Schwäbisch Hall Lebhafte Diskussion zwischen Hebammen, Berufsverband und Elterninitiative

Jutta Eichenauer, Vorsitzende des baden-württembergischen Hebammenverbandes.
Jutta Eichenauer, Vorsitzende des baden-württembergischen Hebammenverbandes. © Foto: may
Schwäbisch Hall / MAYA PETERS 10.10.2015
Es ist ein provokanter Titel: "Sterben Hebammen aus?" Jutta Eichenauer, Vorsitzende des baden-württembergischen Hebammenverbandes spricht über die aktuelle Situation vor rund 50 Zuhörern an der VHS.

Wenn man beispielhaft nach Schwäbisch Hall blickt, meint man auf die Frage mit "Ja" antworten zu können. In der Liste von 2015 sind nur noch acht Hebammen für die Stadt verzeichnet. 2014 waren es immerhin noch vierzehn. Die Jahre davor rund doppelt so viele. Auf der Webseite der Haller Hebammen steht in roten Lettern: "Sollten Sie trotz intensiver Bemühungen keine Hebamme für sich finden, bitten wir Sie, dies ihrer Krankenkasse mitzuteilen! Weitere Möglichkeiten, auf diesen Notstand hinzuweisen und Hintergründe für diese Entwicklung zu erfahren, finden Sie unter diesem Link."

Der Link führt zu einer "Landkarte der Unterversorgung" mit deren Hilfe der Deutsche Hebammenverband derzeit Zahlen zum Hebammenmangel erhebt. Die Kampagne zeichnet ein dramatisches Bild, genauso wie Jutta Eichenauer und Susanne Otter, Vorsitzende des Hebammenkreisverbands aus Satteldorf. Sie bestätigt an diesem Abend: "So geht's nicht weiter!" Die Gebührenverordnungen und die eklatant gestiegenen Kosten für die Haftpflichtversicherung drängen viele Hebammen aus der Freiberuflichkeit. Selbst die Wahl des Geburtsortes nach Entbindungstermin werde derzeit in Frage gestellt, so Eichenauer. Hebammen seien Mobbing-Opfer der Versicherer und Kassen, stichelt sie, und Mobbing-Opfer bekämen immerhin von den Kassen therapeutische Maßnahmen gezahlt. Dabei seien die niedrigen Hebammenzahlen zugleich auch vergebene Chancen in der Gesundheitsprävention. Ein Kinderarzt könne keine Stillberatung leisten, so ein kritischer Diskussionsbeitrag.

Frauen müssten derzeit bis zu 40 Hebammen kontaktieren, betont Jutta Eichenauer, die Fallbeispiele nennt. Es gebe keine flächendeckende Versorgung mehr. Sie betont: "Eine schwangere Frau muss nicht behandelt, sondern begleitet werden, die Fokussierung auf die Risiken ist falsch". Hebammen böten umfassende Hilfe von der Familienplanung über Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit bis zum ersten Geburtstag des Kindes an, bezahlt von den Krankenkassen. Jutta Eichenauer fordert ein Sofortprogramm der Politik, um die Hebammen im Beruf zu halten und zurück zu holen. Mit besseren Rahmenbedingungen in Kliniken, verbesserten Nebenkosten und höheren Honoraren. "Es ist nicht egal, wie wir geboren werden", fasst Jutta Eichenauer kämpferisch zusammen. Die Haller Elterninitiative und der neu gegründete Ortsverein "Motherhood", für den Sandra Tschernitsch spricht, sind bereits seit 2014 aktiv. Sie sagt klar: "Ich steh' für meine Enkel auf der Straße, für eine natürliche Geburt außerhalb von Kliniken und gegen Hebammenschwund."

Nicht nur die geplante Neueröffnung einer Hebammenpraxis in Hall setze positive Signale. In Backnang wird demnächst ein Geburtshaus eröffnet, allerdings mit privaten Investorengeldern. "Ärzte können den Bau eines Ärztehauses stemmen, wir sollten uns das auch leisten können", fordert eine Zuhörerin und Hebamme mit Blick auf den Haller Neubau am Kocher.

Hebammenpraxis

Eröffnung Dem allgemeinen Trend zum Trotz eröffnen Kerstin Niklas und Petra Glücks im November eine Hebammenpraxis in der Gelbinger Gasse 11. "Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein", so Niklas zur Versorgungslage der Haller Frauen. "Das Leben braucht einen guten Anfang" ist das Motto der Praxisgemeinschaft.

MAY

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