Etienne darf sich zu Recht als große Künstlerin bezeichnen: Die 22-jährige Schönheit mit den braungelben Zähnen und dem langen Gesicht unter der üppigen Mähne kann ein Stockmaß von stolzen 1,65 Metern vorweisen. Herzensfreundin Angelika wirkt vergleichsweise winzig daneben. Den Hang zur abstrakten Malerei hat Etienne erst jenseits ihrer Sturm- und Drang-Zeit entdeckt. Mit 22 geht man in der Pferdewelt nicht mehr als jung durch, und es ist noch nicht sehr lange her, dass die Oldenburgerin zum Pinsel griff, oder besser: in den Pinselstil biss. Nun legt sie eine steile Alterskarriere hin: Letztens kam sie im SWR-Fernsehen, nun widmet ihr die Zeitung eine ganze Seite, ein Kunstband mit ihre Gemälden ist schon auf dem Markt und obendrein eine Biografie über ihr Leben.

Was auf den ersten Blick so aussieht, als würde die Menschendame eigentlich die ganze Arbeit alleine leisten, erweist sich bei näherem Hinsehen dann doch als kreatives Teamwork: Angelika Schweizer verrichtet die niedrigen Dienste, wie Staffelei aufstellen, Farbe aussuchen, Pinsel eintunken und Etienne vors Maul halten. Die Stute nimmt den zerkauten Holzstil ohne zu Zögern zwischen die großen Zähne und verleiht dem Malwerkzeug auf der stützenden Hand ihrer Assistentin genügend Schwung, um einen breiten Strich auf die Leinwand zu klatschen. Dabei behält sie das Werk fest in den braunen Pferdeaugen. Ob Etienne nun als intuitive Künstlerin gelten kann, oder womöglich doch gezielt an die Dinge herangeht, bleibt ihr Geheimnis. Ganz frei von materiellen Interessen ist die kunstschaffende Vierbeinerin allerdings nicht: Nach jeder gelungenen Pinselführung gibt’s zur Belohnung ein Leckerli. Soviel Glück hatte ein Vincent van Gogh zu Lebzeiten nicht.

Etienne führt in Rosengarten-Rieden auf dem Hofgut ihrer Familie ein Luxusleben. Ihr stehen eine Reithalle, ein großzügiger Stall mit elektrischer Höhensonne und Außenbereich sowie eine riesige Koppel mit Teich an der sanft murmelnden Bibers zur freien Verfügung. Diese Annehmlichkeiten teilt sie großzügig mit Stute Estrella, ihrer zweiten Herzensfreundin. „Die beiden sind ein Traumpaar“, sagt Angelika Schweizer. In ihrem Wesen ergänzten sie sich perfekt: „Etienne ist  intelligent und hat darum einen schwierigen, dominanten Charakter, Estrella ordnet sich gerne unter.“ Vom IQ her reiche die Spanierin nicht an ihre talentierte Artgenossin heran.

Genau genommen zog die Rechtsanwältin mit ihrem Mann im Juni 2011 wegen der zickigen Diva von Stuttgart nach Rieden. Das Tier sollte in einer artgerechten Umgebung mit viel Auslauf leben und in einem bestimmten Rahmen machen können, was es will. Genau wie Angelika Schweizer selbst. „Auf den Pferdehöfen in Stuttgart zahlt man für einen Stellplatz bis zu 600 Euro im Monat und als Gegenleistung bekommt man haufenweise Verbote.“ Das Halten von Pferden in den üblichen, engen Boxen hält die 50-Jährige für reine Tierquälerei: „Ein Fluchttier räumlich zu begrenzen – einen größeren Unsinn wider die Natur kann es gar nicht geben.“ Dass sie sich mit dieser offen geäußerten Meinung nicht direkt Freunde macht, ist der Juristin egal. Für sie haben sich die gängigen Regeln, wie man Pferde zu behandeln habe, als falsch erwiesen.

