Schwäbisch Hall / Andreas Scholz  Uhr
Experten aus Schwäbisch Hall warnen vor Aktionismus bei jungen Vögeln, die aus dem Nest gefallen sind. Nicht immer ist  menschliche Hilfe erforderlich.

Matthias Wolf aus Schwäbisch Hall ist der Zeitungsartikel nicht verborgen geblieben, der am 27. Juni erschienen ist: Darin wurde über das Schicksal eines jungen Turmfalken berichtet, der aus dem Nest oberhalb des Flötenraums in der städtischen Musikschule Hall gefallen war. Es waren Kinder, die den unbeholfen wirkenden Falkennachwuchs entdeckten. Über Umwege landete der junge Turmfalke schließlich in der Falknerei in Cröffelbach.

Matthias Wolf hatte beim Lesen gemischte Gefühle. „Zuallererst ist es schön, dass Kinder beim Anblick eines Jungvogels rasch Empathie zeigen und ein Beschützerinstinkt geweckt wird. Die Reaktion der Kinder ist also vollkommen natürlich“, meint der Diplom-Biologe, der in Schwäbisch Hall ein Büro für Gewässerökologie betreibt.

Die Vogeleltern sind meist in der Nähe

Dieser Beschützerinstinkt dürfte seiner Meinung nach ebenso bei Erwachsenen vorhanden sein, nur sollten Erwachsene das tun, was für das Wohl eines jungen Vogels am Besten sei. „In 99 von 100 Fällen sitzen in der Nähe des Jungvogels die Vogelmutter oder das Elternpaar. Die warten nur darauf, dass sie ihr Junges wieder füttern können“, erklärt Matthias Wolf.

Vogeljunge Junge Vögel fallen aus dem Nest

Sein Tipp: „Man entfernt sich von dem Vogeljungen und zwar so weit, dass es sich selbst traut, bis zum nächsten Baum oder Busch zu fliegen. Ein größerer Abstand zum Jungvogel helfe auch, weil er dann von den Vogelelten gefüttert oder abgeholt wird. „Die Altvögel trauen sich nicht an ihren Nachwuchs heran, wenn Menschen in der Nähe sind“, weiß der Naturkenner. Das scheue Verhalten gelte für viele Greif-, Raben- und Singvogelarten gleichermaßen. „Auch die Feuerwehr, die oft zu Tiereinsätzen ausrückt, sollte darüber informiert sein.“ Das Geschehen um den Jungvogel also erst einmal aus gebührendem Abstand eine Weile zu beobachten, sei oberstes Gebot.

Gefieder gut ausgebildet

Das Foto des jungen Turmfalken in der Zeitung hat sich Matthias Wolf genau angesehen. „Bei dem Jungfalken war das Gefieder bereits gut ausgebildet, er war offenbar nur im Fliegen noch nicht so gewandt. Irgendwo in der Nähe müssen seiner Meinung nach die Altvögel gewesen sein, denen durch die gut gemeinte Aktion das Junge abhanden gekommen sei. „Eigentlich sollte der junge Turmfalke jetzt mit seinen Eltern das Jagen lernen. Hoffentlich verbringt er nicht sein komplettes Leben in der Falknerei“, wünscht sich Wolf.

Tipps gibt es auch online

Für den Naturfreund stellen auch die Tipps der Wildvogelhilfe eine gute Informationsquelle dar, falls jemand einen Jungvogel findet, der scheinbar aus dem Nest gefallen ist. „Auf der Internetseite wird betont, dass hauptsächlich noch nicht flugfähige Vogelküken Unterstützung brauchen, was ich bestätigen kann. Bei Jungvögeln sollte man darauf achten, ob sie schon vollständig befiedert sind oder ob sie an manchen Stellen noch nackt sind“, bekräftigt Wolf.

Bevor sich jemand dafür entscheidet, einen aus dem Nest gefallenen und noch nicht flugfähigen Vogel aufzupäppeln, sollten Ortsgruppen von größeren Naturschutzorganisationen wie dem Naturschutzbund (Nabu) kontaktiert werden. Denn: Die rechtliche Grundlage nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist selbst für Vogelexperten wie Torsten Haag vom Haller Nabu nicht  leicht nachvollziehbar. Auf der einen Seite erlaubt zwar ein Paragraph das temporäre Aufpäppeln von Tieren, bis diese wieder gesund und gestärkt für ein selbstständiges Leben sind. Andererseits wird auch darauf hingewiesen, dass das Halten von besonders schützenswerten Wildtieren verboten ist. „Das Aufpäppeln von Nestlingen oder verletzten Vögeln ist ein Streitthema“, betont Haag.

Der Hobbyornithologe aus Bibersfeld hat vor Jahren eine aus dem Nest gefallene Mehlschwalbe wieder aufgepäppelt. Dennoch rät er von der Aufzucht junger Vögel  eher ab. „Eine falsche Futtergabe kann zu Missbildungen am Gefieder führen und mitunter sogar zum Tod des Vogels. Die Auswilderung wäre sowieso schwierig, weil ein Jungvogel in menschlicher Obhut nicht das überlebenswichtige Verhalten in der Natur von den Elternvögeln vermittelt bekommt.“

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Wie man jungen oder verletzten Vögeln helfen kann

Bei Jungvögeln sollte erst einmal eine Stunde lang aus sicherer Entfernung beobachtet werden, ob er nicht doch weiterhin von den Eltern gefüttert wird. Ein Jungvogel kann auch vorsichtig in das Nest zurückgesetzt werden. Alternativ kann ein Jungvogel auch katzensicher in eine Astgabel in der Nähe des Fundortes gesetzt werden, um den Vogeleltern einen raschen Zugang zum eigenen Nachwuchs zu ermöglichen. Wer nicht weiter weiß, kann sich an eine lokale Ortsgruppe wie dem Naturschutzbund (www.nabu-kreis-sha.de) wenden. Die Nabu-Ortsgruppe in Bad Friedrichshall unterhält seit 1976 sogar eine eigene Greifvogelpflegestation. Weitere potenzielle Anlaufstellen bei jungen oder verletzten Vögeln können Tierrettungsnotdienste oder die örtliche Feuerwehr sein. asc