Lehrerdebatte, Unverschämtheit“: Im Mai 2013 begleitet eine hitzige Debatte das Ja mit einer Stimme Mehrheit zur Einführung der beiden Gemeinschaftsschulen (GMS) in der Stadt. Die Diskussion beginnt erneut. Diesmal geht es um den Start der gymnasialen Oberstufe an der GMS im Schulzentrum West. Die Fronten verlaufen ähnlich. SPD und Grüne sind für die Oberstufe, CDU und FDP dagegen und die Freie Wählervereinigung enthält sich noch. Und: Es gibt Ausnahmen.

„Stellen Sie keinen Antrag auf Errichtung der Oberstufe an der GMS im Schulzentrum West“, appellieren die drei Schulleiter am beruflichen Schulzentrum in einem Brief an die Stadträte: Einer der Unterzeichner ist Ernst-Michael Wanner. Der Schulleiter an der gewerblichen Schule sitzt auch als stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender im Gemeinderat und nennt als Grund fürs Nein: „Bei gleichbleibender Schülerzahl schaffen wir mit der Oberstufe an der Gemeinschaftsschule eine neue Struktur, die es an den beruflichen Gymnasien bereits gibt.“ Die Schülerzahlen verteilten sich dann auf zwei Strukturen, die Schulen müssten ihr Angebot verschmälern, kein einziger Schüler zusätzlich würde das Abi machen.

Das sieht Helmut Kaiser anders. „Wir haben in Hall ein differenziertes Angebot mit klassischer Realschule, zwei Gymnasien, drei beruflichen Gymnasien. Eine Oberstufe in der Gemeinschaftsschule ist für keine dieser Schulen  existenzbedrohend, zumal die Prognosen von wieder steigenden Schülerzahlen ausgehen“, hält der SPD-Fraktionsvorsitzende dagegen. Das jahrzehntelange Gerede von den drei gleichwertigen weiterführenden Schularten habe sich schon lange entlarvt. Er bekommt Zustimmung vom Haller SPD-Ortsverein. „Wir wollen der Gemeinschaftsschule eine Zukunft geben. Es braucht eine gymnasiale Oberstufe“, schreibt Vorsitzender Danny Multani und ruft dazu auf, bei einer Online-Petition mitzumachen.

Grüne an Seite der SPD

Die Grünen stehen auf der Seite der SPD. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Jutta Niemann sagt, dass das GMS-Konzept „das ganze Spektrum der Schüler braucht“. Wenn es eine Oberstufe gibt, dann würden mehr Kinder mit einer Gymnasialempfehlung auf die GMS wechseln.

Unterstützung bekommt Wanner von CDU und FDP. Durch die Einführung der Oberstufe würden bewährte Strukturen gefährdet, das Kursangebot an die Schüler verkleinert und „das mit hohen Kosten für den Steuerzahler“, so die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Andrea Härterich. Die Schülerzahlen im  Haller Einzugsgebiet würden nicht genug hergeben, so dass jede Schule vielfältige Kurse in der Oberstufe anbieten könnte. Der FDP-Fraktionsvorsitzende Thomas Preisendanz hält es für „völlig falsch“, dass durch die Oberstufe bestehende gute Strukturen an den allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien in Gefahr gerieten. Schüler würden in der GMS schlechter aufs Studium vorbereitet. „In der FWV gibt es noch keine einheitliche Meinung zum Thema. Ich habe noch Beratungsbedarf“, teilt Vorsitzender Hartmut Baumann mit. Die Fraktion wolle den im Gemeinderat vertretenen „Pädagogen Gehör schenken“ und sich von außerhalb neutrale Meinungen einholen.

Metzingen

Für die Stadt ist die Oberstufe „eine Aufwertung in ihrer Zentralfunktion sowie die Fortentwicklung des pluralen Bildungsangebots“, schreibt Stadtpressesprecherin Franziska Hof. Thomas Kuhn sagt, dass Bildungserfolg zu sehr an die soziale Herkunft gekoppelt sei. Dem wirkten GMS entgegen, mit ihnen wachse die Bildungsgerechtigkeit, so der Rektor der GMS im Schulzentrum West. Die GMS strebe mit der Oberstufe den „organischen Weg“ in neun Jahren zum Abitur an.

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Gemeinderat soll am 10. April entscheiden


Zwei Gemeinschaftsschulen (GMS) gibt es in der Stadt: im Schulzentrum Ost die GMS Schenkensee, die aus der Werkrealschule entstand, und im Schulzentrum West haben sich die Thomas-­Schweicker­-Werkreal­schule und die Leonhard-Kern-Realschule zusammengeschlossen. Die gymnasiale Oberstufe war bei der größeren GMS im Schulzentrum West von Anfang an Thema. Die Einführung soll nun auf den Weg gebracht werden.

Wichtiges Kriterium sind die Schülerzahlen. Es müssen mindestens 60 Schüler am Standort Hall pro Jahrgang prognostiziert werden. Das prüft das Regierungspräsidium Stuttgart in einem Genehmigungsverfahren. Dabei werden auch Schülerzahlen der umliegenden Schulen der Sekundarstufe I berücksichtigt. „Nach meinen Berechnungen werden wir diese Bedingung erfüllen“, informiert Thomas Kuhn, Rektor der GMS im Schulzentrum West. Den Antrag stellt der Schulträger, die Stadt Hall. Am 10. April soll im Gemeinderat entschieden werden. Wenn der Rat zustimmt, stellt die Stadt einen Antrag beim Land. „Dieser kann im Herbst 2019 fürs Schuljahr 2020/21 gestellt werden“, teilt Ursula Jordan vom Staatlichen Schulamt in Künzelsau mit. Die Einführung einer gymnasialen Oberstufe bedürfe einer regionalen Schulentwicklung mit den „Berührten“. Im Frühjahr 2020 soll klar sein, ob zum Schuljahr 2021/22 die 11. Klasse startet, so Kuhn.

Es wäre im Schulamtsbezirk Main-Tauber, Hohenlohe und Schwäbisch Hall die erste und einzige GMS mit Oberstufe. Landesweit sind Oberstufen an zehn Standorten vorgesehen. Bislang gibt es solche in Konstanz, Tübingen sowie Wutöschingen. In Esslingen sowie in Stuttgart sind welche geplant. cus