DLRG Kalt, kalt, kalt - Kocher

TOBIAS WÜRTH 02.01.2014
Vor mir strömt der Fluss, hinter mir ziehen sich 59 Männer und Frauen in Taucheranzügen ihre Flossen an. Mädchen spielen am Samstagvormittag mit Eisschollen, die sie aus Pfützen herausgebrochen haben. Das Thermometer im Auto zeigt 0,4 Grad an.

Vor mir strömt der Fluss, hinter mir ziehen sich 59 Männer und Frauen in Taucheranzügen ihre Flossen an. Mädchen spielen am Samstagvormittag mit Eisschollen, die sie aus Pfützen herausgebrochen haben. Das Thermometer im Auto zeigt 0,4 Grad an. Der Fluss soll im Gegensatz zur Luft mit geschätzten 5 Grad geradezu warm sein. Nichts wie rein also!

Bestandsaufnahme vor dem Start in Steinbach: Die Füße werden von Neopren-Schuhen gewärmt, die wiederum stecken in langen Flossen. Ich habe Skiunterwäsche an, in der ich noch nie gefroren habe - was sich allerdings ändern wird. Ich trage einen langärmligen Anzug der TSG-Tauchsportgruppe, darüber einen Kurzanzug, der noch besser isolieren soll. Haube, Handschuhe und Overall zum Schutz des teuren Neoprenanzugs runden die Ausrüstung ab. Mir ist warm, ich bin leicht verschnupft, der Kocher soll mein heilerndes Erkältungsbad werden.

Ein Feuerwehrmann trötet in ein Horn, es wird "patsch - nass" gerufen. Ich schrei bei "nass" mit, mache mir damit Mut, springe ins Wasser und - es ist gar nicht nass. Nur langsam kriecht die fiese Feuchtigkeit unter den Neoprenanzug.

Schwimmer treiben meditativ unter den Bäumen durch

Es wird jetzt doch bitterlich kalt, dann soll sich das Wasser im Anzug erwärmen. So hat es mir Sebastian Zügel von der Deutschen-Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) erzählt, als er mir das Material aushändigte. Alles Theorie. In der Praxis lässt der wärmende Effekt leider auf sich warten. Ich verstehe den Kameraden, der vor dem Start den Saum an Fußknöcheln und Armgelenken mit Panzerklebeband verschlossen hat.

Ich fühle mich wie Gregor Samsa aus Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". Der wacht als Ungeziefer auf, kann sich wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist, kaum bewegen. Denn mein Neoprenanzug spannt, die langen Flossen sind beim Kontakt mit Steinen im Fluss immer im Weg und klappen um.

Der Anzug gibt immerhin Auftrieb. Wenn man sich auf den Rücken legt und sich in sein Schicksal fügt, geht es am besten. Jochen Narciß, der am nächsten Tag beim Neujahrskonzert die Erste Geige spielt, mimt neben mir den Toten Mann. Er streckt Arme und Füße aus dem Wasser. Auch mich treibt die Strömung weiter. Die Äste der Bäume über mir ziehen vorbei, am Himmel schwebt eine Krähe, aus einem Augenwinkel kann ich einen Blick auf die Comburg erhaschen.

Das Kocherabschwimmen ist wie eine Meditation. Wenn man das Gefühl von Kälte ausblendet, das sich in den Füßen, an den Handgelenken und am Hals einstellt, ist es Genuss pur. Die Schatten der Bäume fallen nicht mehr auf den Fluss: Die Tour wird zum Sonnenbad.

Schnell treiben wir zum Wehr bei den Stadtwerken. Alle setzen sich auf die Kante. Manche galant mit einem großen Schritt, andere rollen sich von der Strömung getrieben die Wehrkante hoch. Zum ersten Mal nehme ich wahr, dass uns ein ganzer Tross von Menschen am Ufer verfolgt. Winke-winke in Richtung Wasser, Winke-winke zurück ans Ufer. Kameras werden auf uns gerichtet. Immer lächeln. Es ist ja nicht so k-a-l-t. Die Hände zittern. In der rechten Wade kündigt sich ein Krampf an.

Wieder ein Signal aus dem Horn: Die 60 Schwimmer rutschen das Wehr hinunter. An der neu gebauten Fischtreppe stoßen einige lachend in einer Welle zusammen.

Es wird wieder schattig, die Strömung wird langsamer. Eine Schwimmerin fragt, ob wir schon die Hälfte hinter uns haben. "Ich spüre meine Finger nicht mehr", ruft jemand. Andere spielen unbekümmert mit einem Ball, versuchen sich unter die Wasseroberfläche zu tunken.

Die Zahl der Zuschauer nimmt ab dem Grasbödele zu. Nach mehr als einer Stunde im Wasser kommt die Henkersbrücke in Sicht. "Ich hätte fast aufgegeben", sagt Jochen Narciß hinterher. Er will unbedingt bei seinem Konzert fit sein. Eine andere Schwimmerin macht sich selbst Mut: "Ich nehme nächste Woche ein richtiges Sonnenbad. In Dubai." Sie erntete neidische Blicke. Applaus vom Ufer, Zurufe von Bekannten. Wir sind am Ziel. Die Henkersbrücke erscheint vom Wasser aus betrachtet riesig und der Pfeiler in der Mitte, der das Wasser teilt, wie der Bug eines Containerschiffs. Hinter der Brücke ist der Ausstieg. Gegenseitig ziehen wir uns aus dem Wasser, denn das Ufer ist glitschig.

Die Haut schimmert blau zwischen den Zehennägeln durch

Bestandsaufnahme nach der Ankunft in meiner warmen Wohnung: Ich lebe noch, mir ist bitterkalt, die Füße sind so weiß wie der Schafwollteppich, unter den Zehennägeln ist die Haut blau. Ich will sofort in die Wanne, kann den engen Neoprenanzug aber kaum ausziehen. Das Badethermometer zeigt 43 Grad. Nach vier Minuten im Wasser hören die Hände langsam auf zu zittern.

Ob ich 2014 dabei bin?, fragt mich Sebastian Zügel beim gemeinsamen Essen im DLRG-Vereinsheim in Steinbach eine Stunde später. Ich werde ein Jahr Bedenkzeit beanspruchen. Denn "Kocher" bedeutet für mich ab jetzt "kalt".