Theater Kunterbunter Kriegsprotest im Burghof

Ein US-Präsident als Überraschungsgast im Hof der Götzenburg in Jagsthausen: Donald Trump (Mitte) muss sich in „Hair“ mit einer Gruppe von Hippies auseinandersetzen.
Ein US-Präsident als Überraschungsgast im Hof der Götzenburg in Jagsthausen: Donald Trump (Mitte) muss sich in „Hair“ mit einer Gruppe von Hippies auseinandersetzen. © Foto: Burgfestspiele / Cecilia Stede
Jagsthausen / Ranjo Doering 15.06.2018

Donald Trump in Jagsthausen? Das kann doch eigentlich nicht sein. Trotzdem steht der amerikanische Präsident am Freitagabend mitsamt Ehefrau Melania beim Auftakt der 69. Burgfestspiele auf der Bühne. In Franz-Joseph Diekens Inszenierung von „Hair“ nimmt Trump (herrlich grantelnd und mit charakteristischer Fönfrisur verkörpert von Rüdiger Hellmann), sinnbildlich für viele Missstände in der Welt, die Rolle des Gegenspielers ein. Auseinandersetzen muss er sich in der Musical-Premiere mit einer Gruppe von Hippies, die sich den Kampf gegen Krieg und das Establishment auf die Fahnen geschrieben hat und liebend gerne mit Drogen der Realität entflieht.

Auf den abgedrehten und bunt gekleideten Haufen trifft Claude Bukowski (David Wehle), ein naiver junger Mann vom Land, der stark durch den Patriotismus seiner Familie geprägt ist. Sein Lebenslauf scheint vorgezeichnet: Vor dem Gang auf die Eliteuniversität Harvard steht die Musterung für einen Militäreinsatz. Der charmante Hippie-Anführer Berger (Martin Markert) und seine Freunde lassen Claude jedoch schnell am Sinn seiner Kriegsbereitschaft zweifeln und konfrontieren seinen blinden Obrigkeitsgehorsam mit kontroversen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Claude ist hin- und hergerissen im Spannungsfeld zwischen eigener, bürgerlicher Sozialisation und der von der Gruppe gelebten Bereitschaft zur Auflehnung.

1968 feierte „Hair“ am New Yorker Broadway Premiere. Auch 50 Jahre später gilt: Noch immer propagieren die jungen Menschen Freiheit und Gewaltlosigkeit, treten für Toleranz, Frieden und sexuelle Befreiung ein. Die Ermordungen von John F. Kennedy und Martin Luther King sowie die düsteren Schatten des Vietnamkriegs werden in Jagsthausen durch Rassenunruhen und kriegerische Auseinandersetzungen im Nahen Osten abgelöst.

Mittendrin in den Konflikten

Freie Liebe – die von der 68er-Generation gelebte Forderung – erhält in Zeiten des Internets und ständig verfügbarer Pornografie eine neue Dimension. Das Publikum erlebt den Protest hautnah, ist mittendrin in von der Polizei gewaltsam aufgelösten Demonstrationen, in Kriegsschauplätzen mit Helikoptergeräuschen und Maschinengewehrsalven und Protestmärschen der Ku-Klux-Klan-Bewegung.

Der Sprung in die heutige Zeit gelingt gut, auch, weil sich die Inszenierung mit jeder Menge Selbstironie nicht immer ernst nimmt. Mit Witz und Charme wird sich Problemen gestellt, das ist bewusst überdreht, nah am Klamauk, bei der aufgesetzten Jugendsprache („krass“, „Alter“ und „Lass mal chillen“) sogar ein Stück darüber hinaus.

Punkten kann das Musical mit seinen bekannten Liedern. Songs wie „Aquarius“ und „Let The Sunshine In“ packen einen zwar nicht emotional, sorgen aber für gute Laune und wippende Füße. Die achtköpfige Band vertont mal psychedelische, drogengeschwängerte Fantasien im Stil von Grate­ful Dead, mal die pure Provokation. Bei „Masturbation“ werden auf der Bühne im Rhythmus kopulierende Figuren geformt, gegen Ende zeigen die Schauspieler viel nackte Haut.

Nach mehr als zwei Stunden gibt es für das kurzweilige Musical Standing Ovations. Ähnlich wie in der originalen Broadway-Aufführung und der Verfilmung von Milos Forman aus dem Jahr 1979 gibt Diekens Inszenierung keine Antworten auf die aufgeworfenen gesellschaftspolitischen Fragen. Die Premierenbesucher haben so aber jede Menge Gesprächsstoff für den Nachhauseweg.

Heute Premiere von „Die drei Musketiere“

Im Burghof in Jagsthausen steht heute eine weitere Premiere auf dem Spielplan: Um 20.30 Uhr wird die Mantel- und Degenkomödie „Die drei Musketiere“ nach dem Roman von Alexandre Dumas gezeigt. Die Bühnenfassung stammt von Jagsthausen-Intendant Axel Schneider, der auch Regie führt. Das Kinder- und Familienstück „Das tapfere Schneiderlein“ hat am Sonntag, 17. Juni, um 16 Uhr im Burghof Premiere. Weitere Infos: www.burgfestspiele-jagsthausen.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel