Mainhardt Langeweile ist ein Wort, das die Seniorin nicht kennt

Sieglinde Merkle sammelt in ihrem großen Garten vom Baum gefallene Walnüsse. Meist hat die 73-Jährige ein bis drei Termine am Tag. Und wenn mal nichts los ist, kann sie das auch genießen.
Sieglinde Merkle sammelt in ihrem großen Garten vom Baum gefallene Walnüsse. Meist hat die 73-Jährige ein bis drei Termine am Tag. Und wenn mal nichts los ist, kann sie das auch genießen. © Foto: Sonja Alexa Schmitz
Mainhardt / Sonja Alexa Schmitz 10.11.2018
Sieglinde Merkle hat gerne gearbeitet in ihrem Beruf als Bankkauffrau. Aber im Ruhestand ist das Leben noch vielfältiger geworden durch zahlreiche Ehrenämter.

Sieglinde Merkle wischt über den Bildschirm ihres Smartphones und zeigt auf ihren Google-Kalender. Er ist sehr bunt. Jede einzelne Farbe ist ein Termin. Oft sind es drei am Tag. Wenn es mal keiner ist, dann ist das für die Gailsbacherin auch schön. Dann macht sie Dinge am PC oder kann auch einfach mal faulenzen.

Die Termine der 73-Jährigen sind meist bestimmt von ihren zahlreichen Ehrenämtern. Die aktuellen sind: Gruppenleiterin der Montagswanderer des Albvereins. Sie organisiert die monatlichen Wanderungen, inklusive Wanderführer und Einkehr. Einige Touren übernimmt sie selber. Dafür hat sie vor drei Jahren eine Wanderführerausbildung absolviert. Apropos Bildung: Sie war auch kürzlich bei den Bildungstagen des Kreisseniorenrates auf dem Hesselberg. Einfach mal so. Weil es sie interessiert.

Immer weitergebildet

Interessiert hat sie auch der Seniorenbus, der seit ein paar Jahren in Mainhardt verkehrt. Selber fahren wollte sie nicht, aber weil sie gerne am Computer arbeitet, ist sie eine der Koordinatorinnen geworden. „Um die sieben Tage im Monat übernehme ich die Telefonbereitschaft, bin erreichbar für Terminanfragen und gebe diese ins Tablet ein“, erklärt sie.

Computerarbeit ist die gelernte Bankkauffrau gewohnt. 25 Jahre hat sie in Schwäbisch Hall in der Volksbank gearbeitet, zuletzt als Abteilungsleiterin in der Buchhaltung. Weiterbildung war in diesem Bereich Pflicht. Darum ging es im Ruhestand, der für Merkle mit 57 Jahren begann, gleich so weiter. Jeden Mittwoch fährt die Wissbegierige nach Schwäbisch  Hall ins Pflegestift Teurershof und hilft dort Senioren bei Computerfragen. Und lernt dabei selbst noch eine Menge dazu.

Ihr Handy macht einen Ton. „Wolfgang hat gespielt“, sagt sie. Wolfgang ist ihr Gegenspieler in einem Online-Quiz.

Sieglinde Merkle wohnt in einem hübschen kleinen Haus in der Hauptstraße von Gailsbach. Der Ort ist ihre Heimat, dort wurde sie geboren und ging in die Volksschule. Gerne hätte die jugendliche Sieglinde weiter die Schule besucht, wollte einmal Lehrerin werden. Aber die nächste weiterführende Schule war in Hall und schwer erreichbar von dem Dorf im schwäbisch-fränkischen Wald. Also wurde eine Bankkauffrau aus ihr, mit Arbeitsplatz in Mainhardt, wo es damals noch eine Bank gab. Sie verbrachte einige Zeit in München und in Stuttgart, machte ein halbes Jahr Au-pair in der Schweiz. Dort wollte sie Französisch lernen. Aber dann kehrte die Schwäbin doch zu den Zahlen zurück. In Stuttgart arbeitete sie bei Nixdorf und später im Rechenzentrum der Sparkasse. Immer Vollzeit. Ihr Wunsch war ein Haus auf dem Land. Das kaufte sie sich in den 70er-Jahren – fast zufällig war es im Heimatdorf Gailsbach. Hier lebt die Single-Frau immer noch, mit Katze Charly, der Familie der Nichte als direkten Nachbarn und Frühstückspartnern sowie einem bunten Terminkalender.

Im Pahl-Museum aktiv

Darin stehen auch Einsätze im Pahlmuseum in Gailsbach. Bis vor ein paar Jahren fuhr sie einmal wöchentlich nach Hall als Betreuerin einer Demenzgruppe und war Kassiererin beim Mainhardter Fremdenverkehrsverein. Seit neuestem gilt ihr Interesse den alten Schriften und sie besucht Kurse, um diese lesen zu können. „Und dafür soll ich jetzt in die Zeitung?“, überlegt sie skeptisch. „Immerzu!“ ermuntert sie eine Freundin.

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