Heute baut Peter Jost zum vierten Mal sein Ensemble von Sitzsäcken, Tischchen, Kaffeekanne, Kugelschreibern und Theke mit goldenen Luftballons auf. Ausgestattet mit vielen Fragebögen ist er bereit, mit den Menschen über ihren Glauben und ihren Bezug zur Kirche zu sprechen. „Was glaubt Hall?“, steht auf dem Banner. Passanten kommen zu ihm. „Ich spreche niemanden an“, sagt er, der nicht lästig sein will. Die Haller zeigen sich interessiert. Gleich am ersten Tag in der Fußgängerzone werden 50 Fragebögen ausgefüllt.

Zukunft der Kirche

„Raumwunder“ heißt das Projekt, von ihm geschaffen, auf fünf Jahre angelegt und in Kooperation mit dem Evangelischen Kirchenbezirk Schwäbisch Hall, der Katholischen Gesamtkirchengemeinde und dem CVJM Schwäbisch Hall konzipiert. Die Kernfrage für Peter Jost in der Umfrage ist: Was bedeutet Ihnen Gott? Glauben Sie? Was bedeutet Ihnen Kirche? Die Projektentwickler wollen wissen, ob Hoffnung besteht für eine Kirche, der Prognosen voraussagen, dass im Jahr 2060 nur noch rund ein Viertel der Deutschen Kirchenmitglieder sind.

Den Kirchen ein Marktforschungspaket anzubieten, ist aber nicht die Absicht des Theologen Jost. „Ich mache das auch für mich.“ Durch die Gespräche mit den Menschen stellt er sich selbst Fragen. Beispielsweise, wie die Bibel umgeht mit dem Thema Ökologie. Darauf angesprochen begibt sich Jost auf die Suche nach Antworten.

Begonnen hat seine Projektarbeit in Dresden, wo er lebte, bevor er nach Hall zog. In Gesprächen mit Freunden wurde ihm bewusst, dass man als junge Eltern beginnt, sich mit existentiellen Fragen zu beschäftigen. Welche Werte vermittle ich meinem Kind? Was ist der Sinn? Woher kommen wir und wohin gehen wir? „Die Frage nach Gott ist ein menschliches Urphänomen. Sie ist tief in der Seele verankert und eng mit unserer Kultur verwoben“, so Jost, „wir steuern auf eine Gesellschaft zu, die wenig Ahnung hat von Religion. Wie es scheint, ernten wir die Früchte der Moderne. Wer alles erklären, berechnen und kontrollieren kann, braucht keinen Gott.“

Peter Jost ist christlich aufgewachsen, der Glaube ist ihm wichtig und noch mehr, wie die Kirche ihn lebendig halten kann. „Der Kern der Kirche sollte sein, den Bezug, der zwischen Mensch und Gott besteht, deutlich zu machen. Die Glaubensvermittlung sollte die kritischen Fragen der Menschen ernster nehmen.“

Für Peter Jost ist sein Haller Projekt auch ein Ankommen in einer Stadt, in die er vor anderthalb Jahren erst gezogen ist. Er freut sich mit sehr jungen und sehr alten Menschen sprechen zu können, er lernt Christen, Muslime, Buddhisten kennen, liest einer 92-Jährigen den Fragebogen vor, erfährt von einer anderen Frau aus deren Leben als Pfarrerstochter, hört interessiert einer Syrerin zu, die fragt: „Warum habt ihr viermal die gleiche Geschichte in der Bibel?“, und schenkt einem Menschen mit Behinderung mehrfach den Kaffeebecher auf Wunsch voll ein.

Der Theologe Peter Jost könnte selbst als Pfarrer tätig sein, aber weil er dann keine Zeit zum Gestalten hätte und den gewohnten Ansprüchen der Kirchengängern entsprechen müsste, bleibt er lieber da, wo Veränderungen angestoßen werden können. Außerdem ist er lieber bei denen, die am Rand der Kirche stehen, statt im Zentrum. Die Umfragen in Hall, soviel kann er jetzt schon feststellen, geben ein positives Bild ab. Viele Menschen haben noch einen Glauben und auch einen Ort, an dem sie ihn leben können. „Wer weiß, vielleicht stellt sich heraus, dass Hall mich gar nicht braucht.“

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Seit einem Jahr in Hall


Peter Jost ist 43 Jahre alt, wuchs in Graz, Österreich auf. Sein Vater stammt aus Stuttgart, seine Mutter aus Backnang. Nach dem Abitur studierte Jost Theologie in Leipzig. Mit seiner Frau, die aus Hall stammt, leitete er das Kinder- und Jugendhaus des CVJM in Magdeburg. Dann rief er in Dresden das über fünf Jahre angelegte Projekt „Bunte Kirche Neustadt“ ins Leben. Seit gut einem Jahr lebt der Vater von zwei Kindern mit seiner Frau und Katze Lou in Gailenkirchen. sasch