Schwäbisch Hall Jazztrompeter Till Brönner und Bassist Dieter Ilg improvisieren im Neubau-Saal

BETTINA LOBER 31.03.2014
Die beiden verstehen sich blind: Trompeter Till Brönner und Bassist Dieter Ilg. Beim Internationalen Jazz-Art-Festival lockt das munter improvisierende Duo rund 500 Zuhörer in den Haller Neubau-Saal.

"Der Mann ist ein ganzes Orchester", sagt Till Brönner voll Respekt für den Musik-Freund Dieter Ilg. Er wundere sich immer, was Ilg aus diesem "Kleiderschrank" von Instrument heraushole. Wohl wahr - davon überzeugen sich am Festival-Freitag auch die Besucher im Neubau-Saal. Die Karten für das ursprünglich in der Hospitalkirche geplante Konzert waren im Nu vergriffen, weshalb der Auftritt von Deutschlands momentan wohl berühmtesten Jazzmusiker in den Neubau-Saal verlegt wurde. Bekannt ist Brönner gewiss auch deshalb, weil er seit jeher ein Grenzgänger ist und offen für Pop-Experimente. Er komponiert, arrangiert, produziert - sei es einst für Hildegard Knef, Mousse T oder Thomas Quasthoff. Er schrieb Film-Soundtracks, wie für Pepe Danquarts Tour-de-France-Doku "Höllentour", und saß in der Jury der Casting-Show "X-Factor" auf Vox. Aber der smarte Trompeter hat nie die Bodenhaftung verloren, ist vor allem mit der musikalischen Sprache des Jazz groß geworden - und die spricht er nach wie vor.

Das auf Trompete und Bass reduzierte Duo Brönner/Ilg konzentriert sich ganz auf das Motiv und dessen spontane, kreativen Spielarten. Standards wie "Nobody Else But Me" von Jerome Kern fungieren als Basislager für ausgedehnte Improvisationausflüge: erfinderisch, elegisch, versponnen. Aufmerksam lauschen die Besucher der Klangreise, obwohl hinterher mancher anmerkt, dass ein paar mehr Melodien - als akustische Anker - das Zuhören erleichtert hätten.

Zwei gut aufeinander eingespielte Könner

Beeindruckend jedenfalls: Zwei gut aufeinander eingespielte Könner sind da am Werk. Ilg bereitet mit seinem rhythmisch pointierten, erdigen und wohl-brummenden Bass das Feld für Brönners perlende Tonfolgen. Sei es in "Will Of Nature" oder "A Distant Episode", wenn Brönner mit Hall- und Loop-Pedal arbeitet oder bei "Body and Soul", wenn Ilg die Melodie-Linien des Trompeters strukturiert. Mit geschmeidigem warmem Sound lässt Brönner das Flügelhorn versiert Höhen und Tiefen ausloten, und in Kompositionen wie Ilgs "Savannah Samurai" entwickelt sich ein pulsierender Groove.

Ob bei Ornette Colemans "The Fifth Of Beethoven" oder der Hommage an den Bebop-Saxofonisten Charlie Parker, einer frühen Inspirationsquelle für Brönner, die beiden Musiker versenken sich tief in die Melodien, spielen sich locker die Bälle zu und man spürt: Sie wissen, wie der andere tickt, geben sich Freiheiten.

Ilg ist ein kongenialer Partner - und einmal überlässt Brönner die Bühne auch ganz dem Freiburger Bassisten. Worauf dieser ein atemberaubendes Solo als spannenden Dialog mit sich selbst hinlegt: gezupft und gequietscht. Zudem lässt er Motive aus Smetanas "Moldau" aus dem Handwerksgesellenlied "Es, es, es und es" oder "Der Mond ist aufgegangen" aufblitzen - herrlich.

Doch bei aller Souveränität und Könnerschaft Brönners und Ilgs, ihre Stücke haben zuweilen auch etwas seltsam Steriles, Neutrales, fast Harmloses. Der Funke mag nicht recht überspringen. Ob Brönner noch die Echo-Verleihung vom Vorabend in den Knochen steckt? Zumindest muss ihn die Oberflächlichkeit der TV-Show angeödet haben, lasst er durchblicken. Gut, dass der Jazz ihn wieder erdet. Und mit der Zugabe zeigen Brönner und Ilg noch einmal ihr bewährtes Rezept: Die Air aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3 erklingt eigenwillig, charmant und respektvoll verjazzt. Bach hätte als Meister der Improvisation gewiss seine Freude dran.