Fast 500 Jahre lang sind Bürger aus Michelbach und Umgebung in dem schmucken Fachwerkhaus an der Kirchstraße eingekehrt. Seit Jahresbeginn ist nun die Küche in der Sonne kalt. Ein Zettel klebt an der Eingangstüre: geschlossen. Damit endet nicht nur die Ära der Familie Wassermann, die dort seit 1930 ein gastliches Haus geführt und die Bürger über die angeschlossene Metzgerei mit Fleisch und Wurst versorgt hat.

Gespräche mit möglichen Betreibern wurden geführt

Mit dem Ende der Traditionsgaststätte „fehlt für die Bürger natürlich ein wichtiger Nahversorger, der zusammen mit der Bäckerei und dem Dorfladen sowie den ortsansässigen Bio- und Hofläden die Grundversorgung sichergestellt hat“, stellt Bürgermeister Werner Dörr fest. „Es ist aus Sicht der Gemeinde natürlich sehr bedauerlich“, sagt Dörr weiter, „dass ein über Generationen geführtes Unternehmen nicht mehr weitergeht.

Noch wichtiger als bisher werde nun der Dorfladen Ferdinand, „da bei ihm jetzt Wurst- und Fleischwaren stärker nachgefragt sein werden“, meint Dörr. Er will das Loch in der Nahversorgung „schnellstmöglich stopfen“. In welcher Form dies möglich werde, sei noch offen. „Es gibt zwar Überlegungen und es wurden auch bereits Gespräche geführt, aber es ist noch nichts konkret oder gar schon in trockenen Tüchern. Aber wir sind dran – so viel kann zumindest schon gesagt werden.“

Zwei Gründe waren ausschlaggebend für die Entscheidung: Metzgermeister Oswald Wassermann (63) ist aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand gegangen und sein Sohn, Metzgermeister Johannes Wassermann, hat sich entschieden, beruflich umzusatteln. Er hat jetzt mit 36 Jahren eine Ausbildung zum Industriemechaniker begonnen. In den vergangenen acht Jahren hatten zunächst Oswald, Susanne (60) und Johannes Wassermann den Betrieb geführt, zuletzt, wegen der Erkrankung des Altmeisters, nur noch Mutter und Sohn. „Es war ein langer Prozess“, erklärt Oswald Wassermann die Entscheidung, „er sieht seinen Weg woanders.“ Sohn Johannes Wassermann ergänzt: „Ich wollte mich einfach noch mal beruflich neu orientieren.“ Die Belastung sei schon groß gewesen, die Arbeitstage lang, fügt Susanne Wassermann an: „Tagsüber in der Metzgerei schaffen, abends in der Wirtschaft stehen.“ Und es sei schwierig, im Handwerk und in der Gastronomie Personal zu finden. „Es gibt viele Gäste und Kunden, die das verstehen“, berichtet der Seniorchef von Gesprächen. „Ebenso viele bedauern es auch.“

Wie Berthold Krist, Hauptamtsleiter der Gemeinde, feststellt, „war für manche Michelbacher Vereine die Sonne das Traditionslokal. Etliche Stammtische brachten Gruppen und Personen zusammen.“ Zahlreiche Familienfeiern wurden bei Wassermanns abgehalten. „Legendär sind auch manche Nachsitzungen des Gemeinderats“, fügt Krist an. „Die Debattierfreude endete gelegentlich erst mit dem beginnenden Morgengrauen.“ Gerade zu diesen Diskussionen dürfte Oswald Wassermann beigetragen haben, er war gut 28 Jahre Gemeinderat in Michelbach.

Haupterwerb für die Familie war die Metzgerei. Hatten Wassermanns zunächst selbst geschlachtet, ließen sie später in Eutendorf schlachten, dann bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Hall und zuletzt bei Wielands in Unterrot. In der Westheimer Filiale der Metzgerei Wieland arbeitet seit Jahresanfang Fleischereifachverkäuferin Susanne Wassermann. Und Oswald Wassermann wird weiterhin als Hausmann nach dem Rechten schauen. Beide freuen sich darauf, „dass es etwas ruhiger wird. Dass wir Zeit für die Familie haben, vor allem für unsere fünf Enkel – das, was wir seither nicht hatten“, fügt Oswald Wassermann an. Gelegentlich wird aber noch Licht in der Gaststube brennen: Wassermanns wollen die Gasträume für Partys und Feiern vermieten.

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Die „Sonne“ war das älteste Gasthaus in Michelbach


Nach der Kirche dürfte die „Sonne“ das zweitälteste Gebäude im Ort sein, vermutet Jürgen Elßer. Der Michelbacher hat eine 80-seitige Dokumentation über das Haus geschrieben. Dieses wurde zwischen 1550 und 1560 gebaut.

Zur „Sonne“, die im 19. Jahrhundert den Rang einer „Schildwirtschaft“ hatte, gehörten früher eine Landwirtschaft und eine Brauerei. Der Wirt durfte Essen und Getränke anbieten, Gäste beherbergen und Vieh einstellen.

1930 kauften Johann und Karoline Wassermann, die Großeltern von Oswald Wassermann, das Anwesen. 1954 ging es auf dessen Eltern Hans und Irene über. 1979 stiegen Oswald und Susanne Wassermann ein. sel