestens drei Jahre lang geht der Vertrag der beiden an der Europäischen Schule. Für immer bleiben möchten sie aber nicht. "Wir haben Familie und Freunde in Schwäbisch Hall. Das wollen wir nicht aufgeben", sagt Henrik Engel. Um den Kontakt aufrechtzuhalten, werden regelmäßig die Neuigkeiten aus Fernost per Videochat und E-Mail nach Deutschland geschickt. Befreundete Lehrer aus Hall haben sie sogar schon in Taipeh besucht.

Auch an Weihnachten bleiben die Engels in ihrer neuen Heimat. "Für uns lohnt es sich zeitlich nicht, nach Deutschland zu fliegen", erklärt Henrik Engel. Den Heiligabend haben sie ganz traditionell in ihrem Haus im Stadtteil Shilin gefeiert. Einen richtigen Weihnachtsbaum konnten sie jedoch nicht auftreiben. "Wir haben überall gesucht, aber so etwas gibt es hier einfach nicht", sagt Christine Engel. Stattdessen haben sie ein Plastikexemplar gekauft. Für Sohn Justus fehlt für die Weihnachtsstimmung im tropischen Taiwan allerdings noch etwas, das er an Schwäbisch Hall so mochte: der Schnee.

Zur Person

Henrik Engel wurde 1964 als Kind deutscher Eltern in Bagdad geboren und wuchs im Nahen Osten auf. Auf Studium und Promotion folgten Lehrtätigkeiten in Großbritannien und Deutschland. Ab dem Jahr 2004 unterrichtete er am Gymnasium bei St. Michael in Schwäbisch Hall.

Christine Engel stammt aus dem Münsterland. Nach dem Studium arbeitete sie unter anderem an Schulen in Westfalen, wo sie ihren Ehemann kennenlernte. Im Jahr 2008 folgte sie ihm nach Hall, wo sie an der Realschule Schenkensee tätig war.

SWP

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