Kupferzell / Von Elisabeth Schweikert  Uhr
Seit März ist Jürgen Maurer Vorsitzender des hiesigen Bauernverbands. Der Landwirt versucht Artenvielfalt und erfolgreiches Wirtschaften zusammen zu bekommen.

Der Maurer-Hof im Kupferzeller Teilort Feßbach ist eine Art Bilderbuch-­Bauernhof: Das Gackern der Hühner ist zu hören, hinterm Haus stehen Bienenstöcke. Wieder ein Stück weiter grasen Schafe. „Unsere Rasenmäher“, erklärt Jürgen Maurer. Der 45 Jahre alte Landwirt führt einen 180 Hektar großen Betrieb und fungiert seit März dieses Jahres als Vorsitzender des Bauernverbands Schwäbisch-Hall-Hohenlohe-­Rems.

Dass in dem Vollerwerbsbetrieb nicht nur Mastschweine stehen, sondern Wachteln sowie verschiedene Hühnerrassen Eier legen, hängt damit zusammen, dass der Maurer-Hof ein Familienbetrieb ist. Irgendwann kam Sohn Jonas mit Zwerghühnern an. „Das ist nicht rentabel“, sagte der Vater nach kurzer Zeit und kaufte Legehennen dazu. Die Eier durfte der heute 15-jährige Jonas verkaufen und sein Taschengeld aufbessern. „Man muss den Kindern Raum geben“, beschreibt Jürgen Maurer seine Haltung. Das Beispiel zeigt, wie Maurer denkt: Seine Kinder sollen mit Freude ihre Talente ausprobieren. Aber dem Aufwand muss auch Ertrag gegenüberstehen, die Kasse muss stimmen.

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Diese Gabe, unterschiedliche Interessen so zu verbinden, dass für alle ein Gewinn drin ist, will Maurer als Vorsitzender des Bauernverbands einbringen. Die He­rausforderungen sind groß. Da ist einerseits das Imageproblem: Immer stärker geraten Landwirte in die Rolle von Sündenböcken für die Verfehlungen in der Konsumgesellschaft. Sie werden als Brunnenvergifter beschimpft und als Tierquäler. Sie gelten als Verursacher des Insektensterbens. Dass Nahrungsmittel mit Pestiziden belastet sind, gilt ebenso als deren Schuld wie fad schmeckende Erdbeeren oder der Klimawandel.

Gleichzeitig ist es Aufgabe Maurers, einen Berufsstand zu vertreten, in dem die Betriebe mit dem Weltmarkt konkurrieren. Eine Wirtschaftssparte, in der Fleiß und Tatkraft alleine nicht ausreichen, sondern es Kapital braucht und ein gerüttelt Maß an Fachwissen sowie Unternehmergeist. Maurer bringt das alles mit. Und mehr noch. Er sagt: „Ich bin ein Wir-Mensch. Für mich war schon immer klar: Man darf nicht nur nach sich schauen. Keiner kann alleine alles erreichen. Aber wir zusammen können viel.“

Seit zehn Jahren fungiert Maurer als Ortsvorsteher, seit 15 Jahren ist er im Ortschaftsrat. Jetzt wurde er wieder in das Gremium gewählt. Seit ebenfalls zehn Jahren ist Maurer Ortsobmann beim Bauernverband, seit 2016 stellvertretender Vorsitzender.

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Trotz der Fülle an Aufgaben wirkt Maurer in sich ruhend. Er nimmt sich Zeit und fährt eine Tour rund um Feßbach, um zu zeigen, was auf seinen Feldern steht. Auf sechs Prozent seiner 180 Hektar Land wachsen Blühpflanzen oder auch Extensivgetreide. Dies setzt er im Rahmen des Franz-Projektes um. Maurer will mit seiner Teilnahme am Franz-Projekt praxistaugliche Lösungen mitentwickeln, um Artenvielfalt und effiziente Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen.

In Maurers Brust schlägt ein grünes Herz: Der Landwirt ist Hobbyjäger, erkennt die Vögel am Flug, die Wildblumen im Anfangsstadium. „Für mich ist klar: Man muss anderen Lebewesen auch Platz lassen. Bei uns im Ort gibt es einen Spruch: Tue deinem Boden nichts an, er tut dir auch nichts.“ Zudem: Seiner Ansicht nach ist beim Klimawandel „die fünf vor zwölf bereits überschritten“.

„Die Landwirtschaft ist Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung. Sie kann mehr dazu beitragen, als ihr zugetraut wird.“ Aber: „Wenn gesamtgesellschaftlich etwas verursacht wird, dann muss es auch gesamtgesellschaftlich gelöst werden.“ Maurer kritisiert: „Viele denken, dass mit einem Kreuzle bei Umfragen was getan ist.“ Doch seiner Ansicht nach muss jeder konkret etwas beitragen und sich fragen: „Auf was kann ich verzichten?“

Nachdrücklich wehrt sich Jürgen Maurer „gegen ideologische Verblendungen“. Etwa dagegen, nur noch Öko-Landbau zuzulassen. „Die kontrollierte Landwirtschaft halte ich für richtig. Tun und Handeln müssen wissenschaftlich fundiert sein“, betont er.

Wie bei Diversität eine Lösung aussehen könnte: Die Bauern  sprechen sich ab, welche Felder in welchem Jahr als Blühflächen dienen. So könne ein Biotop-Verbund geschaffen werden. Das sei leicht übers Internet und das Landwirtschaftsamt zu steuern. Seine Vorstellung vom Bilderbuch-Bauernhof ist deshalb kein nostalgisch verklärter Kleinbetrieb, sondern ein digital vernetzter, gut organisierter Hof. „Tierwohl, Biodiversität und Nachhaltigkeit werden maßgebend sein.“

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„Eine straffe Organisation der Betriebsabläufe hat Priorität“

Jürgen Maurer (45) und seine Frau Anita haben vier Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren. Die Familie lebt mit den Großeltern in der Dorfmitte von Kupferzell-­Feßbach. Jürgen Maurers Vater Karl war stellvertretender Bürgermeister. Der Hof kam im Jahr 1903 in Familienbesitz und wurde von 17 auf 180 Hektar vergrößert. Neben Ackerbau und Schweinemast (900 Tiere) übernimmt Maurer Lohnarbeiten. Auch eine Brennerei gehört zum Hof. Das Fleisch wird in der Metzgerei des Bruders vermarktet. Maurer wurde am 14. März zum Vorsitzenden des Bauernverbands Schwäbisch Hall-­Hohenlohe-Rems gewählt. Er ist seit 2018 im geschäftsführenden Vorstand des Landesbauernverbands und beim Deutschen Bauernverband im Umweltausschuss. Die Verbandsarbeiten binden rund 20 Arbeitsstunden die Woche. Auf dem Hof hilft ein Minijobber. Ansonsten trägt die Familie die Arbeit, „hier und da bedeutet dies, zusätzliche Stunden anzuhängen“. Und er macht deutlich: „Eine straffe Organisation der Betriebsabläufe hat Priorität.“ sel