Nahversorgung Kein Glück für Tüngental

Dieter Häusermann, Frieda Erb und Lina Keller aus Tüngental freuen sich, dass sie ihr Seniorenkränzchen weiterhin abhalten können.
Dieter Häusermann, Frieda Erb und Lina Keller aus Tüngental freuen sich, dass sie ihr Seniorenkränzchen weiterhin abhalten können. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 23.08.2018
Die Bäckerei Glück hat dicht gemacht. Zum Hintergrund will sich der Inhaber nicht äußern. Den Stammgästen des Cafés bietet sich nun eine unerwartete Alternative.

Auf der Internetseite der Landbäckerei Glück ist sie noch als eine der 22 Filialen aufgelistet, die das Sulzdorfer Unternehmen in den Raumschaften Schwäbisch Hall, Gaildorf und Crailsheim betreibt. Doch in der realen Welt hat die Niederlassung Tüngental, nachdem sie rund ein Vierteljahrhundert zum Ortsbild gehörte, Ende Juni dicht gemacht. Ein Schritt, den viele Einwohner des Haller Teilorts lebhaft bedauern. War das Geschäft doch die einzige Möglichkeit, mal „gschwind“ Backwaren und Grundnahrungsmittel einzukaufen, ohne das Auto oder den Stadtbus zu bemühen. Zudem hatte sich das Ladencafé zum Treffpunkt einer kleinen Gruppe Tüngentaler Senioren entwickelt, die sich dort regelmäßig zum geselligen Plausch zusammenfand.

Firmenchef Eberhard Glück möchte zu seinem Rückzug aus Tüngental unserer Zeitung gegenüber keinen Kommentar abgeben. Werner Philipp geht davon aus, dass betriebswirtschaftliche Gründe hinter der Entscheidung stecken. Der Ortsvorsteher macht sich noch Hoffnungen auf einen Kompromiss: „Schön wäre es, wenn Herr Glück übergangsweise zweimal die Woche sein Bäckereifahrzeug bei uns vorbeischicken könnte, damit die älteren Leute versorgt sind“, wünscht sich Philipp und hat eine entsprechende Anfrage an den Bäckermeister gerichtet. Ansonsten warte er, wie alle Tüngentaler, auf die geplante Dorfsanierung, in deren Zuge sich sicher eine Möglichkeit ergebe, wieder ein kleines Lebensmittelgeschäft zu eröffnen.

Was in diesem Zusammenhang ebenfalls auf seiner Wunschliste steht: Die Buslinie zwischen Sulzdorf und Tüngental könne doch einen „Schlenker“ über das Hessentaler Industrie- und Einkaufsgebiet Gründle machen. Bisher müsse man von Tüngental bis zum Haller ZOB fahren und dort in den Bus nach Hessental umsteigen: „Das ist eine kleine Weltreise.“ Seinen Vorschlag hat der Dorfchef bereits den Verantwortlichen bei der Stadtbus GmbH vorgetragen.

Wurde Bäckerei Verlustbetrieb?

Ebenso wie Werner Philipp geht auch Andreas Stein davon aus, dass die Bäckereifiliale betriebswirtschaftlichen Überlegungen geopfert wurde. Der Vorstand der Raiffeisenbank Tüngental weiß natürlich genau, dass kein Unternehmer einen Verlustbetrieb auf Dauer aufrechterhalten wird. Um sich in der Pflicht zu sehen, aus sozialen Beweggründen trotzdem zu bleiben, müsse man wohl selber Tüngentaler sein, räumt der Bankchef ein. Insofern sei die Handlungsweise von Eberhard Glück, dem Sulzdorfer, völlig verständlich.

Um wenigstens den „heimatlos“ gewordenen Mitgliedern des Seniorenkränzchen eine neue Anlaufstelle zu bieten, sind Stein und sein Team nun selbst aktiv geworden: Vor der Tür des Bankgebäudes wurden in der vergangenen Woche ein Bistrotisch, Stühle und ein Sonnenschirm für sie aufgebaut. Kaffee und Kekse spendiert die Bank ihren Gästen, die das Angebot begeistert annehmen. „Als Genossenschaft und geografischer Ortsmittelpunkt mussten wir einfach etwas tun“, ist der Leiter einer der kleinsten Banken in Deutschland überzeugt.

Lina Keller hat die Flexibilität der Banker offenbar unterschätzt: „Ich habe das anfangs gar nicht glauben können“, gesteht die 82-Jährige. Sie und ihre Freundin Frieda Erb finden die Initiative „richtig toll“; dass ein so großer Ort wie Tüngental nun ganz ohne Bäckerei dastehe, hingegen „sehr schade“. Nahezu täglich trafen sich die beiden „beim Glück“, manchmal zählte die lustige Runde bis zu fünf Personen. Wissen die Stammgäste mehr über den Anlass der Schließung? „Er hatte anscheinend viele Gründe“, meinen die alten Damen. Woran es aber genau gelegen habe, sei nicht festzustellen gewesen.

Die Sitzecke soll bleiben

Das „Raiffeisen-Café“ bleibt ihnen übrigens auch erhalten, wenn die Temperaturen wieder sinken. Dann wird die Sitzecke in die Schalterhalle verlegt.

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