Die Worte des Geschäftsführers der Bezirksgruppe Heilbronn/Region Franken des Arbeitgeberverbands Südwestmetall klangen dramatisch: „Jahrelang ging es in unserer Industrie und auch für die Beschäftigten fast stets nach oben. Jetzt stehen wir jedoch alle vor großen strukturellen und konjunkturellen Herausforderungen“, erklärte Jörg Ernstberger bei einem Pressetermin bei der Huber Packaging Group. Bei dem Gespräch stellte Ernstberger gemeinsam mit Vertretern von Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie (M + E) aus der Region die Erwartungen der Arbeitgeber an die kommende Tarifrunde vor.

Arbeitgeber: Bei den Unternehmen sind die Aufträge rückläufig

Der Auftragsbestand in der Metall- und Elektroindustrie – vor allem im Automotive-Bereich – sei inzwischen stark rückläufig, sagte Ernstberger. Die Unternehmen hätten mit vielen Herausforderungen zu kämpfen – mit der Digitalisierung, zunehmenden Anforderungen des Klimaschutzes, der Transformation der Automobilindustrie, einer weiter anhaltenden konjunkturellen Schwäche und globalen wirtschaftlichen Risikofaktoren.

Ins gleiche Horn stießen die Unternehmensvertreter: Karl Schäuble, Geschäftsführer des Heilbronner Maschinenbauers Illig, verdeutlichte anhand einiger Zahlen, dass für viele Arbeitgeber die Schmerzgrenze erreicht sei: 2019 sei die Produktivität der „M + E“-Branche in Baden-Württemberg um mehr als 1,5 Prozent zurückgegangen, die Auftragslage von Januar bis November um 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Demgegenüber hätten sich die Löhne und Gehälter zwischen 2000 und 2019 um über 70 Prozent gesteigert und seien auch bei der letzten Tarifrunde vor zwei Jahren um 4,3 Prozent – zuzüglich Sonderzahlungen – angestiegen.

Die durchschnittliche Rendite liege bundesweit bei gerade einmal drei Prozent – selbst die IG Metall halte 4 bis 5 Prozent für notwendig, um investieren zu können. Schäubles Fazit: „Der Verteilungsspielraum ist gleich null, weil die Unternehmen ihre Eigenmittel für Zukunftsinvestitionen brauchen.“ Daher richtete Schäuble einen Appell an die IG Metall, „nicht mit einer überzogenen Forderung kaum erfüllbare Erwartungen bei den Beschäftigten zu schüren“.

Gewerkschaft sieht es anders als die Arbeitgeber

Deutlich unter drei Prozent liege die Rendite deutschlandweit bei Huber Packaging, berichtete der Vorsitzende der Geschäftsführung, Martin Lüer. Bei 100 Millionen Euro liege der Wiederbeschaffungswert des Maschinenparks, die Abschreibungen würden aber 2 Millionen Euro betragen, sodass ein Investitionsstau entstanden sei. „Wir haben gegengesteuert durch Produktionsverlagerung in unser Werk in Ungarn“, sagte Lüer. Doch dem Verlagerungsprozess seien Grenzen gesetzt.

Auch Alwin Ehrensperger, Geschäftsführer von W. Gessmann in Leingarten, sprach von großen Herausforderungen: Dem Hersteller von Industrieschaltgeräten mache vor allem der Wandel in der Branche zu schaffen: Immer mehr Fahrzeuge würden autonom fahren und benötigten keine Steuerung mehr. Daher sei W. Gessmann dabei, „sich neu zu erfinden“, neue Produkte zu entwickeln und neue Märkte zu erschließen. „Wir müssen Millionenbeträge investieren in neue Produkte und können die Lohnkosten am Standort nicht halten“, sagte Ehrensperger. Andernfalls müssten Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden, was auf jeden Fall zu verhindern sei: „Wenn wir die Produktivität nicht in Deutschland halten können, können wir auch den Wohlstand nicht halten.“

Doch ist die Lage wirklich so dramatisch, wie die Arbeitgeber sie darstellen? Die Gewerkschaft ist da anderer Meinung: „Wir sehen eine Eintrübung, aber nicht so schlimm, wie die Arbeitgeber sie sehen“, sagt Alfons Kuhnhäuser, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Schwäbisch Hall. Der Fokus der Gewerkschaft in der Tarifrunde werde auf der Beschäftigungssicherung liegen. „Aber auch über das Thema Geld werden wir reden“, kündigt Kuhnhäuser an. Auch wenn es bisher noch keine „Bezifferung“ gebe, werde es sicher keine Nullrunde geben.

Erfolgsmodell erhalten

Ein Erfolg sei der bei der letzten Tarifrunde ausgehandelte „T-Zug“, bei dem bestimmte Beschäftigungsgruppen die Wahl zwischen einer Sonderzahlung und sechs zusätzlichen bezahlten freien Tagen haben: 200.000 Menschen in Baden-Württemberg hätten die freien Tage in Anspruch genommen. Und so will die Gewerkschaft den T-Zug erhalten und möglicherweise ausweiten.

Am Donnerstag debattieren die regionalen Tarifkommissionen der IG Metall die wirtschaftliche Situation, die Lage in den Betrieben und mögliche Forderungen. Letztere werden dann Ende Februar offiziell gegenüber den Arbeitgebern artikuliert. Die Entgelt-Tarifverträge gelten noch bis 31. März. Die Friedenspflicht endet am 28. April um 24 Uhr – danach sind Warnstreiks möglich.

170


tausend (170 000) zusätzliche Jobs wurden laut Südwestmetall seit 2008/09 allein in der baden-württembergischen „M + E“-Industrie geschaffen und jährlich rund 60 Milliarden Euro an Löhnen und Gehältern ausgezahlt – 50 Prozent mehr als 2010.