Schwäbisch Hall Interaktives Improvisieren, verblüffende Variabilität

Luciano Biondini (Akkordeon), Andreas Schaerer (Gesang), Kalle Kalima (Gitarre) und  Lucas Niggli (Schlagzeug).
Luciano Biondini (Akkordeon), Andreas Schaerer (Gesang), Kalle Kalima (Gitarre) und Lucas Niggli (Schlagzeug). © Foto: Hans Kumpf
Schwäbisch Hall / Hans Kumpf 25.09.2018
Vier Solisten machen unter der Leitung des Sängers Andreas Schaerer in Hall globale Musik der Spitzenklasse.

Fast alle waren schon einmal da: Der finnische Gitarrist Kalle Kalima spielte im Januar 2017 mit eigenem Trio bei der Jazztime-Reihe, der italienische Akkordeonist Luciano Biondini trat mit dem Oud-Spieler Rabih Abou-Khalil 2016 in der Hospitalkirche auf, und der Vokalakrobat Andreas Schaerer beehrte 2017 mit seinem preisgekrönten Ensemble „Hildegard lernt fliegen“ das Jazz-Art-Festival. Gemeinsam mit dem Schweizer Lucas Niggli (Schlagzeug) bilden sie fürwahr ein All-Star-Quartett, welches unter der Bezeichnung „A Novel of Anomaly“ (Ein Roman des Abnormalen) firmiert. Auf Einladung des Haller Jazzclubs und des Kulturbüros konzertieren die vier unter Barock­engeln und Aposteln.

Nur etwa sechzig Zuhörer kamen zu diesem hochinteressanten Event in die Haller Hospitalkirche. Gleich das erste Stück weist eine spannende Variabilität auf. Hohe jaulende Töne der E-Gitarre, zuweilen klingend wie ein chinesischer Tempelgong,finden im Gebrummel des Knopfakkordeons einen stimmigen Kontrast. Nach englischsprachigen Textpartikeln kommt eine fernöstliche Klangmalerei in agogisch langsamem Tempo auf, weiche Filzschlägel bewirken auf Fellen und Becken sanfte Akzente.

Student bei Bobby McFerrin

Andreas Schaerer singt wortlos intonationsreinst im hohen Falsett, erinnert an einen klassisch geschulten Countertenor und führt aber auch rhythmisch präzise Perkussionsvokalisen wie so manche indische Tablatrommler auf. Der 1976 geborene Schweizer, zeitweilig Student von Bobby McFerrin, lehrt an der Hochschule der Künste in Bern Jazzgesang. Und wie McFerrin wird Schaerer später am Abend mit solovokaler Polyphonie verblüffen – mit musikalischem Sinn und Sinnlichkeit. Und beide imitieren gerne gestenreich Musikinstrumente, sei es eine Trompete oder ein elektronisches Theremin.

Luciano Biondini funktioniert bei Flamenco-Phrasen sein gewichtiges Akkordeon quasi um in ein leichtgängiges Bandoneon des Tango-Virtuosen Astor Piazzolla. Voller Spielfreude reißt es den Italiener immer wieder vom Klavierpolsterschemel, um näher beim finnischen Kollegen Kalle Kalima zu sein, mit dem er dann improvisatorisch bestens interagiert. Das entzückte Publikum quittiert die Aktionen oft mit johlend-jubelndem Applaus.

In Donaueschingen war Schlagwerker Lucas Niggli mal primitiv punkhaft (2006), mal schön soundsensibel (2016) zu erleben. Bei seinem Debüt in Hall überzeugt der Schweizer durch Vielseitigkeit – sowohl durch Klangakkuratesse als auch durch rockiges Zupacken. Nicht weniger variabel bedient der in Berlin wohnende Kalima sein Gitarrenbrett und beherrscht mit Pedalen und Knöpfen diverse Technik-Tricks.

Als Zugabe wird die folkloristisch anmutende Komposition „Getalateria“ von Andreas Schaerer genommen: Der veritable Vokalartist liefert sich hierbei erneut ein inniges Improvisationsduo mit dem Akkordeonisten Biondini.

Info Das nächste Konzert der Reihe Jazztime findet bereits am kommenden Samstag, 29. September, statt und wird „Very British“ mit dem Trompeter Tom Arthurs und dessen Trio. Veranstaltungsbeginn ist um 19.30 Uhr.

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