Schwäbisch Hall Haller schreibt an internationalem Geschichtsbuch

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 29.08.2018
Der pensionierte Haller Geschichtslehrer Herbert Kohl arbeitet an einem deutsch-polnischen Geschichtsbuch mit.

Mit der Arbeit an Geschichtsbüchern kennt sich Herbert Kohl ziemlich gut aus. Von 1977 bis 2016 hat er am Haller Erasmus-Widmann-Gymnasium Englisch und Geschichte unterrichtet. Während seiner Lehrer-Laufbahn hat der 66-Jährige fünf verschiedene Bildungspläne miterlebt – und als Schulbuchautor an etlichen Unterrichtsbüchern für das Fach Geschichte mitgearbeitet.

Derzeit ist er an einem binationalen Projekt beteiligt: ein gemeinsames deutsch-polnisches Geschichtsbuch. Die Arbeit wird auch vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig unterstützt. Ziel ist es, ein Schulbuch zu kreieren, „das inhalts- und wortgleich in beiden Ländern erscheint“, erklärt Kohl.

Das heißt aber auch, dass das Buch sowohl den Lehrplananforderungen der 16 deutschen Bundesländer als auch der polnischen Lehrplangrundlage entsprechen muss. Kein einfaches Unterfangen, zumal es zwischen beiden Ländern grundsätzliche Unterschiede gibt, lässt Kohl durchblicken. In Polen seien die Schulbuchautoren oft Universitätswissenschaftler, in Deutschland aber Pädagogen, die aus der Praxis kommen.

Dazu kommt das mehrstufige Verfahren, nach dem die gemeinsame Schulbuchkommission vorgehen muss – Übersetzungen, Begutachtung eines Expertenrats und so weiter. Ein komplexes, aber eben auch ambitioniertes Projekt. „Das ist schon die Champions League“, sagt Kohl lächelnd.

Die Schulbuchreihe ist auf vier Bände mit jeweils rund 250 Seiten angelegt. Thematisch erstreckt sie sich von der Antike bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Die ersten zwei Bände sind bereits erschienen. „Es dauert zwei bis zweieinhalb Jahre, bis ein Band fertig ist“, erzählt Herbert Kohl. Er ist bei Band drei, der mittlerweile fast komplett ist, ins Projekt eingestiegen.

Frühes Multikulti in Zamosc

Als sich Herbert Kohl vorbereitete, blätterte er durch den schon bestehenden zweiten Band – und stieß auf Seite 125 auf Schwäbisch Halls polnische Partnerstadt Zamosc als Idealtypus einer Renaissancestadt. „Zamosc wird ja auch ,Padua des Ostens‘ genannt“, sagt Kohl. Die Stadt zog Menschen aus vielen Ländern und mit verschiedenen Religionen an – Juden, Schotten, Armenier, Griechen, Ungarn, Italiener und weitere. „Dort wurden quasi Fachkräfte angeworben.“

Dass Zamosc als Musterbeispiel eines multi-ethnischen Gemeinwesens gezeigt wird, „und dass hier zu sehen ist, dass Multikulturalität ein Teil unserer Geschichte ist“, hat Kohl in besonderer Weise berührt. Das mag auch biografische Gründe haben. Als er selbst in den 60er-Jahren zur Schule ging, spielten Themen aus der osteuropäischen Geschichte noch eine große Rolle. Als Kind von Heimatvertriebenen war Herbert Kohl die Thematik seit jeher vertraut. Durch die neue Ostpolitik der Regierung Brandt-Scheel in den frühen 70er-Jahren habe er sich aber von der Eltern-Perspektive emanzipiert. „Die Aussöhnung mit den Völkern Osteuropas wurde für mich auch zu einem ganz persönlichen Anliegen.“

Reise war Wunsch der Schüler

Als junger Geschichtslehrer in Hall ist es ihm Ende der 80er-Jahre gelungen, Jugendliche seiner Geschichts-AG für eine Fahrt ins polnische Zamosc zu gewinnen. Gemeinsam leisteten sie dort einen mehrtägigen Arbeitseinsatz in der Rotunde, der NS-Gedenkstätte. „Zamosc hatte unter der Nazi-Diktatur besonders gelitten“, erklärt der Pädagoge. Der Besuch stieß in der Haller Partnerstadt auf große Resonanz. In der Zeitung wurde mit Bildern und Interviews berichtet. Darin wurde deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auch den Schülern des Haller Erasmus-Widmann-Gymnasiums ein echtes Anliegen wurde, die Reise nach Zamosc war ihr Wunsch. „Auch wenn wir, die Jugend, nicht schuld sind an der Tragödie des Zweiten Weltkriegs, wollen wir dennoch darüber reden und nachdenken“, wird ein Schüler zitiert.

Kohl erinnert sich gerne an diese Aktion. „Das war vielleicht das Beste, was ich als Lehrer gemacht habe“, sagt er. Damit schaffte er das, worum es im modernen Geschichtsunterricht geht: nicht stupides Faktenpauken, sondern „ein offenes Geschichtsbild zu bilden, damit die Schüler selbst bewerten können“ – historische Kompetenzen zu vermitteln. Oder wie Herbert Kohl es auch ausdrückt: Fragen an die Vergangenheit stellen. Seine Faszination für die Historie hört auch im Ruhestand nicht auf. Denn: „Im Grunde stellt man damit Fragen ans Leben.“

Großes Faible für die Geschichte

Herbert Kohl wurde 1956 geboren. Seine Eltern waren Sudetendeutsche aus dem Riesengebirge. Als Heimatvertriebene kamen sie zunächst nach Bayern, dann nach Nordrhein-Westfalen. Herbert Kohl studierte in Münster und Tübingen. Von 1977 bis zu seiner Pensionierung 2016 unterrichtete er Englisch und Geschichte am Erasmus-Widmann-Gymnasium in Hall. Er war dort Verbindungslehrer, Personalrat und organisierte Austauschprogramme. Von 1990 bis 2006 war er Fachberater fürs Regierungspräsidium. 1997 ging Kohl als Lehrbeauftragter an das staatliche Seminar für Schulpädagogik Heilbronn, 2004 wurde er zum Fachleiter für Geschichte ernannt. Ab 2005 übernahm er fachdidaktische Lehraufträge an der Uni Heidelberg. Nebenbei hat er als Autor an Schulbüchern mitgearbeitet und historische Publikationen verfasst. Kohl ist stellvertretender Vorsitzender des Historischen Vereins für Württembergisch Franken und im Vorstand des Vereins Alt Hall. Der 66-Jährige ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. blo

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