Erinnerung Jüdischer Betsaal, bis die Nazis kamen

Das Haus in der Oberen Herrngasse 8 in Schwäbisch Hall.
Das Haus in der Oberen Herrngasse 8 in Schwäbisch Hall. © Foto: Thumilan Selvakumaran
Schwäbisch Hall / Thumilan Selvakumaran 22.09.2018
Heute vor 125 Jahren weihten Juden das Gebäude in der Oberen Herrngasse ein. Die Geschichte währte nur 45 Jahre. In der Reichspogromnacht wurden Inventar und Kultgegenstände zerstört.

Zwischen zwei und drei Uhr morgens drang der mit Äxten, Beilen und Pickeln bewaffnete Trupp in das Haus ein. Die Männer riefen „Polizei! Polizei!“, hatten aber alles andere als Recht und Ordnung im Sinn. Es waren etwa 15 bis 20, die von SA-Sturmbannführer Bühler angeführt wurden. Das schreibt Michael Sylvester Koziol in seinem Buch „Das ist ein politischer Brand“ über die Reichspogromnacht in Hall.

Systematisch zerstört

Die Täter kamen durch den vorderen Hausflur und ließen die Glastür des Betsaals im hinteren Teil des Gebäudes Obere Herrngasse 8, das eigentlich schon das Haus 7 der Unteren Herrngasse ist, zersplittern. Mit den mitgebrachten Waffen zerstörten sie systematisch die Räume der israelitischen Gemeinde. Teilweise rissen sie die Verkleidung mit bloßen Händen von der Wand. Neben Tischen und Bänken gingen Kultgegenstände zu Bruch, darunter der Schrein, in dem sich mehrere Thora-Rollen befanden.

Der Obersturmbannführer wies währenddessen hinzukommende Männer auf dem Haller Marktplatz an, sich anzuschließen. „Sie packten sich die Arme voll, schleppten ins Freie auf den Platz, was sie nur tragen konnten“, zitiert Koziol. Auf dem Marktplatz verbrannten sie hunderte Bücher und andere Dinge. Im Buch „Geschichte einer Stadt“ von Andreas Maisch und Daniel Stihler heißt es: „Die Randalierer der Pogromnacht waren soziologisch gesehen kein Pöbel, sondern bildeten einen Querschnitt der Haller Bevölkerung. Zu ihnen gehörten angesehene Bürger, Lehrer, Beamte, Angestellte, Kaufleute, Handwerker und ein Arzt.“

Das, was sich in der Herrngasse und auf dem Marktplatz am 10. November 1938 abspielte, war nicht die einzige Gräueltat, die sich in jener Nacht gegen die jüdische Gemeinde in Hall richtete. Auch mehrere private Häuser wurden gestürmt. In Steinbach wurde nach Befehl des NS-Kreisleiters Otto Bosch die Synagoge mit Benzin angesteckt, die anschließend abbrannte.

Dass der Betsaal in der Oberen Herrngasse nicht angezündet wurde, lag daran, dass sonst die Nachbarhäuser in der engen Gasse gefährdet gewesen wären. Dennoch wurde in dieser Nacht die 45-jährige Geschichte des jüdischen Lebens in diesem Haus abrupt beendet.

Eingeweiht wurde der Betsaal am 22. September 1893, also auf den Tag genau vor 125 Jahren. Hinter der erdgeschossigen Fassade mit den klassizistischen Rundbögen verbarg sich zunächst ein Laden, wie Albrecht Bedal in seinem „Häuser Buch“ beschreibt. Der Betsaal habe erst im westlichen, talseits anschließenden Gebäude gelegen. Das Holzgerüst des Gebäudes lässt sich laut Bedal „ziemlich genau auf das Jahr 1401“ datieren. Der vordere Anbau sei wohl erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden.

Bevor die Synagoge vor 125  Jahren errichtet wurde, nutzte ein Fabrikant die vormalige Wohnung im obersten Geschoss des Hauses als Websaal. Im schmalen Bereich davor wurde im späten 19. Jahrhundert ein Ladengeschäft von Kaufmann Biermann betrieben. Heute befindet sich im Gebäude das Haller Architektenhaus. Der jüdischen Gemeinde diente das Haus bis zur Pogromnacht vorwiegend zum Beten. Die Synagoge war in Steinbach verblieben und wurde besonders an jüdischen Festtagen genutzt.

1933, im Jahr der Machtübernahme der Nationalsozialisten, gehörten 121 Personen zur Haller Gemeinde. Sie bekamen schnell die Aktionen der Nazis zu spüren. Etwa, als am 1. April 1933 eine von der hiesigen NSDAP organisierte und der SA überwachte Boykott­aktion gegen die 20 jüdischen Geschäfte und Geschäftsleute anlief, wie Maisch und Stihler schreiben. Sie stand unter dem Motto „Deutsche, kauft deutsche Waren in deutschen Geschäften“.

Verhaftet und ermordet

Und weiter: „Hauptinstrument der Verfolgung waren jedoch administrative Maßnahmen, deren ausführendes Organ auf lokaler Ebene meist die Haller Stadtverwaltung war.“ Es wurde eine „schrittweise Strangulation des wirtschaftlichen und sozialen Lebens der Juden und schließlich ihre Ermordung durchgeführt“, heißt es im Buch der Haller Stadtarchivare weiter.

Nach der Pogromnacht 1938 flohen einige Haller Juden ins Ausland – sofern sie noch konnten und nicht verhaftet oder gar ermordet wurden. 1941 lebten in Hall nur noch 13 Juden. In dem Jahr begannen die Deportationen in Vernichtungslager, wo die Haller Juden getötet wurden.

Aber auch einige Haller, die beispielsweise nach Holland geflohen waren, überlebten den Krieg nicht. „Insgesamt 40 aus Hall stammende oder dort lebende Juden“, seien im Nachbarland Opfer der Nazis geworden.

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