Medikamente, Hormone, Antibiotika: Rückstände gelangen über den häuslichen Abfluss in hiesige Gewässer und in die Lebewesen darin. Die städtische Kläranlage Vogelholz ist wie die allermeisten Anlagen im Bundesgebiet nicht in der Lage, sämtliche Substanzen herauszufiltern. Denn, was aus der Anlage herausfließt, hat keine Trinkwasserqualität. Dafür genügen die drei bestehenden Reinigungsstufen nicht. Im aufbereiteten Wasser, das in den Kocher fließt, bleiben unliebsame Rückstände.

Bau vermutlich im Jahr 2021

Eine vierte Reinigungsstufe – die Spurenstoffelimination – kann zumindest insoweit helfen, dass sie Rückstände von Medikamenten und anderen Stoffen herausfischt. Diese Stufe könnte 2021 gebaut werden, wie Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim am Montag im Bau- und Planungsausschuss des Haller Gemeinderats berichtet. Diese vierte Stufe sei zwar noch nicht staatlich verpflichtend, die Einführung der entsprechenden Grenzwerte aber nach Rücksprache mit dem Regierungspräsidium (RP) zu erwarten.

Langenburg

Im September 2018 sei eine Wirtschaftlichkeitsstudie in Auftrag gegeben worden. Verschiedene Verfahren würden geprüft. Da die Methoden der Spurenstoff­elimination eng mit den Verfahren zur Phosphorelimination verknüpft sind, sollten diese ganzheitlich betrachtet werden, heißt es in der Sitzungsvorlage. Ziel sei, mindestens 70 Prozent der Jahresabwassermenge zu behandeln. Eine vollständige Behandlung sei nicht wirtschaftlich. Die Investitionskosten liegen laut Pelgrim bei circa 8 bis 10 Millionen Euro.

Kapazität wird erweitert – auf 100.000 Einwohnereinheiten

Das soll aber nicht die einzige Investition sein. Parallel soll die Anlage Vogelholz, die langsam ihre Kapazitätsgrenze erreicht, erweitert werden: von 85.000 Einwohnerwerten (EW) auf 100.000. Zuvor war eigentlich nur eine Sanierung geplant. Die sei aber aufgrund der gestiegenen Belastung nicht mehr ausreichend. Hierfür sind rund 4,8 Millionen Euro vorgesehen. Das für die Erweiterung nötige Wasserrechtsverfahren werde eingeleitet.

In den Wirtschaftsplänen 2020 müssten dann zusammen 13 bis 15 Millionen Euro angesetzt werden, so Pelgrim, der mit einer Bundesförderung von rund 20 Prozent rechnet. Die Investitionen wirken sich wohl auf die Abwasserkosten der Haller aus, da der Betrieb der Kläranlage über die Gebühren finanziert wird.

„Wenn man die Vorlage liest, ist man sehr angetan“, kommentiert Ludger Graf von Westerholt, Sprecher der CDU-Fraktion. „Wir hätten aber gerne eine Beurteilung, ob wir auch was Richtiges und Gutes nach dem neuesten Stand tun.“ Schließlich müsse die Öffentlichkeit das Vorhaben bezahlen. Er spricht eine unabhängige Prüfung der Pläne für die vierte Reinigungsstufe an.

Um die fachliche Prüfung kümmere sich ein begleitendes Ingenieurbüro, erwidert Pelgrim. Auch das Regierungspräsidium und das Landratsamt entscheiden mit.

Westerholt kontert: „Das Regierungspräsidium wird sagen: alles rechtmäßig. Mehr sagen die nicht!“ In Ostdeutschland seien in diesen Bereich Unmengen investiert worden – mit fragwürdigem Effekt. Der OB sieht das ähnlich. Ergänzt aber: „Wir betreten hier nicht Neuland.“ Es sei nicht Ziel, neue Technik auszuprobieren, sondern Verfahren zu nutzen, die sich in anderen Kläranlagen im Land bewährt haben.

Mikroplastik wird nicht gefiltert

Michael Reber (Freie Wählervereinigung) hakt nochmal nach, ob die vierte Stufe alle krnjitischen Rückstände herausfiltert. Martin Brözel, Abteilungsleiter Abwasserbeseitigung, antwortet: „Ja. Was sie aber nicht kann, ist Mikroplastik.“ Diese Teilchen würden weiterhin in die Gewässer abgeführt.

Ulrich Reichert (CDU) verweist auf mehrere Biber in dem Gebiet. Das Tier sei geschützt und dürfe nicht gestört werden. Pelgrim erwidert, dass ihm dort auf der Anlage zwischen Gelbingen und Hall kein Bibervorkommen bekannt sei. Deswegen werde die Stadt das Vorhaben auch nicht verschieben. Die Verwaltung werde den
Gemeinderat auf dem Laufenden halten.

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Gaildorf

Jährlich rund 2,23 Millionen Kubikmeter Abwasser


Die Haller verwandeln jährlich rund 2 232 800 000 Liter Frisch­wasser in Schmutzwasser. Sie bezahlen dafür 1,87 Euro pro Kubikmeter. Mit den Einnahmen werden Kläranlagen saniert und Kanäle gereinigt. Die Gebühr für Schmutzwasser wird von den Stadtwerken – im Auftrag der Stadtverwaltung – mit der Wasserrechnung erhoben. Regen, der auf Dächer fällt oder auf die Garagen­zufahrt, füllt ebenfalls die städtischen Abwasserkanäle. Dafür werden 0,42 Euro Gebühr pro Quadratmeter im Jahr berechnet.

Acht Personen wechseln sich bei der Aufsicht über die Kläranlage Vogelholz ab. Das sind vier Mitarbeiter in der Stammmannschaft, drei Auszubildende und eine Laborantin. Die Anlage wird sieben Tage die Woche, rund um die Uhr betreut. Bei Reparaturen müssen die Klärwärter immer zu zweit sein, falls einmal ein Unfall passiert. thumi