Etienne und Schweizer verbindet eine höchst ungewöhnliche Geschichte. Die unerfahrene Anfängerin kaufte die Oldenburger Stute im Glauben, ein sanftes Reitpferd zu erwerben. Wie sie schnell bemerkte, verhält es sich mit Pferden so, wie mit gebrauchten Autos: Die Verkäufer bewahren über verborgene Schäden meist vornehmes Schweigen. Etienne, die damals noch „Landgräfin“ hieß, war schwer traumatisiert: „Man hat sie vermutlich zum Turniersport prügeln wollen. Väterlicherseits hätte ihr das Springen im Blut liegen müssen, und als sie diese Erwartungen nicht erfüllte, wurde sie mit der Behauptung verkauft, sie sei ausschließlich von einem jungen Mädchen im Gelände geritten worden.“

Die weiteren Ereignisse waren dramatisch. Immer wieder attackierte die Stute ihre neue Besitzerin, ließ sie nicht aufsitzen, schleuderte sie gegen die Bande und fügte ihr auf diese Weise schließlich einen komplizierten Bruch der Hüfte zu. „Alle haben gesagt, gib diese Bestie weg, sie wird dich umbringen, die muss man erschießen lassen.“

Doch wie jene Eltern, die ihre problematischen Kinder besonders lieben, hing Angelika Schweizer unverbrüchlich an dem wilden Ross mit der verletzten Seele: „Einen solchen Akt der Untreue hätte ich mir nie verziehen und ich wusste intuitiv, dass wir gemeinsam einen Neuanfang schaffen können.“ Aus den Tränen der Wut und Verzweiflung wurden Tränen der Hoffnung. Nun seien es nur noch Freudentränen, die sie nach 15 gemeinsamen Jahren manchmal über die tiefe Freundschaft voller Vertrauen vergieße. Es klingt zwar kitschig, wenn Etiennes zweibeinige Kameradin das sagt, aber beobachtet man das große Pferd und die zierliche Frau eine Weile, so weiß man, dass sie nicht übertreibt.

Bei der Arbeit mit der Stute entdeckte Schweizer deren Spaß am Umherschubsen von Bällen und Pylonen. So kam die Idee zustande, sie mit Farbe und Pinsel spielen zu lassen. Es sei selten, dass ein Pferd so etwas überhaupt täte. Darum empfindet die verliebte Pferdemama es als völlig gerechtfertigt, wenn Etienne mit ihren Fähigkeiten mediales Interesse erregt. „Wenn ich etwa Estrella den Pinsel hinhalte, weiß sie überhaupt nicht, was sie damit anfangen soll.“ Die kluge Etienne dagegen, so kann die Reporterin als Augenzeugin bestätigen, findet sichtlich Vergnügen am Umgang mit Farbe und Leinwand. Und ganz im Sinne von Karl Valentin, von dem der Spruch stammt „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ strengt Maulmalerei ziemlich an: „Länger als zehn Minuten am Stück können wir das nicht machen.“

Die Lebensgemeinschaft auf dem traumhaft schönen Hofgut mit „gefühlter Alleinlage“ in Zentrum von Rieden, zu der noch zwei französische Bulldoggen gehören, wird übrigens nicht erweitert: Anfragen von Pferdebesitzern, die ihre Tiere dort gerne einmieten möchten, schlagen die Bewohner rundweg aus. „Wir sind nicht in dieses Kuhkaff gezogen, damit fremde Menschen auf unserem Anwesen herumlaufen“, ließ Angelika Schweizer einmal eine Dame wissen, die mit einem diesbezüglichen Anliegen vor der Tür stand.

Menschenbücher und Pferdekunst


In ihrem pferdephilosophischen Buch „Freunde für’s ganze Leben“ teilt die Anwältin Angelika Schweizer gnadenlos gegen Menschen aus, die Pferde sammeln „wie Briefmarken“, sie als Statussymbole missbrauchen und als Sportpferde überfordern. Sie erzählt zudem bemerkenswert offenherzig Persönliches über sich selbst und ihr Berufsleben. In der gemeinsamen Kanzlei, die sie mit dem Umzug aus Stuttgart nach Rieden verlegten, beraten sie und ihr Mann unter anderem Autohersteller zum brandaktuellen Thema „Rückrufaktionen“.

Da das rührige Ehepaar juristische Fachliteratur verfasst, gründeten sie 2013 den Rosengarten-Verlag, über den die Hausherrin nun ebenso ihre rebellischen Schriften vertreibt, die, so glaubt sie, kein anderer Verlag annehmen würde. Neben den Geschichten über die Pferde und Hunde der Familie, schrieb Angelika Schweizer bereits über die unschönen Seiten des Älterwerdens, erklärt, wie man reich wird und wie man es lernt, Nein zu sagen.

Andere Autoren finden in dem kleinen Verlag ebenso eine Plattform, zum Beispiel für Kochbücher, Gesundheitsratgeber und Belletristik.

Unter www.rosengarten-verlag.de kann man außer einem von Etienne illustrierten Kunst- und Gedichtband natürlich auch ihre Bilder kaufen. Je Werk verlangt die malende Stute 240 Euro.