Warum wird das Parteiensystem durcheinandergewirbelt?
Ramelow: Um in einer schweren Krise sehr harte oder komplizierte Lösungen zu finden, ist die Große Koalition geeignet. Aber für Alltagspolitik ist eine große Koalition Gift. Wer ist links, wer ist rechts? Jedes Parlament auf der Welt kennt die Rechts-Links-Bindung. Da war Deutschland immer sehr ungewöhnlich in einem drei Parteien-System, das zuerst durch die Grünen erweitert wurde und mit Erstarken der neuen Linke auf fünf Parteien anwuchs. So konnte man das Spektrum bisher abbilden.

Aber Merkel hat in der Einwanderungspolitik einen Linksruck gemacht . . .
. . . aus Sicht der CDU oder Evangelikalen ist das alles Teufelszeug, was sie macht.

Nimmt Ihnen Merkel Themen weg?
Ja und nein. Da unsere klassischen Themen wie Mindestlohn mehr Ausstrahlung hatten, als der Mindestlohn noch nicht eingeführt und bekämpft wurde, ist klar. Damals war unsere starke Stimme für ein gerechteres Verteilungssystem klar zu erkennen. So war das auch bei dem Flüchtlingsthema. Wir waren diejenigen, die das klassischerweise vertreten haben. Auf einmal rücken die Grünen neben die Kanzlerin. Meine Regierung und ich ermutigen nun ständig Merkel, ihren Kurs zu halten - gegen Seehofer. Das macht es schon kompliziert.

Eine Koalition der Linken mit einer Merkel-CDU wäre dann logisch?
Koalitionen bildet man nicht mit einzelnen Personen. Koalitionen müssen sich aushalten. Für was stehen sie? Die Große Koalition tut der parlamentarischen Demokratie in Deutschland nicht gut. Ich würde mir eine größere Blockbildung wünschen, damit die Bevölkerung das Gefühl hat: Sie entscheidet bei der Wahl über etwas. Dann würde man vermeiden, dass man jetzt der AfD hinterherläuft, einem schillernden, irrlichternden Phänomen.

Erklären Sie den Aufstieg der AfD?
Die Lucke-Partei war was anderes als die AfD heute. Höcke und Petry, Gauland und Co. stehen für eine nationalpopulistische Partei, die den rechten Rand bündelt und die Anschlussfähigkeit versucht herzustellen bis ins evangelikale Potenzial durch antiislamische Ausrichtung - also das was in Dresden mit Pegida läuft. Im Moment tun die noch so, als ob die nicht zusammengehören. Aber inhaltlich durchdringen sie sich stark. Das ist das gleiche Milieu, das ist eine Anti-Haltung gegen parlamentarische Demokratie.

Warum erhält die AfD Zustimmung?
Menschen werden aufgeladen mit der Furcht vor etwas, was man nicht kennt. Nämlich den Islam. Die Nachrichten über den IS nutzt man, um jeden friedlichen Moslem gleich mit zu verdächtigen. Das fruchtet auch im reichen Westen, wo Evangelikale immer schon vor dem Islam warnen. Dazu kommt die Angst vor dem möglichen Abstieg. Das ist etwas Subjektives, was sich auch wissenschaftlich belegen lässt. Seit dem Anschlag auf die Erfurter Synagoge lässt das Land Thüringen regelmäßig eine Untersuchung durchführen. Dieselben Menschen werden befragt: Geht es Ihnen besser oder schlechter als zu DDR-Zeiten? Der Einzelne sagt: Es geht mir wesentlich besser. Und die gleiche Befragtengruppe antwortet auf die Frage: Geht es uns besser oder schlechter? Uns geht es schlechter. Das ist eine Paradoxie.

Muss man sich an extrem rechte Parteien im Parlament gewöhnen?
Das wäre mir unangenehm, wenn es so wäre. Wir müssen daher über die deutsche Verantwortung beim Holocaust reden. Immer weniger Zeitzeugen leben noch. Bei der Veranstaltung zum 70. Jahrestag des Kriegsendes hatten wir uns ganz breit aufgestellt. Das hindert nicht vor nationalpopulistischer Hetze. Wir müssen schauen, dass wir den Hasspredigern keinen Raum geben. Da wünsche ich mir auch eine klare Linie von allen anderen. Da wünsche ich mir gemeinsame Zeichen und Veranstaltungen.

Warum schafft es die Linke nicht, im Westen in Parlamente einzuziehen?
Das ist unterschiedlich. Vor fünf Jahren war ich eine Woche im Wahlkampf hier und habe gedacht, wir schaffen das. Dann kam Fukushima. Die Grünen wurden Seniorpartner. Was Fukushima war, ist heute Herr Höcke.

Zeit für eine Kurskorrektur?
Ich finde den Kurs von Frau Merkel in dieser Frage richtig. Es geht um humanitäre Werte, um Grundwerte. Die dürfen nicht einer populistischen Debatte weggeschwemmt werden. Da ist mir meine Partei lieber, die an Werten festhält. Aber sie muss lösungsorientiert handeln.

Haben Sie deshalb auch Papst Franziskus getroffen?
Nein, das wollte ich ja schon seit dem Tag meiner Vereidigung. Ich finde ihn spannend. Ein Papst, der auf den Balkon tritt und "Buona Sera" sagt. Ein Papst, der aus einem anderen Blickwinkel auf die Welt schaut, also nicht von der saturierten westlichen Welt, sondern aus Sicht der katholischen Menschen, die in Favelas unterwegs sind. Auch wenn er ein Mensch ist, der nicht über weltliche Macht verfügt, hat er immerhin die Macht der Worte.

Es bleibt also nur bei Zeichen?
Symbole sind wichtig. Alle, die in Deutschland sagen, die Entwicklung war in den letzten 20 Jahren so gut, denen sage ich: Die Frankfurter Börse wird ihren Sitz nach London verlegen. Was ist das für ein Symbol? Der rheinische Kapitalismus ging einst einher mit der katholischen Soziallehre. Die Ärmsten der Armen wurden nicht vergessen. Dass das alles weg ist, halte ich gesellschaftlich für kreuzgefährlich.

Die angeblich gottlosen Linken reisen zum Papst...
...ich weiß. Manch ein Kommentar in der Partei war: Das ist Verrat am Sozialismus. Mir ist ein Papst lieber, der über Barmherzigkeit und Brückenbau redet als ein theoretischer Akteur, der Revolution mit drei R schreibt, aber im praktischen Leben nichts zu Wege bringt.