Gerabronn Inklusion: Jeder soll überall dabei sein können

Kerstin Schreyer (Mitte), eine der beiden Projektleiterinnen, sammelt mit den Teilnehmern Anregungen für ein inklusives Gerabronn.
Kerstin Schreyer (Mitte), eine der beiden Projektleiterinnen, sammelt mit den Teilnehmern Anregungen für ein inklusives Gerabronn. © Foto: Nils Gundel
Gerabronn / Nils Gundel 17.05.2018
Bei der regionalen Ideenkonferenz sammeln die Teilnehmer weitere Verbesserungsvorschläge für die Stadt.

Wie wichtig und präsent das Thema Inklusion in der Stadt Gerabronn ist, hat am Montagabend die Ideenkonferenz des Projekts „gemeinsam inklusiv im Landkreis Schwäbisch Hall“ im Progymnasium gezeigt. Der Raum war gut gefüllt, nur für die Veranstaltung in Schwäbisch Hall gab es mehr Anmeldungen.

Eröffnet wurde der Abend mit einer kurzen Ansprache von Christian Mauch, der selbst Vater eines behinderten Kindes ist: „Inklusion ist ein Thema, das alle angeht.“ Daher seien Projekte wie „gemeinsam inklusiv“ von großem Wert: „Sie zeigen, wie barrierefrei unsere Stadt ist und was man machen kann, um die Situation weiter zu verbessern.“ Er betonte dabei, dass, wenn auch am offensichtlichsten, diese Barrieren nicht immer baulicher Natur sind.

„Alle können überall miteinander und voneinander lernen“, so lautet die zentrale Idee hinter „gemeinsam inklusiv im Landkreis Schwäbisch Hall“. Vorgestellt wurde sie von den beiden Projektleiterinnen Kerstin Schreyer und Hilke Bugaj sowie Melissa Schmidt aus Gerabronn, die für die Offenen Hilfen arbeitet. Sie orientierten sich dabei am Inklusionsbegriff der Aktion Mensch, der wie folgt zusammengefasst wird: „Wenn jeder Mensch überall dabei sein kann, am Arbeitsplatz, beim Wohnen oder in der Freizeit: Das ist Inklusion.“ Die Aktion Mensch unterstützt das Projekt im Landkreis ebenso wie die offenen Hilfen, die evangelische Familienbildung Schwäbisch Hall, die Volkshochschule, die TSG Schwäbisch Hall sowie die Vereine Barrierefrei und Lebenshilfe.

Zu Beginn des Projekts fand eine Befragung von Betroffenen statt, um herauszufinden, wofür diese sich interessieren. Weit oben auf der Beliebtheitsskala fanden sich dabei Ausflüge, vor allem zu Bauernhöfen und zum Wandern, wieder. Ebenfalls überdurchschnittlich oft wurde sich Unterstützung bei Gottesdienstbesuchen gewünscht. Malen, ­Kochen und Sport wurden ebenfalls nachgefragt, Lesen, Schreiben und Sprachen dahingegen weniger.

Auf Basis dieser Nachfrage wurde dann „gemeinsam inklusiv“ ausgerichtet, inzwischen ist das Ziel der Aufbau eines Netzwerks von Bildungseinrichtungen und Vereinen im Landkreis Schwäbisch Hall. Dadurch sollen Bildungsangebote für Menschen mit oder ohne Behinderung im Landkreis Hall geschaffen werden. Hilke Bugaj betonte am Montag, dass es sich dabei „nicht nur um klassische Dinge wie Computerkurse handelt, sondern auch um Inklusion im Vereinswesen, zum Beispiel in der freiwilligen Feuerwehr oder zum Singen im Chor.“ Ein wichtiger Punkt dabei sind Schulungen, um eine Überforderung von Dozenten und Ehrenamtlichen zu verhindern. „Ohne solche Angebote kommt schnell das Gefühl auf: ,Ihr habt das gelernt, und wir sollen das jetzt umsetzen’“, erklärte Kerstin Schreyer. Denn eine Überforderung oder das Gefühl, alleingelassen zu werden, sei der Inklusion nicht zuträglich. Auch die Möglichkeiten einer finanziellen Förderung würden von Vereinen und anderen Einrichtungen gerne unterschätzt.

