Wo und wie haben Sie die Katastrophe vor zwei Wochen erlebt?

FRANK HARSCH: Ich war im Rathaus und habe gewartet, bis es aufhört zu schütten.  Das war um 20 Uhr. Aus dem Fenster habe ich dann aber gesehen, wie Steine runterkommen – erst wenige, dann viele. Da lagen Schutthaufen, Geröllhaufen. Ein Ausmaß. Unvorstellbar!

Haben Sie dieses Ausmaß gleich begreifen können?

In diesem Augenblick ging’s nur ums Überleben. Ich habe nur geschaut, wo noch Leute  in den Häusern sind. Dort habe ich geklopft und gesagt, die sollen raus. Das Wasser ist immer weiter gestiegen. Ich habe  gesehen, dass Autos blinkten, Lichter an waren. Die Fahrzeuge waren verschüttet. Ich würde mal sagen, bis 1 Uhr morgens ist es nur ums Überleben gegangen. Schäden hatten keine  Priorität.

Über Nacht wurden Sie aus einem ruhigen Bürgermeister ein Katastrophenmanager – ohne Vorbereitung.

Auf eine solche Katastrophe kann man sich nicht vorbereiten. Es gibt keinen Masterplan.

Das heißt: learning by doing?

Man muss Entscheidungen treffen. Das muss schnell passieren. Szenarien kann man vorher vielleicht durchspielen. Die Realität ist aber eine ganz andere Situation.

Hat Sie diese Situation mit zu großer Wucht getroffen?

Die ersten zwei Tage war ich geschockt. Ich war überwältigt von dieser Naturgewalt. Die Vorstellung, es ist vielleicht doch jemand ums Leben gekommen – hier in Braunsbach oder den Teilorten – das hat überwogen. Nach dem Schockzustand hat man schon kapiert, was hier abgeht.

In TV-Interviews waren Sie mit zittrigen Händen und gestresstem Blick zu sehen. Wie sehr hat Sie der große Medienrummel mitgenommen?

Das hat ja zwei Seiten. Sicherlich wurde ich oft befragt, vom Fernsehen und Radio – national, international.  Andererseits muss man ganz klar sagen: Es hat dazu beigetragen, dass wir Spenden bekommen haben, in einem Ausmaß, das wir sonst  nie erreicht hätten. Persönlich gestört hat mich der mediale Rummel nicht. Das ist mein Job.

Neben finanzieller Hilfe gab es viele Freiwillige, die angepackt haben.

Das finde ich großartig. Nach vielen Dingen, die in unserer Gesellschaft schlecht gelaufen  sind, ob es die Asyldebatte war oder der Atomausstieg, der Bau der Windkraftanlagen, bei dem wir es uns so schwer machen: Die Gesellschaft war aus meiner Sicht auf keinem guten Weg. Jetzt kommt so eine Katastrophe im eigenen Ort. Und ich bin begeistert, wie unsere Gesellschaft in dieser Not zusammenhält, wie sie kämpft, wie sie herkommt, im Dreck und Schlamm arbeitet, Essen und Geld zur Verfügung stellt. Ich glaube wieder an unsere Gesellschaft.

Freiwillige haben aufgeräumt. Das ist positiv. Dennoch gibt es negative Stimmen, weil manche wieder heimgeschickt wurden.

Gottlob waren sehr viele Helfer da.  Es gibt aber eine Grenze, wo die Effektivität aufhört. Schwere Geräte sind im Ort herumgefahren, große LKW. Da war ein Punkt, wo es zu viele Helfer waren – an maximal eineinhalb Tagen. Wir haben Strukturen aufgebaut,  um Ehrenamtliche zu kanalisieren, zu steuern. Das haben wir in den Griff bekommen.

Neben Ehrenamtlichen kamen Spitzenpolitiker – medienwirksam, aber ohne unmittelbare Hilfe. In Bayern dagegen wurde gleich am ersten Tag der Katastrophe Soforthilfe ausbezahlt. Ärgert Sie das?

Ob das sofort geschieht oder ein paar Tage später, das ist nicht entscheidend. Wichtig ist  die mittelfristige und nachhaltige Hilfe. An der hat es in der Vergangenheit oft gehakt. Politiker waren bei den großen Hochwassern am Rhein und Oder. Hinterher haben sie nichts mehr gewusst.  Das darf hier nicht passieren.

