Vier-Augen-Prinzip Im Spagat zwischen Recht auf Familie und Kinderschutz

Nicht alle Kinder wachsen behütet auf. Im Kreis Hall hat es 2017 insgesamt 174 Hinweise ans Jugendamt zu Kindeswohlgefährdung gegeben. Bei einem Drittel lag eine akute Gefährdung vor, informiert die Fachbereichsleiterin im Jugendhilfeausschuss.
Nicht alle Kinder wachsen behütet auf. Im Kreis Hall hat es 2017 insgesamt 174 Hinweise ans Jugendamt zu Kindeswohlgefährdung gegeben. Bei einem Drittel lag eine akute Gefährdung vor, informiert die Fachbereichsleiterin im Jugendhilfeausschuss. © Foto: epd/Steffen Schellhorn
Landkreis / Marcus Haas 09.06.2018

Wann erfolgt der Zugriff? Was machen Sie, wenn Sie wieder gehen müssen, aber ein schlechtes Gefühl haben?“, fragen Friedrich Waller (Freie) und Siegfried Trittner (Freie) am Donnerstag im Jugendhilfeausschuss. Die Fragen der Kreisräte führen in den Kern der schwierigen Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Jugendamts.

Fachbereichsleiterin Ulrike Seip erklärt die Vorgehensweise bei Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung (KWG). Gewichtige Anhaltspunkte für KWG sind unter anderem körperliche und seelische Vernachlässigung, körperliche Misshandlung und sexuelle Gewalt. „Dann greift das Vier-Augen-Prinzip. Mindestens zwei Fachkräfte schätzen sofort ein, ob eine Überprüfung erforderlich ist“, sagt Seip.

Akute Gefahr

Die Fachbereichsleiterin erläutert drei Szenarien. Wenn keine Anhaltspunkte für KWG vorliegen, wird eventuell ein für die Eltern freiwilliges Beratungsangebot gemacht. Gibt es Hinweise, aber keine akute Gefahr, erfolgt ein Hausbesuch zu zweit innerhalb von zwei Wochen. Erhärtet sich der Verdacht, wird mit den Eltern ein Schutzkonzept erstellt. Beim dritten Szenario gibt es Hinweise auf eine akute Gefährdung und der Hausbesuch erfolgt zu zweit am gleichen Tag. Es kann eine Inobhutnahme des Kindes nötig sein, das Familiengericht eingeschaltet werden. „Wir haben eine fachliche Haltung. Wenn ein schlechtes Gefühl bleibt, dann bleiben wir dran“, sagt Seip. Ziel: mit den Eltern einen gemeinsamen Termin im Kindergarten vereinbaren. Sind die nicht bereit, wird das Familiengericht eingeschaltet. Das kann Auflagen machen, damit die Eltern mitwirken müssen. „Es wird aber keine 100-prozentige Sicherheit geben. Eltern täuschen bewusst, Dinge bleiben unsichtbar. Wir kommen an Grenzen“, so Seip. Die Meldungen auf KWG im Kreis stiegen von 137 im Jahr 2016 auf 174 in 2017 und verteilen sich zu je einem Drittel auf die drei Szenarien.

Seip gibt zudem den aktuellen Stand des überarbeiteten Konzepts zum Schutzauftrag wieder, nennt positive Veränderungen. Zwei neue Stellen wurden im ASD geschaffen. Sie erläutert ein durchgängiges Vier-Augen-Prinzip, einen internen Arbeitskreis Kinderschutz, einen Ausbau der Netzwerkarbeit. Es gebe Entlastung bei den Mitarbeitern, weil Fallzahlen sinken. Zudem wird das Haller Jugendamt an einer landesweiten Überprüfung der Schutzkonzepte teilnehmen.

Der Kreis hatte bereits 2016 das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz beauftragt, bestehende Kinderschutzstandards im ASD zu überprüfen und Empfehlungen abzugeben, um das Konzept zu überarbeiten. Hintergrund ist Paragraf 8a im Sozialgesetzbuch VIII: „Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen angezeigt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen.“ Andererseits gibt es das „Recht auf Familie als Grundrecht“, sagt der Erste Landesbeamte Michael Knaus. Der Schutz von Ehe und Familie steht im Artikel 6 des Grundgesetzes. „Eine schwierige Güterabwägung. Rechtliche Hürden sind hoch“, ergänzt Werner Hepp (Arbeiterwohlfahrt). Gemeinsame Qualifizierung und Vernetzung seien wichtig. „Wie mit Verdachtsfällen umgegangen werden soll“, benennt Rüdiger Schorpp (SPD) ein Thema an Schulen und schlägt vor, dass Jugendamtsmitarbeiter an Schulleiterdienstbesprechungen teilnehmen.

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