Schuld an allem ist Anna Strübel. Die Mitarbeiterin des Freilandmuseums gehört zu den „Ravelern“, einer internationalen Internet-Plattform für etwa fünf Millionen Menschen, die versessen aufs Stricken, Häkeln, Weben, Filzen und Spinnen sind. Die englische Vokabel „to ravel“ bedeutet so viel wie „sich verheddern, sich verwickeln“. Einmal jährlich verwickelt sich die Community im richtigen Leben. Für das achte deutsche Raveler-Treffen hat Anna Strübel ihre Gesinnungsgenossen nach Wackershofen geholt und dabei gleich ein großes Wollfest für sie veranstaltet: „Hier soll man sich ganz dem Woll- und Farbenrausch hingeben können.“

Und das ist ihr gelungen. In den zentralen Gebäuden des Museums gibt es überreichlich von dem Material, nach dem die Raveler süchtig sind, und zwar nur in der besten und reinsten Qualität. Industriell behandelte Wolle, wie man sie überall kaufen kann, ist für den echten Raveler nämlich ein No-Go. Stattdessen gibt es handgefärbte Naturwolle und Garne in leuchtend bunten oder vornehm gedeckten Farben. Sie umschmeicheln die Sinne, werden befühlt, beschmust, ans Licht gehalten, diskutiert, geliebt und tütenweise abgeschleppt.

Mit Wolle verhalte es sich ähnlich wie mit dem Online-Dating, erklärt Letha Böhringer aus Köln: „Übers Internet kaufen ist Quatsch, weil Fotos nicht reichen. Man will fühlen und sehen, womit man es zu tun hat.“ Fast 3000 Wolle-Liebhaber aus allen Ecken von Deutschland haben darum die Gelegenheit zum hautnahen Wolle-Kontakt begeistert wahrgenommen. „Ihr habt es gut hier in der Region“, sagt die rheinländische Strickliesel neidvoll, „ihr habt den Schoppel hier.“

Ursprünglich hatte Anna Strübel die Hohenloher Wolle GmbH gebeten, sich mit einem Verkaufsstand am Event im Freilandmuseum zu beteiligen. „Wir wollten unseren Fachhändlern aber keine Konkurrenz machen“, erzählt Gerhard Schoppel von der GmbH. Er und seine Lebensgefährtin Irene Lindhöfer hatten eine bessere Idee: Eine Modenschau in der historischen Feuerwehrhalle. Seit einigen Jahren bietet das Traditionsunternehmen aus Wallhausen für seine hochwertigen Naturgarne unter dem Label „Knit the cat“ („Strick die Katze“) Vorlagen für originelles Art-Work, das sich von den üblichen Strickmuster deutlich abhebt. Woher kommt die Katze? „Aus meinen Kopf“, strahlt der Wolle-Guru, der seit seiner Jugend selbst strickt, sein Mode-Label zum Nacharbeiten kreativer Vorlagen aber erst vor ein paar Jahren verwirklicht hat.

Beim professionellen Catwalk gab es reichlich Ah- und Oh-Rufe auf den dicht besetzten Zuschauerbänken: Die versammelten Kenner wissen die Raffinessen des Schoppel’schen Designs zu würdigen. Bei der appetitlich gerafften Rückenpartie eines Pullovers schmelzen sie dahin, beim ausgefuchsten Farbverlauf einer Stola hebt aufgeregtes Tuscheln an, bei den Accessoires aus gartenschlauchdickem Schafswollgarn wird entzückt gekichert.

Das ist auch der Sinn der Sache: Die Stücke sollen Lust auf das Stricken nach den Vorlagen aus dem Hause Schoppel machen. Sie wurden extra für die Modenschau angefertigt und sind nicht verkäuflich. „Es ist schon eine gewisse Gratwanderung, dass wir unsere Garne in Deutschland produzieren“, erklärt Gerhard Schoppel, „die von unseren Designern gestrickten Kleidungsstücke wären jedoch schlicht unbezahlbar.“ In dieses Segment will Schoppel gar nicht rein: „Wir verkaufen Wolle und Ideen“, erklärt er seine Masche, mit der er mittlerweile Fachhändler auf der ganzen Welt erfolgreich umgarnt und als einer der Hauptsponsoren das Wackershofener Wollfest ermöglicht hat. Wer seine leuchtenden Augen und die Begeisterung des Publikums gesehen hat, weiß: Hier geht es nicht nur ums Geschäft, sondern um eine tiefe Leidenschaft. Gute Wolle muss man wirklich wollen.