Wie wollen Sie die Politik dazu bewegen, auch in sechs Monaten auf die Gemeinde zu blicken?

Wir haben eine Aussage bekommen, was sich die Politik vorstellt. Die Aussage muss ich erst noch interpretieren und prüfen lassen, weil sie nicht ganz glasklar ist. Aber wenn ich das Schreiben lese, dann klingt es für mich nach nachhaltiger Hilfe. Doch!

Wie kann diese für eine der ärmsten Gemeinden im Haller Landkreis denn aussehen?

Die Schäden durch diese Flutkatastrophe kann eine kleine Gemeinde wie Braunsbach – und dabei ist es egal, ob sie arm oder reich ist – nicht auffangen. Hier muss die Gesellschaft zusammenhalten.

Muss sich der Landkreis finanziell stärker beteiligen?

Die Schäden kann auch der Landkreis nicht zahlen. Die Landkreisverwaltung hat aber bereits super Arbeit geleistet. Die hatten das Katastrophenmanagement  unter sich gehabt. Ich war immer mit dabei. Landrat Gerhard Bauer war fast täglich hier. Die Unterstützung habe ich deutlich gespürt.

Wie kann diese Unterstützung ausgebaut werden?

Wir sind noch immer im Katastrophenmodus. Wir sind noch nicht bei null angelangt, stehen noch bei minus. Wir müssen noch die letzten Häuser freikämpfen. Wir müssen hier und da Wasserleitungen legen, Strom und Telekommunikation anschließen, Dreck und Müll wegfahren.  Wenn das alles erledigt ist, wenn auch keine Gefahr mehr besteht für die Anwohner, erst dann sind wir bei null. Das ist das Einzige, worauf ich mich gerade konzentriere. Da brauchen wir noch rund zwei Wochen. Erst dann fängt der Wiederaufbau an.

Wie lange brauchen Sie dafür?

Das sind so viele Projekte gleichzeitig. Wenn wir von Braunsbach sprechen, sprechen wir auch von Steinkirchen, auch Teilen von Döttingen und Jungholzhausen. Die darf man auf keinen Fall vergessen. Man wird sicherlich solche Millionenprojekte mit den wenigen  Verwaltungsmitarbeitern, die wir in Braunsbach haben, nicht stemmen können. Um alles peu à peu abzuarbeiten, brauchen wird Zeit. Ich schätze drei bis fünf Jahre.

Wie behalten Sie da den Überblick bei 22 Dörfern und Weilern?

Wir haben das Gebiet in Distrikte eingeteilt. Jedem haben wir Ingenieurbüros zugeordnet. Diese haben die Schäden strukturiert dargestellt und erfasst. Alle Fragen werden von den Ingenieurbüros erörtert und gelöst. Anders geht es nicht. Zusätzlich haben wir von der Stadt Hall einen Techniker bekommen, der koordiniert. Nur durch dieses Zusammenspiel – auch mit dem Landratsamt und der Gemeindeverwaltung  – kann man diesen riesigen  Schäden begegnen.

Das heißt, die Ingenieurbüros arbeiten eigenmächtig und vergeben auch Aufträge?

Im Augenblick ist Gefahr in Verzug. Da muss man handeln, da müssen Aufträge schnell erteilt werden. Wenn der Punkt null erreicht ist, geht es wieder den regulären Gang: mit Ausschreibung und allem, was dazugehört.

Derzeit sind Handwerksbetriebe doch ohnehin enorm ausgelastet.

Ich habe mit den Firmen und den Vorständen gesprochen – auch die von Leonhard Weiss waren da. Die haben alle anderen Arbeiten unterbrochen. Da steht halt mal die Baustelle auf der Autobahn oben still. Das ist eine Katastrophe. Die großen Firmen haben das erkannt. Da muss man alles andere liegen lassen und die volle Power einsetzen.

Sieht man auch deshalb so schnell Fortschritte?

Im Zusammenspiel mit den Ehrenamtlichen, mit der Feuerwehr: ja! Da gehört auch die Essensversorgung dazu. In der ersten Woche hat das die Verwaltung gemacht. Jetzt kümmern sich Ehrenamtliche darum. Sie müssen täglich 300, 400 Leute versorgen. Teilweise gibt es Einwohner, die keine Einkaufsmöglichkeiten haben. Man muss eine Logistik aufbauen, innerhalb von wenigen Tagen. Die Lebensmittel wurden allesamt gespendet. Man muss die Sachen kanalisieren, zuordnen und ausgeben. Das ist eine eigene Logistik, nur für Gastronomie. Zahlreiche Ehrenamtliche machen das durch ihre Arbeit möglich.

