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Verschleppung, Folter und Mord: Professor Dr. Idit Gil aus Tel Aviv forscht über jüdische Zwangsarbeiter und sprach am Ostersonntag auf der KZ-Gedenkstätte in Hessental. Gils Vater überlebte den Holocaust in Auschwitz, sein Bruder starb.
Der Wind pfeift zwischen den hölzernen Stelen hindurch, dunkle Wolken ziehen auf. Klezmer erklingt am Rande des Hessentaler Bahnhofs. Armin Rager zittert, während er die Klarinette ansetzt. Die drei Musiker von „Alakart“ aus Kirchberg tragen feine Anzüge, keine Jacken. Es ist ein kalter, unangenehmer Ostersonntag.

Unangenehm war es dort auch vor exakt 70 Jahren – vor allem für die jüdischen Häftlinge des KZ-Außenlagers. Für jene, die die harte Zwangsarbeit und Folter überlebt haben, begann der grausame Todesmarsch in Richtung Dachau.

Dr. Idit Gil aus Tel Aviv erforscht als Schwerpunkt den Transport von über 2000 jüdischen Männern im Jahr 1944 aus Radom (Polen) über Auschwitz ins KZ Vaihingen. 800 Häftlinge aus diesem Transport wurden ins KZ Hessental überstellt.

Die 55-jährige Professorin spricht 70 Jahre nach der Auflösung des Außenlagers von Handwerkern, Lehrlingen, Händlern, Industriellen und Rabbinern – unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, „aber sie alle wurden durch die Nazis als Juden definiert“. Sie seien wirtschaftlich und ideologisch ausgenutzt worden.

Vor knapp 100 Besuchern berichtet Gil auf Deutsch von Arbeitslagern, Ghettos und alltäglichem Mord. „So wurden zum Beispiel am 3. und 4. November 1943 beim sogenannten Erntefest fast alle jüdischen Arbeiter in Lublin ermordet“ – knapp 43000. „Die Überlebenden waren nur diejenigen, die entweder direkt für die SS oder für die Rüstungsbetriebe gearbeitet haben.“

Während die Besucherin aus Israel durch das Hessentaler Stelenfeld geht, blickt sie auf die vielen Tafeln. „Ich kenne die Namen darauf“, sagt die Historikerin. Es sind jüdische Opfer von Folter und des sinnlosen Mordens. Neben Wut verspüre Gil aber auch ein gutes Gefühl. „Es ist schön, diese Namen zu lesen. Das ist ein Zeichen, dass die Menschen nicht vergessen sind.“

Idit Gils Familie ist durch den Holocaust selbst gezeichnet. Ihr Vater Chaim Gil stammte aus der Gegend um Radom und wurde 1944 nach Auschwitz deportiert. Er überlebte und machte sich auf die Suche nach seinem Bruder Yankiel, der ebenfalls deportiert worden war. Erst 63 Jahre später sollte er durch den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes Gewissheit bekommen: Yankiel Gil kam 1944 im Bisinger Konzentrationslager ums Leben.

Das ist mit ein Grund, wieso Idit Gil sich noch heute intensiv mit den Schicksalen der ermordeten Juden auseinandersetzt. „Es ist emotional, sehr bewegend.“ Es sei wichtig, sich auch mit dem Hass zu beschäftigen. „So lernt man, was Intoleranz bewirken kann, wozu Menschen fähig sind.“ Das erschrecke, mache Angst. Noch heute habe sie Albträume. „Namen gehen mir durch den Kopf, manche haben überlebt, manche nicht – aufgrund willkürlicher Entscheidungen.“

Tod war auch Alltag im Konzentrationslager Hessental. Die Bedingungen für die Häftlinge seien katastrophal gewesen, wie auch in den hunderten anderen KZ. Allein 1944 seien 588 neue gebaut worden, 310 davon zwischen Juli und Oktober. „Es war der tödlichste Zeitraum für KZ-Häftlinge.“ Gil spricht von einer „ungenügenden Professionalität der SS“, die es kaum schaffte, die stetig steigende Zahl an Lagern zu verwalten. „Dadurch wurde das System ineffizienter und tödlicher.“

Gil nennt das Beispiel Kochendorf, wo einen Monat nach der Eröffnung gerade mal eine Baracke für 653 Menschen zur Verfügung stand. „Die Häftlinge wurden in drei Reihen Pritschen gequetscht.“ Im Schnitt hätten sich drei Personen eine Decke geteilt. Krankheiten hätten sich rasant ausgebreitet.

Die Quellen für Gils Forschungen sind SS-Dokumente sowie Zeugenaussagen der „Henker und Überlebenden“, wie sie sagt. Besonders wertvoll seien das Tagebuch von Joseph Giser und ein Brief von David Zeitlin – beide Hessentaler Häftlinge. Sie berichten von Belgiern, die halfen und über die Solidarität zwischen den Juden. Zeitlin starb, wohl auch Giser, erzählt Gil.

Die Dokumente, die sie den Hallern überlässt, seien wichtig für die historische Aufarbeitung. „Und die ist wichtig, um die Zeit zu verstehen.“ Man müsse Lehren ziehen, diese weiter tragen. „Daher ist der Platz an dem wir uns hier in Hessental befinden so wichtig, um die Werte der Toleranz, Solidarität und Akzeptanz anderer Menschen jeden Glaubens und jeder ethnischen Gruppe zu verbreiten“, sagt Idit Gil.

Dem schließt sich Siegfried Hubele von der Initiative KZ-Gedenkstätte Hessental an. „Alle möglichen Ideologien zur Begründung sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Ausgrenzung haben Konjunktur.“ Gegenwehr sei gefragt, das erfordere Zivilcourage. „Sie ist von jeder und jedem erbringbar – und sie wurde auch von den Überlebenden der Konzentrationslager eingefordert.“