Wenn Cordula Eymann von ihrer früheren Tätigkeit in der Jugendgerichtshilfe spricht, fallen Worte wie „straffällige Jugendliche begleiten“, „im Gerichtssaal dabei sein“, „Hilfen anbieten“, „die Jugendlichen und ihre Familien kennenlernen“. Aber kommt sie den Delinquenten überhaupt so nah? Bauen diese nicht eine Abwehrhaltung auf, wenn die Frau vom Amt kommt?

Schon nach einem kurzen Gespräch mit Cordula Eymann wird klar: Sie kann solche Hürden überwinden. Die 44-jährige „Sulzdorferin mit Leib und Seele“, wie sie selbst sagt, wirkt nicht nur sicher, redegewandt und verbindlich, sondern sie schafft schnell eine persönliche, vertrauensvolle Atmosphäre. Sie hat nicht nur im Beruf schon viele Schicksale kennengelernt, sondern auch in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Kriseninterventionsteam.

Seit Jahresbeginn wendet sich Eymann nun den Belangen der Menschen mit Behinderung im Landkreis Hall zu. Was hat sie an der neuen Stelle gereizt? Hat sie einen persönlichen Bezug dazu? „Ich habe Zeit meines Lebens Umgang mit behinderten Menschen. Im familiären Umfeld gibt es körperliche Behinderungen, im engen Freundeskreis Kinder mit Down-Syndrom und mit Asperger-Autismus. Und Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen habe ich sowohl im Jugendamt wie auch im Jobcenter betreut“, berichtet Eymann.

Behinderte haben unterschiedliche Bedürfnisse an Barrierefreiheit

Den Anstoß, Behindertenbeauftragte werden zu wollen, hat ein zufälliges Gespräch mit ihrer Amtsvorgängerin Petra Bögelein gegeben. „Sie hat mir von ihrer Arbeit berichtet, und ich hatte den Eindruck, dass diese sehr vielseitig ist und man großen Gestaltungsspielraum hat“, sagt Eymann. Ihre Aufgabe hat nun zwei Aspekte: Einerseits ist sie Ansprechpartnerin für die Betroffenen selbst, andererseits hält sie Kontakt zu Gemeindeverwaltungen im Landkreis und sensibilisiert diese für alle Fragen rund um Behinderungen.

Dazu gehört zentral die Barrierefreiheit. Aber die ist vielfältig. Ist zum Beispiel ein Bordstein für einen Rollstuhlfahrer ein Hindernis, so ist er gleichzeitig für einen Blinden eine Orientierungshilfe. Eymann gibt zu bedenken: „Beim Wort barrierefrei denkt man meist an den klassischen Rollstuhlfahrer. Aber Blinde haben manchmal genau die gegensätzlichen Bedürfnisse. Sehbehinderte brauchen wieder ganz andere Hilfen als Blinde. Und wie kann man eine Homepage barrierefrei gestalten für Menschen mit seelischen Beeinträchtigungen?“

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Crailsheim

Cordula Eymann will sich landesweit vernetzen

Und es geht auch um Barrierefreiheit im Umgang mit den Behörden. Da braucht es noch viel Umdenken in der sprachlichen und grafischen Gestaltung von Informationsbroschüren, Formularen und mehr. „Wir sind von einer inklusiven Gesellschaft noch weit entfernt, obwohl sich Dinge tun. Es ist ein Weg der kleinen Schritte“, sagt Eymann.

Sie ist derzeit dabei, Kontakte aufzubauen, zum Beispiel zur Arbeitsgemeinschaft Menschen mit Behinderung. „Dort ist die Barrierefreiheit am Bahnhof großes Thema“, hat sie erfahren. Und sie stellt sich auf den Bürgermeisterämtern und in Behinderteneinrichtungen vor. Andererseits will sie sich landesweit vernetzen und in Zusammenarbeit mit der Landesbehindertenbeauftragten Fördermöglichkeiten erkunden und in die Kommunen tragen.

Und dann ist sie wieder für die Betroffenen selbst da, hilft einem Jugendlichen, eine spezialisierte Fahrschule zu finden, oder einem Erwachsenen, eine berufliche Reha-Maßnahme auszusuchen – mit ihrer offenen, verbindlichen Art.

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Cordula Eymann wurde am 19. September 1975 in Schwäbisch Hall geboren, sie ist in Sulzdorf aufgewachsen, wo sie noch heute lebt. Sie besuchte die Realschule Schenkensee und das Ernährungswissenschaftliche Gymna­sium (EG) in Hall. Ihr duales Studium absolvierte sie an der sozialpädagogischen Berufsakademie in Heidenheim und am Pflegeheim Wolfgangstift in Crailsheim.

1999 wechselte sie „vom Altersheim zum Jugendamt“, wie sie sagt. Zunächst war sie in der Jugendgerichtshilfe tätig, nach einem Jahr Babypause in der allgemeinen Kinder- und Jugendhilfe.

Das Jobcenter Crailsheim wurde vor acht Jahren ihr Arbeitsplatz. Die Unterstützung von Menschen mit Behinderung und beruflicher Reha bei der Arbeitssuche war ein Arbeitsschwerpunkt Eymanns, sodass sie mit einigen Aspekten ihres neuen Amtes als Behindertenbeauftragte bereits vertraut ist.

Die 44-Jährige ist verheiratet und hat einen 17-jährigen Sohn. Sie hat ehrenamtlich das Haller Kriseninterventionsteam mit aufgebaut und sich dort acht Jahre lang intensiv engagiert. Wenn Feuerwehr-Zeltlager ist, kocht sie für 450 Personen. Zudem ist sie „leidenschaftliche Sängerin“ bei Gospel alive. „Der Glaube ist ein wichtiger Anker“, sagt sie. Sie hat im Jahr 2018 vier Wochen lang in einem Kinderhaus für Aids-Waisen in Uganda gearbeitet und will dies 2021 wiederholen. Und sie hat sich kürzlich „einen großen Traum erfüllt“: Sie kaufte sich ein Motorrad, genauer eine Kawasaki Z 900. evl