Gearbeitet wird auch noch im Ort, insbesondere an der Orlacher Straße, wo die Schäden besonders groß sind. Dort wurde die Verdolung des Baches zerfetzt. Ist es richtig, die Natur so einzuzwängen?

Das Haller Tagblatt hat geschrieben, es habe 180 Liter pro Quadratmeter geregnet. Das ist eine Menge, die wir mit technischen Mitteln nicht halten können. Oben an den Klingen gab es riesige Abgänge. Die Verdolung ist im Verhältnis von der Strecke bis zum Kocher minimal. Wir müssen als Menschen akzeptieren, dass es Risiken gibt, die wir nicht beherrschen können. Wir müssen akzeptieren, dass es auch mal zur Katastrophe kommen kann.

Wie kann Braunsbach vorbeugen?

Diese Klingen und Bäche werden so hergestellt, dass alles ordnungsgemäß ist. Klar ist aber: Sie werden für eine Naturkatastrophe mit über 1000-jähriger Wahrscheinlichkeit keinen Schutz hinkriegen – an keinem Ort der Welt. Das macht auch keinen Sinn. Da müssen Sie sonst alles in Frage stellen. Man wird mit diesem Restrisiko leben müssen.

Muss man aber nicht auch die Standorte von sicherheitsrelevanten Einheiten hinterfragen? Das Feuerwehrmagazin war bei der Katastrophe als Erstes abgeschnitten.

Wir leben nun mal im Tal. Sie können hier jeden Standort hinterfragen. An der Stelle stehen schon immer Häuser. Das kann man in uralten Karten von Braunsbach sehen. Die Katastrophe war in der Form einmalig. Der Standort des Feuerwehrmagazins ist gut. Man ist dort weit genug vom Kocher weg. Ich würde das nicht in Frage stellen.

Das Feuerwehrmagazin wurde schwer beschädigt, andere Häuser mussten abgerissen werden. Inwiefern wird es die Perle des Kochertals, wie Sie ihre Gemeinde häufig nennen, wieder geben?

Es fragt sich, ob’s so sein muss, wie es war. Der Ort wird wieder hergerichtet – wer weiß, vielleicht auch viel schöner.  Man muss Dinge überdenken, anders machen, schöner machen, kreativer machen.

Den Schaden als Chance sehen?

Wenn man‘s so will, ja. So weit will ich aber nicht gehen. Klar ist nun aber, dass vieles neu entsteht. Deswegen gibt es vielleicht die Möglichkeit, das Neue für alle schön zu gestalten.

Die Katastrophe hat den Ort verändert. Sie auch?

Ich denke schon. Zumindest insoweit, dass ich festgestellt habe, dass Menschen, wenn‘s eng wird, doch zusammenhalten. Das hat mich schon gewundert. Das war positiv.

Sie haben nach den ersten Tagen erzählt, dass Sie kaum geschlafen haben. Manchen zerbrechen an der enormen Verantwortung. Andere wachsen an ihren Aufgaben. Wie sieht’s bei Ihnen aus?

Darüber wird die Geschichte entscheiden.

Zur Person

Frank Harsch kam am 16. Juli 1971 in Ludwigsburg zur Welt. Nach der Schulzeit absolvierte er eine Ausbildung bei der Bundespost und studierte später Betriebswirtschaft. Anschließend war er zwei Jahre im Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG in Frankfurt tätig, bevor er nach Waldbröl wechselte. Dort war er für Stadtmarketing und Controlling zuständig. Über ein Fernstudium erlangte der Diplom-Betriebswirt (FH) 2004 noch den Master in Verwaltungsmanagement.

Im selben Jahr wurde der 33-Jährige zum damals jüngsten Bürgermeister im Landkreis gewählt. Er löste in Braunsbach Ulrich Naas ab. 2012 wurde Harsch mit 90 Prozent bei 50,5 Prozent Wahlbeteiligung als Alleinkandidat wiedergewählt.

Frank Harsch ist verheiratet und hat eine 16-jährige Tochter.