Ausstellung Kunst wie vom Alchemisten

Langenburg / Ursula Richter 12.07.2018
„Zucker und Teer“ zeigt im Hofratshaus Arbeiten von Karin Brosa. Für die Werke bedient sie sich jahrhundertealter Techniken.

Renate Ziegler ist gefesselt. Der Beobachter – so heißt auch das großformatige Ölgemälde – im Hintergrund „und die Frau im Vordergrund, beide mit einer Nadel in der Hand, die lebensechten Kühe und dazwischen die lustigen gelben Luftballone“. Daran ein kleiner Anhänger, auf dem CH4 steht. Methan. Treibhausgas. Die Frau mit Maske: „Sie sieht nicht mehr, was sie selbst – mit ihrer Nadel in der Hand – anrichtet. „Anthropogene Umweltbeeinflussung“ konstatiert die Vorsitzende des Hohenloher Kunstvereins in ihrer Begrüßung im Hofratshaus.

Auch für die Kuratorin Veronika Solzin ist dieser gesellschaftskritische Aspekt zentral, der hintergründige Humor, die vielschichtigen Sichtweisen. Sie steht vor einigen Bleistiftzeichnungen. „Die durchgehende Wellenbewegung“ von einer Singvogeldarstellung zur anderen, präzise gezeichnet und in liebevoll kalligrafisch ausgeformter Schrift benannt. Die Nummer 12, das Rotkehlchen, hat, auf dem Rücken liegend, die Krallen verkrümmt eingezogen. „Kein Vogel sieht so aus, als würde er wirklich fliegen. Vor allem fehlt der Aspekt der Freiheit“, konstatiert Solzin.

Die beigegebenen Vogelpfeifen „aus unterschiedlichem Material sind Objekte, die man nicht benutzen könnte oder dürfte, die aber das Zwitschern in der Vorstellung lebendig machen.“ Der positiv konnotierte Titel „Alle Vögel sind schon da“, das Lied aus fröhlichen Kindertagen, setzt für Ines Ebertz einen Diskurs in Gang, aber „das Gefühl, die Interaktion kippt“. Die Vogelpfeifen verdeutlichen für die Kunsthistorikerin den Menschen, „der hinter dieser Misere steht… was wir retten konnten, sind die Gesänge der Vögel – durch technische Erfindungen.“

Weingeist und Vernis mou

Technik und Techniken spielen eine offenkundige Rolle im Werk von Karin Brosa. Deren zerstörerisches Potenzial wird auch in dem auf den Einladungskarten abgebildeten „streetview 2“ schonungslos angeklagt. „Erkunde Sehenswürdigkeiten und Naturwunder auf der ganzen Welt“, preist Google seinen Online-Dienst an. Die Radierung zeigt einen gestrandeten Wal, Männer und Frauen in taktischen Kampfuniformen mit scharfen Schäferhunden, deren einer offenbar Fleischstücke aus dem Meerestier reißt. Die „pinselartige, malerische“ Struktur ist der Weingeist-Aquatinta und dem Vernis mou zu verdanken.

Die Kunsthistorikerin Ines Ebertz erläutert die alten Verfahren: „Man fühlt sich versetzt in eine frühneuzeitliche alchemistische Küche.“ Harz, Säurebad, Risslinien, unterschiedlich lange Ätzung sind Stichworte. Der Vernis (Firnis) mou (weich) aus Wachs, Asphalt, Rindertalg und Terpentin wird auf eine Metall-Druckplatte aufgetragen. Auf das darübergelegte Butterbrotpapier zeichnet Brosa mit einem Stift. Nach dem Ätzbad zeigen sich „feine, weiche, malerische Striche, die einem weichen Bleistiftstrich ähneln“, so Ebertz. „Die feinen Haarlinien des Wales sind durch diese Technik entstanden.“

Jahrhundertealte, subtilste Techniken, sorgfältig und liebevoll angewendet, geben dem geschundenen Tier, der sinnlos zerstörten und zerstückelten Natur – die Fleischbrocken werden nicht einmal gefressen – Würde und Schönheit.

Was könnte sein, wenn die Menschen ihre Errungenschaften, ihre ausgefeilten Methoden lebensbejahend einsetzen würden. Sie sind eine Mahnung, aber auch eine Zahlungserinnerung. Die Kunsthistorikerin resümiert: „Für mich ist Karin Brosa technisch und inhaltlich eine der besten zeitgenössischen Druckgrafikerinnen.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel