Schwäbisch Hall / TOBIAS WÜRTH  Uhr
Wie kann man verhindern, dass Großkonzerne nach der Weltherrschaft bei der Lebensmittelherstellung greifen? Das will die Vize-Chefin der Grünen im Bundestag bei der Pflanzenzucht Oberlimpurg erfahren.

Gegen den Braunkohletagebau, gegen Atomkraftwerke und für einen Polizeischutz von Rotmilanen. Zehn Jahre lang (1995 bis 2005) prägte Bärbel Höhn als Umweltministerin des Landes Nordrhein-Westfalen das Bild der Grünen mit flammenden Reden nach außen. Mittlerweile ist sie im Bundestag Vizechefin der Fraktion.

Am Dienstag redet sie nicht viel. Sie hört zu. Denn Pflanzenzüchter, Vertreter vom Bündnis gentechnikfreies Hohenlohe, und Grünen-Bundestagsabgeordneter Harald Ebner erzählen am Haferfeld der Francks einen Krimi. Es geht um Pflanzenzüchter in Deutschland, die nicht überleben. Um Biobauern, die Rechte einfordern und um multinationale Konzerne, die angeblich die Kontolle über das Essen erlangen wollen, das auf dem Teller kommt.

Höhn: "Wir sehen die Gefahr, dass der Markt aufgeteilt wird. Starke Multis wollen ein Monopol über Lebensmittel in ihren Händen halten." Jedes Jahr verschwinden ein bis zwei kleine Pflanzenzüchter aus dem Branchenverband, bestätigt Stephanie Franck, die den Betrieb zusammen mit ihrem Vater Dr. Peter Franck leitet.

Wie man Bauern, kleinen und großen Pflanzenzüchtern und Verbrauchern gerecht werden kann, ist höchst umstritten. Da wäre das Interesse des Betriebs aus Hall mit 30 Arbeitskräften. Norbert Starck - Zuchtleiter der traditionsreichen Pflanzenzucht Oberlimpurg (PZO) - erläutert der Delegation die Arbeitsweise. "Das ist eine kleine Reihe", sagt er und streicht beiläufig über die Spitzen von Haferpflanzen. Eine solche rund ein Meter lange Einheit steht an 10000 Stellen. Jedes Jahr wird Hafer, Dinkel, Weizen, Roggen und Soja geerntet. Alle Ähren würden einzeln gedroschen, im Labor untersucht, sortiert, gekennzeichnet, eingelagert und im nächsten Jahr erneut ausgesät. "Nach neun Jahren haben wir einen stabilen Genotyp", erläutert der Mann mit Strohhut. Nach weiteren drei Jahren kann das Saatgut als neue Sorte zugelassen werden - in einem komplizierten Verfahren.

Die PZO arbeitet dabei ohne Gentechnik, sondern nach klassischen Methoden der Kreuzung von Pflanzen. Die Saatgutzucht erfordere eine verlässliche Finanzierung. "Uns fehlen aber 37,5 Prozent der Einnahmemöglichkeiten", klagt Stephanie Franck. Denn es gebe Bauern, die Saatgut selbst gewinnen, ohne die dafür gesetzlich vorgesehenen Nachbaugebühren zu bezahlen. Dieser Schwarzanbau - auf rund 25 Prozent der Flächen wird er in Deutschland betrieben - schade Pflanzenzüchtern und ehrlichen Landwirten gleichermaßen. Obwohl die Francks auch Saatgut züchten, das für den ökologischen Landbau geeignet ist, wehen ihnen Vorbehalte entgegen.

"Früher bestand unter den Landwirten eine hohe Wertschätzung gegenüber Pflanzenzüchtern", erläutert Stephanie Franck. Heute wollen einige Ökobetriebe aber ihr Saatgut lieber selbst gewinnen. Harald Ebner hat dafür Verständnis: "Auf dem Saatgutmarkt sind Unternehmen unterwegs, die nicht auf eine gedeihliche Zusammenarbeit mit den Landwirten aus sind. Die Bauern haben Ängste, einer Übermacht ausgeliefert zu sein."

Damit könnten aber nicht die Mittelständler gemeint sein, entgegnet Stephanie Franck. "Wir werden oft verwechselt mit Monsanto und anderen Multis." Sie hat erkannt: "Es gibt eine Bauernlobby, die glaubt, das Saatgut falle vom Himmel." Um gute Produkte herzustellen, benötige man eben Sicherheit bei der Finanzierung. So sind Ackerbohnen nicht mehr im Angebot, weil es - anschaulich formuliert - zu viele Raubkopierer gibt.

Aber es käme noch schlimmer. Die neue EU-Saatgutverordnung würde - falls der Kommissionsentwurf so durchkommt - das Aus für Pflanzenzüchter bedeuten. Dabei geht es um Details wie die Zulassung "heterogenen Materials" mit großen Auswirkungen.

Und was sagt Bärbel Höhn dazu? Am Feldrand gar nicht so viel. Sie will die Informationen aufnehmen, sieht aktuell die größte Gefahr in einem Freihandelsabkommen mit den USA. Denn das öffne der Gentechnik in der Landwirtschaft Tür und Tor. Sie gibt nur ein kurzes Schluss-Statement ab, denn sie muss schnell zum Zug. Immerhin hinterlässt sie im Anschluss eine Botschaft per Internetdienst Twitter: "Wir wollen Monsanto und Co. die Artenvielfalt und gentechnikfreie Sorten entgegenstellen. Getreidearten statt nur Mais."