Pilotgruppe Karateabteilung

Das bestätigte auch Thomas Weinmann, der erste Vorsitzende des TSV Gerabronn. Der Verein bietet seit einiger Zeit eine inklusive Karategruppe, deren Leiter an solchen Schulungen teilnahmen. „Unsere Karateabteilung ist unsere Pilotgruppe, deren Erfahrungen wir jetzt für den Aufbau inklusiver Gruppen in anderen Sportbereichen nutzen“, so Weinmann. Er sah im sportlichen Bereich aber auch Grenzen der Inklusion: „Im Breitensport, so wie er hier in Gerabronn praktiziert wird, ist vieles zu erreichen. Im Leistungssport ist es dahingegen sehr schwierig.“

Nach der Präsentation wurden von den Teilnehmern nicht nur erfolgreiche Maßnahmen, sondern auch Handlungsbedarf formuliert. Ganz weit oben: mehr menschlicher, normaler Umgang miteinander. Die Bedeutung von einem kurzen Gespräch an der Kasse oder dem Grüßen auf der Straße werde von vielen Leuten unterschätzt, für Behinderte sei sie jedoch enorm. Sie erzeugen Zugehörigkeit und das Gefühl, ein normaler Teil des Alltags zu sein.

Ein anderer Dauerbrenner war der Mangel an Fahrdiensten und Busverbindungen. Das gilt zwar grundsätzlich für den ländlichen Raum, trifft Alte und Behinderte jedoch im Besonderen, da diese üblicherweise kein Auto nutzen. Solche Verbindungen sind aber wichtig, da Angebote von Vereinen oder anderen Einrichtungen ansonsten nicht wahrgenommen werden können. Ein Betroffener sagte dazu: „Wenn ich davor abgeholt und danach heimgebracht würde, dann könnte ich mehr machen. Aber momentan geht das nicht.“ Zwar gibt es einige Fahrdienste wie jene der Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler, diese decken aber nur einen Bruchteil des Bedarfs ab. In Gerabronn, wo Behinderte zwar zum Stadtbild gehören, aber zum Beispiel auf der Brettachhöhe wohnen, entsteht dadurch eine widersinnige Situation: Es gibt Angebot und Nachfrage an inklusiven Veranstaltungen, ein Zusammenkommen der Beteiligten scheitert aber im Zweifel an der Erreichbarkeit.

Schmale Wege, steile Treppen

Weitere Punkte waren die teils sehr schmalen Gehwege der Stadt, das Fehlen von Radwegen sowie die evangelische Kirche, deren hohe und steile Treppen für Personen mit Rollstuhl oder Rollator nicht zu überwinden sind. Auch die Öffnungszeiten und der Zugang von öffentlichen Toiletten sorgten immer wieder für Ärger.

Insgesamt schienen die meisten Beteiligten mit dem Ausgang der Ideenkonferenz zufrieden, da sowohl Erfolge als auch Probleme bei der Inklusion in Gera­bronn angesprochen wurden. Die Stadt und ihre Vereine zeigten sich dabei auf dem richtigen, wenn auch langen Weg zum Ziel.

Mehrere Konferenzen im Kreis

In den Kommunen Rot am See, Satteldorf, Wallhausen und Langenburg fanden keine Ideenkonferenzen statt. Interessierte wurden zu Veranstaltungen in Nachbargemeinden eingeladen. Auch in Crailsheim wurde „gemeinsam inklusiv“ nicht vorgestellt, um eine Konkurrenz mit dem gut laufenden Projekt „Inklusio“ zu vermeiden. Die letzte Ideenkonferenz im Landkreis findet in Braunsbach statt.